Sporthallen-Vergabe Turnerinnen kämpfen um Hallenzeiten

Die Turnerinnen vom Waller Gymnastics Club würden gerne mehr trainieren, haben dafür aber nicht die Räumlichkeiten. Dabei gäbe es ihrer Beobachtung nach in Walle durchaus noch freie Hallenzeiten.
07.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Turnerinnen kämpfen um Hallenzeiten
Von Anne Gerling

Seit November wird beim Gymnastics Club ausschließlich online trainiert: Über eine spezielle Konferenz-Software können sich Vereinsmitglieder und interessierte Sportbegeisterte zuschalten, im Wohnzimmer die Gymnastikmatte ausrollen und unter fachkundiger Anleitung an ihrer Fitness arbeiten.

Das läuft – Ulla Becker und Tanja Ahrens, die beiden Vorsitzenden des im August 2018 gestarteten Waller Vereins für Fitness, Gerätturnen und Akrobatik, freuen sich aber trotzdem schon sehr auf gemeinsame Workouts im Normalbetrieb. Wenn sie an die Zeit nach dem Shutdown denken, beschäftigt sie vor allem die Frage, wie es weitergeht. Denn der Verein platzt mittlerweile aus allen Nähten; für neue Mitglieder oder zusätzliche Trainingsangebote fehlt schlichtweg der Raum.

„Seit unserer Gründung konnten wir unser Angebot so weit ausbauen, dass wir vom Eltern-Kind-Turnen ab einem Jahr über Gerätturnen und Akrobatik bis hin zu Fitness allen Altersgruppen im Bereich Turnen etwas bieten können“, erzählt Ulla Becker. „So haben wir nach nicht mal drei Jahren aktivem Sport mehr als 100 Mitglieder. Allerdings sind die Kapazitäten schon seit circa einem Jahr für uns erschöpft. Wir kämpfen mit aller Macht um Räumlichkeiten und Alternativen zu den bestehenden Turnhallen.“

Zwar gebe es die Möglichkeit, private Räumlichkeiten wie zum Beispiel beim Tanzcentrum Gold und Silber an der Waller Heerstraße anzumieten, sagt Becker. Diese seien aber deutlich teurer als städtische Immobilien und nur für den Fitnessbereich geeignet.

Zum Turnen hingegen brauche man gewisse räumliche Rahmenbedingungen, so Becker: „Zum Beispiel Bodenverankerungen für einen Stufenbarren, ausreichende Geräteräume für Bodenflächen mit zwölf mal zwölf Meter Auslage oder genügend Deckenhöhe.“ Und auch für Akrobatik-Übungen, bei denen etwa mehrere Sportlerinnen übereinander stehen, benötigt man Platz und Luftraum.

Gebuchte Hallen bleiben leer

Geräte und Verankerungen habe der junge Verein über Spenden, Förderanträge und Beiträge beschaffen können, erzählt Becker. Und auch von den Mitgliedern kommen viele Ideen und ein großes Maß an Engagement. Auf der Suche nach Trainingsmöglichkeiten stoße man jedoch an Grenzen. Dabei gebe es in Walle durchaus noch freie Hallenzeiten, ist Becker überzeugt – diese würden jedoch von anderen Vereinen blockiert, die Zeitfenster gebucht hätten, diese aber tatsächlich gar nicht nutzen.

Als Beispiel nennt Becker eine Turnhalle des Schulzentrums Lange Reihe. Immer wieder habe der Gymnastics Club beim Landessportbund (LSB) nachgefragt, der seit 2006 die Nutzungszeiten für die öffentlichen Sporthallen in der Stadtgemeinde Bremen vergibt – und dort schließlich tatsächlich Trainingszeiten angeboten bekommen: „Ab 22 Uhr oder auch von 15 bis 16 Uhr.“ Der Verein griff sofort zu, auch wenn diese Zeiten nicht gerade die attraktivsten seien. Später kamen weitere Zeitfenster hinzu.

Vor Ort stellten die Sportlerinnen Becker zufolge dann bald fest, dass außerhalb ihrer Trainingszeiten in der Halle nichts stattfand: „Sie ist zwar von einem Verein gebucht, der das auch zahlt. Aber sie wird nicht genutzt.“ So etwas sei zwar durchaus üblich, um zum Beispiel neue Angebote zu etablieren, was naturgemäß einige Wochen dauere: „Aber wenn man dann über Monate jede Woche sieht, dass da nichts stattfindet, dann wird man schon etwas wütend.“

Auch die vor wenigen Jahren sanierte Sporthalle des Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentrums (Rebuz) West an der Vegesacker Straße stehe regelmäßig leer, wie Mitglieder des Vereins schon lange
vor Beginn der Corona-Pandemie beobachtet hätten. Dabei sei auch sie laut LSB-Übersicht an vier Tagen pro Woche von 17 bis 21.30 Uhr durch einen anderen Verein belegt. Vereine sollten jeweils ein halbes Jahr Zeit bekommen, um neue Angebote entwickeln zu können, findet Becker mittlerweile: „Sonst müssen sie die Zeiten eben wieder zurückgeben.“

Schon mehrere Gespräche geführt

Becker und Ahrens haben in der Angelegenheit schon mehrere Gespräche mit dem LSB und dem Sportamt geführt; Ende September hatten sich außerdem mehrere Vereinsmitglieder mit einem offenen Brief und einer Unterschriftenliste an das Ortsamt und den Waller Beirat gewandt – ohne dort jedoch die erhoffte Unterstützung zu finden.

Im Sportamt ist man sich des Bedarfs durchaus bewusst. „Es gibt bestimmte Zeiten, die sehr begehrt sind, weil sie gut zum Arbeitsende passen, da ist die Konkurrenz besonders groß“, sagt Sportressort-Sprecher Bernd Schneider: „Unsere Erkenntnis ist, dass der LSB da für einen guten Interessenausgleich sorgt.“ Auch fielen gelegentlich wegen einer Erkrankung Angebote aus. Aber, so Schneider: „Wenn der LSB einen Hinweis kriegt, dass Zeiten dauerhaft nicht genutzt werden, dann geht er dem auch nach und versucht das aufzuklären. In der Regel funktioniert die Kooperation zwischen den Vereinen aber ganz gut.“

Das bestätigt auch Jennifer Neßler, Sporthallen-Koordinatorin beim LSB. „In anderen Stadtteilen gibt es guten Kontakt unter den Vereinen, und es kommt vor, dass ein Verein zum Beispiel befristet Hallenzeiten abgibt, wenn er selber vorübergehend keinen Bedarf hat“, sagt sie. Im Falle des Gymnastics Clubs habe der LSB zu vermitteln versucht, aber: „Auch wenn eine Halle mal leer steht, gibt es keine Grundlage, dem betreffenden Verein die Hallenzeiten wegzunehmen.“ Unter anderem deshalb, weil auch Kurse angeboten würden: „Und wenn ein Kurs zu Ende ist, ist Pause, bis der nächste startet.“ Für Kontrollen wiederum fehle das Personal; hier müsse man sich auf die Angaben der Vereine verlassen. Ihre Kollegin habe dem Gymnastics Club verschiedene Angebote gemacht, die leider abgelehnt wurden, so Neßler: „Mal passten die Zeiten nicht, dann war die Halle zu weit weg. Wir können aber leider auch nur anbieten, was wir haben.“

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