"Wir sind ein Stück Kindheitserinnerung" Hafencasino-Wirtin hört auf - Nachfolger kommen

Die Wirtin des Hafencasinos, Rita Otten, verabschiedet sich nach 23 bewegten Jahren - aus Altersgründen. Inzwischen haben sich auch schon Nachfolger gefunden, die aber nichts verändern wollen.
18.08.2018, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Ein Gerücht macht die Runde. Rita hört auf! Das Hafencasino macht dicht! Eines der letzten authentischen, lebendigen Originale aus alten Hafenzeiten verschwindet! Wie so oft bei Gerüchten: es ist nur die Hälfte dran. Das Hafencasino bleibt, beteuert Hausherr Johann Precht. Aber es stimmt: Pächterin Rita Otten, Herz und gute Seele des Wirtshauses am Waller Stieg, wird nach einem bewegten knappen Vierteljahrhundert ihren Abschied nehmen.

Sie habe zum 31. Oktober gekündigt – aus Altersgründen, erklärt Rita, die fast alle Gäste mit Vornamen anreden. Sie sei jetzt 65 Jahre alt, arbeite seit ihrem 15. Lebensjahr, nun sei es genug. Doch das ist nur ein Teil der Erklärung. Im November des vergangenen Jahres verlor sie Ehemann Heiner. Das Herz des 63-Jährigen hatte aufgehört zu schlagen. Er starb nach seiner Schicht im Hafencasino, zu Hause, in ihrem Beisein, ganz plötzlich und schnell, „genau so hätte er es sich gewünscht“, sagt seine Witwe. Doch es war viel zu früh, und für Rita das Schlimmste, das passieren konnte. Fast 40 Jahre lang war das Gastronomenpaar privat und beruflich ein Team. Und eigentlich hatten sie vorgehabt, noch ein paar Jahre lang zusammen weiterzuarbeiten. „Aber ohne Heiner ist nichts mehr, wie es war.“

Die Geschichte einer Liebe

Das Ehepaar führte die Gaststätte „Vier Jahreszeiten“ an der Waller Heerstraße, als Heiner Otten sich irgendwann bei einem Spaziergang in die kleine Kneipe verguckte, die zum Verkauf stand. Er machte die Idee Kaufmann Johann Precht schmackhaft. Im September 1995 übernahm Precht das Haus, unterzeichnete den Mietvertrag für das städtische Grundstück, und verpachtete an das befreundete Ehepaar. „Wir haben ihm viel zu verdanken“, sagt Rita. Einige Jahre betrieben sie beide Gaststätten parallel, dann konzentrierten sich die Wirtsleute irgendwann nur noch auf ihren „Trucker Stop“ gegenüber der Feuerwache.

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Schon Mitte der 1930er-Jahre gab es an diesem Standort eine Trinkhalle. In der frühen Nachkriegszeit führte Schankwirt Diedrich Brandt eine Imbissstube. Als die Ottens das Hafenhäuschen übernahmen, erbten sie auch einen festen Kundenstamm: „Neunzig Prozent Lkw-Fahrer, zehn Prozent Mädchen von der Straße“, erzählt Rita. Die Mädchen fanden bei den Ottens immer einen sicheren Hafen, heißen Tee und warme Worte. „Im Winter stand immer ein Topf heißes Wasser auf dem Herd, damit sie ihre Handwärmer aufheizen konnten.“ Laufkundschaft verlief sich anfangs so gut wie nie durch den Tunnel in den damaligen Feuerwehrweg, kurz vor der Zollgrenze.

Als vor der Jahrtausendwende die Bagger anrückten, der Überseehafen verfüllt, neue Straßen und die ersten Häuser gebaut wurden, war es „eine ganz schwere Zeit für uns“, erinnert sich Rita. „Die Lkw-Fahrer dachten, uns gibt es nicht mehr.“ Vor 15 Jahren stand ein Abrisstermin fest: Die Stadtplaner fanden, dass der schlichte Flachbau nicht mehr in ihre Vision der schicken neuen Überseestadt passte. Sie hatten allerdings die Rechnung ohne die Gäste gemacht. Hunderte von Unterschriften wurden gesammelt, die Stadtteilpolitik schaltete sich ein, und das bescheidene Hafencasino wurde zum städtischen Gesprächsthema. Im Dezember 2003 konnten die Ottens mit dem damaligen Wirtschaftssenator Hartmut Perschau darauf anstoßen, dass das Lokal bleiben durfte, wo und was es war.

Denn da hatten längst neue Kundengruppen die unprätentiöse Gaststätte für sich entdeckt, die dem Zeitenwandel mit ihrer liebenswert altmodischen Art trotzte. Fernfahrer kommen immer noch, aber heute sitzen hier auch Hochschulprofessoren und Studenten neben Hafenarbeitern und -senioren, Mitarbeiter der neuen IT-Firmen und Werbeagenturen neben Familien mit kleinen Kindern, Fahrradgruppen von umzu neben Waller Stammgästen. Auch Bremer Prominenz aus Wirtschaft und Politik ist sich nicht zu fein, dazwischen Platz zu nehmen: Es ist ein kleiner sozialer und generationsübergreifender Schmelztiegel, wie man ihn wohl selten findet.

„Hier fragt keiner: Was hast Du, was bist Du?“, erklärt Rita. „Jeder kommt mit jedem ins Gespräch.“ Die Gäste schätzen die freundliche, ungekünstelte Atmosphäre, aber natürlich auch die norddeutsche Hausmacher-Küche: die ordentlichen Portionen Knipp und Labskaus, für Pannfisch, Matjes, Senfeier und Sülze, und vor allem die legendären Bratkartoffeln – alles nach traditionellen Rezepten und mit Liebe zubereitet. Die Preise so, dass sie sich auch diejenigen leisten können, bei denen, so Rita, „am Ende des Geldes noch ziemlich viel Monat ist.“

So geht's weiter

Sie weiß: „Für viele sind wir hier ein Stück gute alte Zeit.“ Zum Beispiel für die Dame aus Kiel, die bei jeder Dienstreise nach Bremen im Hafencasino zu Mittag isst. „Sie sagt: Das erinnert mich hier immer an meine Kindheit.“ Und so soll es auch bleiben, versichert Eigentümer Johann Precht. Er selbst sei schließlich ein echter Waller Jung, aufgewachsen am Steffensweg, wo die Familie ab 1905 einen Obst- und Gemüsehandel betrieb. „Früchte Precht – die kannte hier jeder!“, erzählt der 71-Jährige. Den Hafen, die Küste: Die kenne er schon seit Kindheitstagen. Als Unternehmer machte er Karriere, hat es als Immobilienhändler, Projektentwickler und Hotelier längst mit deutlich größeren Früchten zu tun. Sein Herz hänge aber noch immer an Walle: „Das Hafencasino ist mir eine Herzensangelegenheit. Da habe ich meine Hand drauf!“.

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Als Nachfolger habe er bereits „ein wunderbares Ehepaar“ gefunden, das das Lokal so weiterführen wolle, wie es die Gäste kennen und lieben. „Ich garantiere: nichts wird verändert!“, sagt Precht. „Schickimickiläden gibt es in der Überseestadt ja schon genug. Und das Hafencasino ist eine echte Institution.“

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