Brandopfer Tatjana P.: "Irgendwann möchte ich mich wieder heimisch fühlen" Jahreswechsel mit gemischten Gefühlen

Walle. Brandopfer Tatjana P. hat nicht nur die Weihnachtsfeiertage, sondern auch den Jahreswechsel 2010/22011 mit gemischten Gefühlen betrachtet. Immer noch verarbeitet sie das im Spetember Geschehene, schöpft aber langsam auch wieder etwas Kraft. Dafür sucht sie Hilfe bei und Gespräche mit anderen Betroffenen.
10.01.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Volker Althoff

Walle. Brandopfer Tatjana P. hat nicht nur die Weihnachtsfeiertage, sondern auch den Jahreswechsel 2010/22011 mit gemischten Gefühlen betrachtet. Immer noch verarbeitet sie das im Spetember Geschehene, schöpft aber langsam auch wieder etwas Kraft. Dafür sucht sie Hilfe bei und Gespräche mit anderen Betroffenen.

Es war beileibe kein Weihnachtsfest wie jedes andere, das Tatjana P. aus ihrer Vergangenheit kennt. Fast wäre es für sie ausgefallen, wenn nicht Freunde einen Christbaum mit Kugeln, kleinen Engeln aus Glas und elektrischen Kerzen gespendet hätten. Ähnlich war auch der Jahreswechsel für sie ein ganz anderer war alle zuvor. Denn nach dem Hausbrand Ende September hat sie nicht nur sämtliche Weihnachtsdekoration verloren, sondern auch ihre alte Wohnung, viele schöne Erinnerungen, persönliche Dinge und vor allem finanziellen Halt. Trotzdem ist "ihr Fest", wie Tatjana betont, nicht in den Schnee gefallen. Überschattet waren die Festtage jedoch vom Geschehen am 25. September. Als sie an den Tag zurückdenkt, steht ihr der Schock von damals noch tief ins Gesicht geschrieben.

Über Drehleiter gerettet

Es war ein Sonnabend, als dunkler Rauch sie frühmorgens aus dem Tiefschlaf riss. "Ich meine, es war gegen sechs Uhr morgens", erinnert sie sich. Zu dieser Zeit hatte ein Brandstifter in ihrem Abstellraum, der sich im Erdgeschoss des vierstöckigen Altbaus im Stadtteil Schwachhausen befand, ein Feuer gelegt. Nachdem sie - noch völlig verschlafen - auf einmal registrierte, dass dunkle Rauchwolken in ihre Wohnung im vierten Stock eindrangen, sprang sie aus ihrem Bett, rannte zum Schlafzimmerfenster, riss es auf und sah plötzlich einem Feuerwehrmann direkt in die Augen. Dabei reagierte sie ganz erstaunt und fragte sich im ersten Moment entgeistert: "Was ist denn das?" Über eine Drehleiter befreite er sie in Schlafhemd und Hausschuhen aus ihrer Wohnung und brachte Tatjana sofort in Sicherheit. Während der Rettungsaktion sah sie, wie pechschwarze Rauchschwaden aus allen Etagen des Wohnhauses emporzogen. Dabei erkannte sie auch Nachbarn, die von anderen Feuerwehrleuten evakuiert wurden.

Sanitäter brachten Tatjana anschließend mit einer Rauchvergiftung ins Krankenhaus, wo sie medizinisch versorgt und später durch ihre Mutter beruhigt wurde. Ihre beste Freundin eilte ebenfalls herbei und nahm sie zu sich nach Hause, wo Tatjana die ersten Wochen unterkommen konnte. In dieser Zeit versuchte sie zusammen mit ihrer Mutter, noch die letzten brauchbaren Sachen aus ihrer unbewohnbaren Wohnung herauszuholen, von der abgelagerten Russschicht zu befreien und gründlich zu reinigen. Bis auf zwei Kommoden, einen Schlafsessel und einige wenige persönliche Dinge wie Bilder hat sie ihren gesamten Hausstand durch den Brand verloren. Dazu gehörte auch der Weihnachtsschmuck, den sie jahrelang sammelte, wie sie berichtet: "Zum Teil hat meine Oma mir auch Sachen geschenkt. Die sind völlig verbrannt, nichts davon ist übrig geblieben."

Unbrauchbar und verkohlt waren auch wichtige Unterlagen für die Uni, Bücher sowie etliche Kleidungsstücke und viele weitere Gegenstände, die im Abstellraum und in ihrer Wohnung lagerten. In dem Moment fühlte sich Tatjana verloren: "Es war diese Heimatlosigkeit. Ich wusste nicht, was mit meinen Sachen war." Den absoluten Tiefpunkt aber erlebte sie bei Aufräumarbeiten in ihrer verrußten Wohnung. Dort stellte sie fest, dass ihr Fernseher, Monitor vom Computer und eine externe Festplatte wie von Geisterhand verschwunden waren. Sofort dachte sie an Einbruch und war völlig zerstört. "In dem Moment dachte ich, wie kann es so fiese Menschen geben, die so etwas machen", beschreibt sie. Ihre Wut schlug schließlich in Ohnmacht um, denn sie bemerkte zudem, dass sie nicht hausratversichert war und somit Grund und Boden verloren hatte.

Sorge um die Zukunft

Anfang November atmete sie langsam wieder auf, als ihre Mutter, die schwer krank ist, eine Wohnung in Walle fand und diese seither von ihrem mageren Einkommen bezahlt. Inzwischen hat sich Tatjana etwas gefangen, aber kann die Ereignisse von September nicht völlig verdrängen. Wenn es nach Qualm riecht oder sie Feuer sieht, dann bekommt sie panische Angst und hat den Brand genau vor Augen. Hinzu kommt die Sorge um ihre Zukunft, denn sie muss mit wenig Geld ihren Alltag bewältigen. Da der Job neben ihrem Studium nur wenig abwirft, muss ihre Mutter einspringen und Kosten wie Miete, Strom, Wasser sowie Nebenkosten bezahlen. Daher wünscht sie sich in erster Linie, dass sie Menschen mit ähnlichem Schicksal findet und mit ihnen darüber sprechen kann. Dankbar wäre sie aber auch über Hilfe von außen wie Wohnung streichen, größere Einkäufe erledigen oder Reparaturen im Haus verrichten. Sogar über kleine Spenden wie Lebensmittel, wovon jemand vielleicht etwas in größeren Mengen zur Verfügung hat,

oder ein paar grüne Pflanzen würde sie sich riesig freuen. Denn ihr größter Wunsch ist: "Irgendwann möchte ich mich wieder heimisch fühlen." Vielleicht muss sie gar nicht so lange darauf warten, denn das neue Jahr könnte für sie auch einen positiven Neuanfang bedeuten.

Wer Tatjana P. dabei unterstützen oder anderweitig helfen möchte, kann sich über folgende E-Mail-Adresse bei ihr melden: tatjana_bremen@gmx.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+