Verborgene Oase jenseits der Bahngleise

Parzellengebiet soll zum Naherholungsgebiet werden

Die Idee ist schon Jahrzehnte alt: Bremens größtes zusammenhängendes Parzellengebiet im Westen der Stadt soll zu einem Naherholungsgebiet umgestaltet werden. Dafür baucht man aber einen langen Atem.
19.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Parzellengebiet soll zum Naherholungsgebiet werden
Von Anne Gerling
Parzellengebiet soll zum Naherholungsgebiet werden

Seit 2015 führt in Höhe Chrysanthemenweg eine Brücke über das Waller Fleet in den Grünen Bremer Westen.

Roland Scheitz

Die Waller und Gröpelinger haben es gut, findet Thomas Knode, der in der Umweltbehörde Planungsprojekte im öffentlichen Grün verantwortet: „Man muss nur einmal unter der Autobahn durch – und dann ist man in einer grünen Oase. Das ist dort wirklich ein Idyll.“

Die vielen Kleingärten in der Waller Feldmark und im Blockland vor den Toren der Stadt dienten einst den kleinen Leuten in den Arbeiterstadtteilen Walle und Gröpelingen zur Selbstversorgung und zur Erholung in ihrer Freizeit. Später fand die ausgebombte Bevölkerung aus dem Bremer Westen dort in den sogenannten Kaisenhäusern Zuflucht.

Nachdem mittlerweile das Wohnen auf Parzelle nur noch „Auswohnern“ erlaubt ist und der Kleingarten als Existenzgrundlage an Bedeutung verloren hat, fielen aber immer mehr Gärten brach und das Gebiet drohte zu verwahrlosen.

Vor diesem Hintergrund hatte im Mai 2013 das Umweltressort die mehr als zehn dort ansässigen Kleingartenvereine, verschiedene Waller Einrichtungen und den Beirat zu einer Ideenwerkstatt ins Ortsamt eingeladen. Und tatsächlich: Nach fünf Workshops stand im März 2015 ein Paket mit mehr als 30 Maßnahmen, durch die das Gebiet zum „Naherholungspark Bremer Westen“ entwickelt werden könnte.

Tatsächlich sei schon weit vor der Jahrtausendwende vom Senat beschlossen worden, das Areal „parkartig“ zu entwickeln, so Knode: „Es wurden dafür aber nie Personal und Gelder eingestellt.“

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Foto: DIE SENATORIN FÜR KLIMASCHUTZ, UMWELT, MOBILITÄT, STADTENTWICKLUNG UND WOHNUNGSBAU

Ab 2016 konnte Knode immerhin mit einer von der Behörde herausgegebenen Broschüre für das Vorhaben werben. Darin war nachzulesen: Aufgegebene Kaisenhäuser sollten abgerissen und verwilderte Parzellen zusammengelegt und in Streuobstwiesen, Waldflächen und Feuchtbiotope verwandelt werden. Die wenigen Zugänge zum Gebiet sollten freundlicher und einladender werden. Und vor allem sollte auch das Wegenetz im Gebiet deutlich verbessert und ausgeschildert werden. Ein erster großer Schritt in diese Richtung war im Sommer 2015 mit dem Bau einer neuen Betonbrücke für Radfahrer und Fußgänger über das Waller Fleet in Höhe Chrysanthemenweg / Storchenweg gemacht worden.

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Knode musste für diese Brücke – die eine attraktive neue und stadtteilübergreifende Wegeverbindung von Findorff und Walle bis nach Gröpelingen ermöglichte – allerdings auch Kritik einstecken. Die beiden bereits vorhandenen Fleetbrücken seien absolut ausreichend, hieß es etwa. Der Landschaftsarchitekt ist aber bis heute überzeugt: „Die 110.000 Euro für die Brücke sind gut angelegtes Geld, denn durch diese neue Verbindung kann man sich in dem Gebiet nun deutlich besser in Ost-West-Richtung bewegen.“

Ein Schlüsselprojekt zur Entwicklung des Naherholungsgebietes ist für ihn außerdem der Ausbau des Weges am Maschinenfleet, der momentan saniert wird und bislang noch abrupt in Höhe Stiefmütterchenweg endet. 2030 könnte hier jenseits der öffentlichen Straßen eine 13 Kilometer lange Strecke zum Wandern und Radfahren von Horn-Lehe über die Ritterhuder Heerstraße bis zum Lesumdeich führen, so die Vision.

