„Gemischtwaren IV“: Kulturhaus Walle Brodelpott zeigt Arbeiten von Siko Ortner

Graffitikunst ganz gesetzestreu

Osterfeuerberg. Wer beim Begriff "Graffiti" automatisch an strafbare Nacht- und Nebelaktionen von Jugendlichen in dunklen Kapuzenjacken und mit klappernden Spraydosen denkt, der sollte unbedingt das Kulturhaus Walle Brodelpott besuchen. Denn dort ist aktuell zu sehen, was dabei herauskommen kann, wenn Graffiti-Künstler vollkommen legal arbeiten: "Gemischtwaren IV" heißt die Ausstellung mit Arbeiten des Hamburger Künstlers und Graffitidozenten Siko Ortner, die dort am Sonntag eröffnet wurde.
07.06.2012, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Anne Gerling

Osterfeuerberg. Wer beim Begriff "Graffiti" automatisch an strafbare Nacht- und Nebelaktionen von Jugendlichen in dunklen Kapuzenjacken und mit klappernden Spraydosen denkt, der sollte unbedingt das Kulturhaus Walle Brodelpott besuchen. Denn dort ist aktuell zu sehen, was dabei herauskommen kann, wenn Graffiti-Künstler vollkommen legal arbeiten: "Gemischtwaren IV" heißt die Ausstellung mit Arbeiten des Hamburger Künstlers und Graffitidozenten Siko Ortner, die dort am Sonntag eröffnet wurde.

Der Titel der Schau bezieht sich einerseits auf die ausgestellte Motivvielfalt und andererseits auf die unterschiedlichen Techniken, mit denen Siko Ortner, Jahrgang 1969, arbeitet: Mal empfindet er per Airbrushverfahren einen Pinselstrich nach, mal sprüht er Öl- oder Aquarellfarbe oder setzt eines seiner Graffiti-Motive als Radierung um.

Schon als kleiner Junge hat Siko Ortner begeistert gebastelt und gemalt, und mit etwa elf Jahren dann zum ersten Mal eine Sprühdose in die Hand bekommen – das war auf Familienbesuch in Spanien, am Strand von Barcelona, wo damals andere Kinder mit den Farbdosen herumsprühten. Bis heute erinnert der Hamburger sich an sein erstes Graffito, das er damals fabrizierte: "Ich habe in dem Schriftzug den Stil von einer Kaugummipackung nachempfunden."

Ein Unrechtsbewusstsein verspürte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Das allerdings meldete sich später und entwickelte sich dann sehr ausgeprägt. Nur ein- oder zweimal hat Siko Ortner Anfang der 1980er-Jahre illegal gemalt. "Ich bin dabei nervlich fast kaputt gegangen", erklärt er, wieso er schließlich ein gesetzestreuer Sprüher wurde. Schon früh wandte sich Siko Ortner dabei der Stencil Art – dem Schablonengraffiti – zu und entwickelte 1988/89 mehrfarbige Stencils. 1989 entwarf er für den 800. Hafengeburtstag Hamburg ein 3,90 mal 18 Meter großes Stencilgemälde, das bedeutende Gebäude der Hansestadt auf einem Schiff zeigte. Mittlerweile bringt er diese Technik Schülern bei, so zum Beispiel aktuell im Kulturzentrum in Pusdorf.

Ein anderes Verständnis seiner Umwelt erwarb der gebürtige Hamburger außerdem später durch sein Jura-Studium mit den Schwerpunkten Menschenrecht und Internationales Recht. Dies erklärt Siko Ortners politisch geprägte Bilder – in der Ausstellung ist etwa eine Radierung des Motivs "Kein Blut für Öl" zu sehen, das er ursprünglich 2002 bei einer Kulturveranstaltung am Buntentorsteinweg als Graffiti-Live-Act gesprüht hat. "Oben auf dem Dach des Gebäudes stand währenddessen ein Minnesänger. Es war eine wirklich skurrile Situation", erinnert er sich. Die Radierung fertigte er Jahre später an, "weil mir das Thema wichtig ist." Sie ist jetzt im Brodelpott zu sehen; die Ausstellung umfasst neben politischen Bildern auch Themen wie Gefühle, Sport, Biomechanik, Landschaften – und Bilder mit Balduin, dem Sprühdosenmännchen. "Das ist eine von mir erfundene Comicfigur, die ich immer wieder in andere Situationen stecke und die viel von mir verrät", erzählt Siko Ortner. Kuratiert wurde die Schau übrigens von Carola Menzel, die sich nach fast 30 Jahren mit dieser letzten offiziell von ihr betreuten Ausstellung vom Brodelpott verabschiedet.

Die Ausstellung "Gemischtwaren IV" ist noch bis Sonntag, 15. Juli, im Kulturhaus Walle Brodelpott, Schleswiger Straße 4, zu sehen. Geöffnet montags, mittwochs und freitags von 10 bis 13 Uhr sowie montags bis donnerstags von 15 bis 18 Uhr und freitags von 15 bis 17 Uhr.

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