Initiative "Wohnsinn" trifft sich in Bremer Überseestadt Ideen für Inklusives Wohnen

Die neue inklusive Wohngemeinschaft im Blauhaus hatte Besuch: Rund 60 Akteure, die sich zu der bundesweiten Initiative Wohnsinn zusammengeschlossen haben, trafen sich zum Erfahrungsaustausch.
20.10.2019, 19:33
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Ideen für Inklusives Wohnen
Von Anne Gerling

Vor gerade mal drei Wochen sind sie in ihr neues Zuhause eingezogen, und nun kamen auf einen Schlag gleich 60 Gäste aus ganz Deutschland zu Besuch: Die Inklusive WG im Blauhaus in der Überseestadt – vier junge Erwachsene mit geistiger Beeinträchtigung und vier Studierende – hat sich am Wochenende mit Mitgliedern des Bündnisses Wohnsinn zum Erfahrungsaustausch getroffen.

Hohe Decken, gemütliche Sofa-Ecke, viel Platz und ein Drei-Meter-Esstisch im Gemeinschaftsraum sowie zwei Balkone mit Weserblick: So sieht es in der neuen Bremer Achter-WG aus. Seine WG sei kleiner, stellte bei der Besichtigung der 330 Quadratmeter großen Räumlichkeiten in der obersten Blauhaus-Etage Tobias Polsfuß fest, der 2016 die Online-Plattform Wohnsinn und 2018 mit anderen Engagierten das gleichnamige Bündnis für inklusives Wohnen gegründet hat. Der Student lebt seit sechs Jahren in einer inklusiven WG in München, wo schon vor 30 Jahren die erste WG dieser Art gegründet wurde.

Zuständigkeiten regeln

Nicht überall gibt es so langjährige Erfahrungen. Beim Verein Inklusive WG Bremen etwa wird laut WG-Leiterin Katrin Lueßmann in der Überseestadt gerade ausprobiert, welche konkreten Aufgaben und Zuständigkeiten die Studierenden als Mitbewohner und welche die Fachkräfte haben, die den WG-Bewohnern mit Unterstützungsbedarf im Alltag zur Seite stehen.

Zuerst eine Gruppe gründen oder vorher eine Vision entwickeln? Selber bauen oder eine Bestandsimmobilie suchen? Und wie findet man einen Investor, der auch Extra-Wünsche mitträgt? Neben der konkreten Organisation beschäftigt viele Initiativen vor allem die Frage nach der Finanzierung. Denn nicht in allen Städten werden bereits ambulante Betreuung und WG ganz selbstverständlich zusammen gedacht. Und auch die Beantragung läuft nicht immer glatt.

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Auch wenn rechtlich Menschen mit und ohne Behinderung gleich gestellt seien, so gebe es doch noch viele Barrieren in den Köpfen, stellen die Bündnis-Mitglieder häufig fest. Ihr Kind wisse zwar bereits, mit welchen Freunden es gerne zusammenziehen würde, erzählt etwa eine Mutter aus Berlin: „Aber da sagen die Eltern: das geht nicht.“ „Es ist alles möglich, was sich Menschen mit Behinderung wünschen“, sagt dazu Lars Gerhardt, ehrenamtlicher Bevollmächtigter des Vereins Inklusive WG Bremen. Hartmut Seitz-Bay, Geschäftsführer einer Einrichtung der Behindertenhilfe, die seit 2013 in Heilbronn inklusives Wohnen anbietet, stimmt dem zu: „Ich denke auch, das Bundesteilhabegesetz spricht eine eindeutige Sprache.“

Probleme vielerorts gleich

Inklusiv oder nicht – die Themen sind oft dieselben, wie sich bei dem Treffen zeigte. Pierre Zinke aus Dresden fragte die Bündnis-Akteure, was sie am meisten nervt: „Erstens, dass die Küche nicht aufgeräumt wird. Zweitens das ständige Einkaufengehen und drittens der wechselnde Assistenzdienst.“ Viel Selbstständigkeit ja – nicht immer sei es aber leicht auszuhalten, wenn ein Mitbewohner seinen Teller nicht schnell wegräume, während man gerade dringend Platz brauche, erzählt Kathrin Hettich aus München: „Ich habe dann immer versucht, es mit Humor zu lösen.“ Auch was das Waschen und Kochen für rund zehn Personen – und die kritischen Blicke mancher Eltern auf Ordnung und Sauberkeit in den WGs ihrer Kinder – angeht, hat sie eine klare Haltung: „Das muss man erst mal lernen, das braucht Zeit.“ Der regelmäßige Einkauf sei in Bremen auch schon Thema, sagt Student Farukh Sauerwein: „Das ist sehr zeitaufwendig. Der nächste Supermarkt ist zwei Kilometer weg.“ WG-Leiterin Katrin Lueßmann hat es mit dem Auto versucht: „Wir standen nur im Stau.“

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Und es gibt noch etwas, das überall das WG-Leben durcheinander wirbelt: die Liebe. Auch das Bündnis beschäftigt deshalb die Frage, wie man damit umgeht, wenn sich ein WG-Mitglied in den Mitbewohner verliebt – umgekehrt aber nicht. Oder wenn ständig Partner von Bewohnern da sind.

Und wie spricht man sich überhaupt untereinander an? Auch das ist ein Thema, eine einheitliche Regelung gibt es nicht. Mal ist von Nutzern die Rede, mal von Klienten oder Kunden. Das klinge ihm zu sehr nach einem Geschäft, findet aber Sorel Wafo aus Gießen. Für Neele Buchholz, die die Bremer WG mitgegründet hat, sind drei Begriffe okay: „Menschen mit Handicap, Down-Syndrom oder Trisomie 21.“ Als „Downi“ bezeichnet zu werden, finde sie hingegen nicht so schön, sagt die 28-Jährige. Gerrit Gaidosch fasst zusammen: „Ich finde es immer wichtig, dass man die jeweilige Person selbst fragt und respektiert, was sie möchte. Wenn man einen Begriff schwierig findet und das deutlich machen will, dann kann man ein ‚sogenannt’ benutzen.“

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