Pläne für Gebäude in Bremer Überseestadt

Kaffee-Hag-Gelände soll kulturell belebt werden

Die alte Kaffee Hag-Fabrik am Holz- und Fabrikenhafen liegt im Dornröschenschlaf. Nun soll sie saniert werden und eine Gruppe junger Leute möchte in den leer stehenden Gebäuden ein Kulturzentrum gründen.
09.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Eine Gruppe junger Leute möchte in leer stehenden Fabrikgebäuden auf dem Kaffee-Hag-Gelände ein Kulturzentrum gründen. Es soll ein Ort werden, an dem sich Kunst und Kultur frei und zwanglos entwickeln können, wo experimentiert, geprobt, ausgestellt, vorgeführt und gefeiert werden kann. Nun kann man sich vieles wünschen – doch die Zeichen stehen in diesem Fall gar nicht so schlecht. Die Vermieter sind nicht abgeneigt, und auch Bremens Kulturstaatsrätin ist der Idee zugetan. Ein Besuch vor Ort erweist: Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ist das Hag-Quartier gerade dabei, sich zu verändern. Bis Ende des kommenden Jahres wollen die Eigentümer den gesamten Komplex sanieren und mit Leben füllen. Und auch Kunst und Kultur sollen ihren Platz finden.

Dornröschenschlaf: Dieser Gemeinplatz kam bislang in den Sinn, wenn man an die alte Kaffee Hag-Fabrik am Holz- und Fabrikenhafen dachte. In früheren Zeiten waren die Fabrikanlagen Arbeitsplatz für Tausende Mitarbeiter, die dort koffeinfreien Kaffee und Kaba-Plantagentrank produzierten. Nachdem Marke, Firma und Belegschaft 1979 an den amerikanischen Konzern General Foods verkauft wurden, ging es nach und nach bergab. 2017 wurden die letzten 50 Beschäftigten entlassen und der Standort geschlossen. Bereits 2008 wurde das Gesamtensemble unter Denkmalschutz gestellt – doch das nützte ihm bislang nicht viel. Seit elf Jahren gibt es mit der kleinen Kaffeerösterei Lloyd Caffee immerhin wieder einen angenehmen Grund für einen Besuch am Fabrikenufer. Das Umfeld: ein Jammer. Doch das soll sich nun ändern. Vor zwei Jahren verkaufte die niederländische Anlagegesellschaft Marba Hag BV den Komplex mit rund 35 000 Quadratmetern an ein Unternehmen mit Sitz in Bremen, das sich Hag-Gewerbepark GmbH genannt, ambitionierte Pläne entwickelt hat, und sich auch mitten in der Umsetzung befindet.

„Wir wollen bis Ende 2021 sämtliche Gebäude sanieren und vermietfähig machen“, erklärt Geschäftsführer Peter Menning. Er berichtet, dass gut ein Drittel der insgesamt 70 000 vermietbarer Fläche bereits belegt seien. Manche Mieter, wie Lloyd Caffee und die Lebkuchenmanufaktur Coldewey, hatte man von den Vorgängern übernommen. Weitere seien in den vergangenen Monaten dazugekommen: Darunter Bremedia, die Fernsehabteilung von Radio Bremen, die sich eine gesamte Etage im Kaba-Werk gesichert habe, die Waller Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft Wabeq, die mit ihrem Jugend Kompetenz Zentrum ans Fabrikenufer gezogen ist, sowie eine ganze Reihe kleinerer gewerblicher Betriebe, Dienstleister und Medienunternehmen. Gespräche liefen zudem mit der Hochschule für Künste, die daran interessiert sei, ihre umfangreiche Musikbibliothek – das Klaus-Kuhnke-Archiv für populäre Musik – am Fabrikenufer unterzubringen, sowie mit einem potenziellen Träger für eine Kindertagesstätte. Im mittleren Kesselgebäude könne man sich gut einen gastronomischen Betrieb vorstellen. Einen „nennenswerten siebenstelligen Betrag“ werde die Gesellschaft in die Gebäude stecken, sagt Menning. Der industrielle Charme des Geländes solle dabei erhalten bleiben – bis hin zu den Außenanlagen, die zurzeit aufwendig mit Granitquadern gepflastert werden. „Wohnungen wird es hier nicht geben“, betont Menning. „Das ist nicht erlaubt und das haben wir auch nicht vor“. Im Bau befindlich ist auch noch die neue Internetseite www.hag-quartier, auf der die Pläne vorgestellt werden. Für die Vermarktung nutzt die Gesellschaft auch die sozialen Medien. Darin heißt es, mit der „umfangreichen und sensiblen Sanierung“ des historischen Ortes wolle man „ein Stück Stadtgeschichte“ weiterschreiben.

