Umstrittener Name "Karl-Peters-Straße" bleibt

Walle. Eine Straße in Walle erinnerte jahrelang an seinen unrühmlichen Namensgeber. Ortspolitiker wollten das durch eine Umbenennung ändern, doch sie hatten nicht mit den Anwohnern gerechnet. Diese sträubten sich, und so wurde ein kleiner Umweg genommen, um doch noch politisch korrekt aus der Affäre zu kommen.
07.01.2010, 22:18
Lesedauer: 2 Min
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Von Anne Gerling

Walle. „Sehr geehrte Anwohnerinnen und Anwohner, heute möchte ich mich mit einem ungewöhnlichen Anliegen an Sie wenden“: So begann ein Brief, den das Ortsamt im Mai an 187 Haushalte verschickte. „Sie leben im Stadtteil Walle und sind in der Karl-Peters-Straße zu Hause.

Über die Herkunft des Straßennamens haben Sie sich möglicherweise nie Gedanken gemacht. Tatsache ist jedoch, dass der Afrika-Forscher Karl Peters (eigentlich Carl Peters), an den dieser Straßenname erinnert, eine höchst fragwürdige Persönlichkeit war. Er hat als Kolonialherr die Einwohner des damaligen Deutsch-Ostafrika in übelster Form behandelt und genoss den Ruf eines ausgeprägten Rassisten.

Auch Frauen und Kinder litten unter seinen Gewalttaten. Dafür wurde er schließlich unehrenhaft aus dem Reichsdienst entlassen. Im Dritten Reich wurde er von den damaligen Machthabern jedoch rehabilitiert. Stadtteilbeirat und Ortsamt möchten den Stadtteil Walle und vor allem Sie als AnwohnerInnen von diesem makelbehafteten Namen befreien. Andere Städte in Deutschland, in denen es ebenfalls eine solche Straße gibt, haben diesen Schritt im übrigen bereits vollzogen oder sind – wie in Delmenhorst – gerade dabei“.

Nun bat die Ortspolitik die Bürger um ihre Meinung zu einer Umbenennung und Vorschläge für einen unbelasteten Straßennamen, nachdem das Beirätegesetz ihr ein Entscheidungsrecht bei der Vergabe von Straßennamen zubilligte und auch der Bausenator Unterstützungsbereitschaft signalisiert hatte. Bisher hatte nämlich der Senat das Vorhaben mit Verweis auf die den Anwohnern entstehenden Kosten stets abgelehnt: Ausweise und Führerschein müssen geändert werden und zahlreiche weitere Schritte sind notwendig, bis die neue Adresse amtlich ist.

Auch wollte man keinen Präzedenzfall schaffen. Das Ergebnis der Anwohnerbefragung, erklärt nun allerdings Ortsamtsleiter Hans-Peter Mester, sei ernüchternd gewesen. Es gab 18 Zustimmungen, aber 36 Ablehnungen, „teils von drastischen Kommentaren begleitet“. Der Ortsamtsleiter bedauert dies: „Wir hatten die Zusage des Innensenators Ulrich Mäurer, dass alle Ausweise und Führerscheine kostenfrei geändert worden wären – die Abwicklung sei mit kurzen Wegen über das Ortsamt möglich gewesen.“ Doch nichts führte zu einer Sympathiewelle für den Vorstoß des Beirates, die Karl-Peters-Straße zu tilgen.

Ähnliche Situationen gab es laut Mester übrigens auch schon in anderen Städten: Als sich Hannover vom Karl-Peters-Platz samt Denkmal trennen wollte, bedurfte dies eines dreijährigen Weges durch die Gerichtsinstanzen, allerdings mit Erfolg: 1994 wurde der Platz schließlich in Bertha-von-Suttner-Platz umbenannt.

Der Waller Beirat fand einen anderen Weg: Der Name „Karl-Peters-Straße“ bleibt erhalten, bezieht sich aber auf den verdienten Strafrechtsreformer gleichen Namens. Darauf soll künftig eine Tafel unter dem Straßenschild hinweisen. Mit dieser Lösung liegen die Ortspolitiker auf einer Linie mit Berlin: Dort hat man die Karl-Peters-Allee einem gleichnamigen, allerdings eher unbekannten Stadtverordneten gewidmet.

„Die Entscheidung des Beirates mag für manche nicht wirklich befriedigend sein“, kommentiert Mester die Entwicklung, „aber sie ist ein kluger Weg, um allen Belangen Rechnung zu tragen.“ Auch wenn die Ortspolitik dieses Mal mit einem blauen Auge davonkam, das Waller Lehrstück zum Thema „Basisdemokratie im ortspolitischen Alltag“ könnte Signalwirkung haben: Denn auch über eine Umbenennung von Leutweinstraße und Nachtigalstraße wurde vor allem von der Waller Linken bereits laut nachgedacht, und in Oslebshausen erinnern etwa Togostraße oder Kamerunstraße an die deutsche Kolonialzeit. Nach den jüngsten Erfahrungen dürfte den Ortspolitikern die Lust auf eine Anwohnerbeteiligung nun aber wohl bis auf Weiteres vergangen sein.

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