In der Serie "Neues aus dem Grünen Westen" geht es um den Naherholungspark zwischen Bahnlinie und Blockland.

In der Serie "Neues aus dem Grünen Westen" geht es um den Naherholungspark zwischen Bahnlinie und Blockland.

Foto: WESER-KURIER Grafik

Bis vor fünf, sechs Jahren sei aber weiterhin kein Geld bereitgestellt worden, so Knode. "Das hat auch für Frust gesorgt. Aber dann sind zwei Sachen gleichzeitig passiert.“ Über das auf drei Jahre ausgelegte Projekt "Green Urban Labs" konnte die Stadt 2017 nämlich mit Umweltplanerin Lisa Hübotter jemanden einstellen, der sich gezielt um das Gebiet kümmern konnte – das nun "Grüner Bremer Westen" hieß – und die vielen Einzelakteure dort durch Aktionen wie das „Frühsommerfest“ und die „Woche des Gartens“ miteinander in Kontakt brachte. „Und gleichzeitig“, so Knode, „haben wir über den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung eine Million Euro bekommen. Daraus wird jetzt der Bau des Fünf-Kilometer-Rundwegs In den Wischen zum Spazieren gehen oder Joggen finanziert.“ Seit Herbst laufen die Bauarbeiten für diesen Weg, der vom Waller Feldmarksee aus am Maschinenfleet entlang und etwas weiter südlich wieder zurück zum See führt. Dafür wird dort in Höhe des Imbiss-Containers in der 16. Kalenderwoche eine neue Brücke auf die Fundamente über dem Schirmdeichsgraben gesetzt. Durch den Rundweg werden auch Ausflüge zum Waller Feldmarksee für die Gröpelinger deutlich schöner: Sie müssen zukünftig im Sommer nicht mehr über den Mittelwischweg gleich neben der Autobahn zum Baden radeln.

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Im September war schon ein neuer Fuß- und Radweg vom Mäusetunnel zum Husheerweg eingeweiht worden und an verschiedenen Stellen gibt es neue Wegweiser. 80 brach gefallene Parzellen sind in den vergangenen zehn Jahren Knode zufolge in blühende Schmetterlingswiesen umgewandelt worden und es gibt auch neue Streuobstwiesen. Lisa Hübotter hat außerdem an Ideen zu neuen Formen des urbanen Gärtnerns gefeilt, verschiedene Projekte ins Gebiet geholt und eine Broschüre herausgegeben, um mehr Menschen dafür zu begeistern, in dem Areal einen Kleingarten zu bewirtschaften. Es tut sich also sichtlich etwas in dem Gebiet – und dies führt Knode zufolge wiederum dazu, dass weitere Mittel ins Gebiet fließen.

Aktuell werde daran gearbeitet, Hübotters Stelle dauerhaft zu gewährleisten, so Knode: „Denn man braucht einen langen Atem, um das Gebiet zu entwickeln. Und jemand, der sich darum kümmert. Denn es ist einfach so groß.“

Der Bremer Westen ist grün: Westlich der Mülldeponie erstreckt sich zwischen dem Naturschutzgebiet Blockland und der Bahnstrecke Bremen–Bremerhaven ein 480 Hektar großes Areal mit schätzungsweise 4000 Kleingärten: Bremens größtes Parzellengebiet, das die Stadt seit einigen Jahren zum Naherholungspark „Grüner Bremer Westen“ für Spaziergänger, Radfahrer und andere Ausflügler weiterentwickelt. In loser Folge berichten wir über Akteure, Projekte, Einrichtungen und andere spannende Themen in diesem Gebiet.

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