„Das sind wunderschöne Gebäude mit viel Potenzial“, sagt Robin Eikhof. Der 30-jährige vertritt den jungen Verein Zentrum für Kollektivkultur, der sich Anfang Oktober dem Waller Kulturausschuss vorstellte, und mit seinen Plänen bei den Stadtteilpolitikern viel Anklang fand. „Wir interessieren uns schon seit Jahren dafür, sind aber erst bei den neuen Eigentümern auf offene Ohren gestoßen“, erzählt Eikhof. Im Blick haben die bislang rund zwanzig Gründungsmitglieder die drei benachbarten Backsteingebäude entlang der Cuxhavener Straße, in denen sich zuletzt die Entwicklungsabteilung von Kaffee Hag, die Werkstätten der firmeneigenen Zimmerer, Tischler und Maler, sowie zwei Wohnungen für Betriebshandwerker befanden, erinnert sich der ehemalige Hag-Betriebsrat Manfred Siebert. In den rund 1770 Quadratmetern bespielbarer Fläche sollen Werkstätten, Ateliers, Probe- , Veranstaltungs- und Ausstellungsräume für Kultur jenseits des Mainstream eingerichtet werden. Hervorgegangen ist der Verein aus Mitgliedern der beiden Gruppen Anderswo Kollektiv und Conartism Kollektiv, die seit Jahren in der subkulturellen Szene in Bremen und umzu aktiv sind. „Wir wünschen uns einen festen, langfristigen Ort zur Entfaltung“, erklärt Vereinsmitglied Sam Illguth. Perfekt sei das Hag-Gelände nicht nur wegen seiner Größe, sondern auch weil es stadtnah, gut erreichbar und gleichzeitig so weit entfernt sei von bewohnten Gebieten, dass sich keine Nachbarn daran stören könnten. Tendenziell richte man sich eher an eine jüngere Zielgruppe, sagt Eikhof. „Aber wir möchten inklusiv sein und Kultur für Alle machen – auch für das Publikum im Stadtteil.“

Der Waller Kulturausschuss gab dem Verein bereits sein Wohlwollen für die Belebung der seit Jahren brachliegenden Gelände mit. Auch Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz (SPD) ließ sich die Pläne im Rahmen einer Ortsbesichtigung vorstellen, lobte die „spannenden, interessanten Konzepte“, und sprach sich für die Bedeutung einer kulturellen Wiederbelebung des Quartiers aus, bestätigt ihr Sprecher Heiner Stahn. Sie versprach, mit den Akteuren vor Ort im Gespräch zu bleiben, „um eventuelle Realisierungschancen und etwaige Förderperspektiven weiter auszuloten.“ Auf dieses Versprechen baue man, sagt Sam Illguth. Selbst, wenn der Verein nicht-kommerziell ausgerichtet sei, werde man bei einem Projekt wie diesem nicht ohne öffentliche Förderung auskommen. „Wir sind noch in einem ganz frühen Stadium“, betont die 26-jährige Studentin. „Aber wir finden: So etwas passt richtig gut zu Walle“.

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