Im Wohnheim isoliert

Isolation statt Integration

Gut ausgelastet ist das Porthotel am Überseetor aktuell. Es dienst als Übergangswohnheim für geflüchtete Menschen, die derzeit auch versuchen müssen, mit den Corona-Beschränkungen klarzukommen.
21.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Isolation statt Integration
Von Anne Gerling

Überseestadt. Normalerweise laden in der Lobby des Porthotels Sofas dazu ein, es sich gemütlich zu machen, durch die großen Fenster auf die Straße zu schauen und mit anderen ins Gespräch zu kommen, die gerade dasselbe tun. Momentan sieht die Eingangshalle des Hotelgebäudes am Überseetor allerdings alles andere als einladend aus: Rot-weißes Flatterband versperrt den Weg zu den übereinander gestapelten Sitzmöbeln, auf dem Fußboden weisen rote Klebestreifen Zonen aus, in denen sich jeweils nur eine Person aufhalten darf. Und an der Eingangstür weisen Schilder auf die Regeln hin, die aufgrund der Corona-Pandemie im gesamten Gebäude gelten: Maskenpflicht und Besuchsverbot.

Die Behörde sei sehr vorsichtig, sagt Ninja Samadzai-Scholz, die das vom Verein Innere Mission betriebene Übergangswohnhaus für geflüchtete Menschen seit Dezember 2019 leitet: „Es gibt viele strenge Regelungen. Dadurch kann das, was besonders notwendig ist, hier momentan leider nicht stattfinden: Begegnung und Integration.“

Kaum Kontakte im Stadtteil

Denn die Bewohner des Porthotels, das Platz für bis zu 120 Menschen bietet und Samadzai-­Scholz zufolge aktuell „ganz gut ausgelastet“ ist, sind alle noch relativ neu in Bremen und konnten noch nicht viele Kontakte im Stadtteil knüpfen. Auch unter den Parteien – vor allem Familien mit Kindern und Einzelpersonen – gibt es derzeit nur wenig Austausch. Auf den langen weißen Hotelfluren trifft man ohnehin kaum andere Bewohner – wenn doch, so dürfen sich dort keine Grüppchen bilden.

Somit sind auch im Porthotel die Menschen gerade jetzt verstärkt auf digitale Medien angewiesen, um sich mit anderen auszutauschen und Kontakt zur Familie oder zu Freunden zu halten. Die Internet-Verbindung im Haus sei allerdings mitunter wackelig, sagt Samadzai-Scholz: „Aber gerade für Online-Unterricht müssten parallel viele Schüler streamen, am besten mit Kamera.“ Davon betroffen ist zum Beispiel der 15-jährige Hammam, dessen Familie seit etwa zwei Jahren im Porthotel lebt. Online-Unterricht finde er nicht gut, erzählt der junge Syrer, der später einmal Chirurg werden möchte: „Manchmal ist das Internet langsam.“ Außerdem verschickten manche Lehrer einfach Aufgaben ohne zusätzliche Erklärungen. Sein Zimmer teilt sich Hammam mit mehreren seiner vier Geschwistern, seine Schulaufgaben muss er aus Platzgründen im Bett bearbeiten. Deshalb freue er sich schon sehr darauf, bald endlich wieder in die Schule gehen zu können: „Ich hatte vorher Schwierigkeiten gehabt und möchte hier keine Schwierigkeiten mehr haben.“ Für Erwachsene gebe es aktuell kaum Angebote, so Samadzai-­Scholz: „Alles, was vorher stattfand, ist wegen Corona nicht möglich.“ So seien etwa das Malteser-Sprachcafé in der Stadtbibliothek West und ein vom Haus der Familie schräg gegenüber organisiertes Sprachcafé geschlossen, wo die Bewohner des Porthotels bislang in lockerer Atmosphäre Deutsch üben und ihre Kenntnisse verbessern konnten. Zwar hätten sich ihre Klienten mittlerweile an die Einschränkungen gewöhnt: „Aber viele wollen gerne ausziehen.“

Passende Wohnungen sind allerdings im Westen rar. So konnten Samadzai-Scholz zufolge Mitte November 2019 mit der Auflösung des „Roten Dorfes“, das sie bis dahin geleitet hatte, zwar 90 Prozent von dessen Bewohnern in eigenen Wohnraum umziehen. Der befand sich aber nicht in Walle, wo die Menschen mittlerweile über Vereine, Schulen und Kitas gut eingebunden waren, sondern in Bremen-Nord und Tenever.

Mehrere Tausend Geflüchtete sind mittlerweile aus Bremer Übergangsheimen in eigene Wohnungen umgezogen. „Ihr Bedarf an Unterstützung ist aber noch hoch, etwa bei Behördenbriefen, Jobcenter-Bescheiden, bei der Kita-Suche, beim Ausfüllen von Formularen für die Schulanmeldung, bei Arztbesuchen oder bei der Suche nach Sprachkursen“, sagt Simone Ehlen von der Beratungsstelle „Unterstützung im Quartier“ in den Räumlichkeiten der Überseekirche an der Konsul-Smidt-Straße. Seit Februar 2020 hilft sie in der Überseestadt Menschen, die aus einem Übergangshaus wie dem Porthotel in eine eigene Wohnung umgezogen sind, dabei, sich im Alltag zurechtzufinden.

Keine offene Sprechstunde

Zweimal die Woche würde Ehlen – normalerweise – eine offene Sprechstunde anbieten. Auch dies ist aktuell nicht möglich, vieles läuft nun über Telefon und per E-Mail. „Wir müssen gucken, was die neuen Corona-Bestimmungen sagen“, so Ehlen. In komplizierten Fällen, wo auch Übersetzer nötig seien, müsse aber persönliche Beratung möglich sein.

„Ich glaube, dass es schwer ist, wenn man noch nicht so lange in Deutschland ist, mit der Isolation zurechtzukommen und mit mehreren Kindern auf beengtem Wohnraum zu leben“, sagt Ehlen. „Es ist schön, dass jetzt alles online stattfindet, aber man muss dafür auch die entsprechende Ausstattung haben.“ Bei der Kitaplatz-Vergabe etwa finde nun erstmals alles digital statt: „Es wird aber wohl nicht für alle möglich sein, an einem digitalen Tag der offenen Tür teilzunehmen. Dabei sind Kitaplätze hier in der Überseestadt ohnehin knapp.“ Auch die Suche nach einem Arbeitsplatz oder einem Deutschkurs werde für ihre Klientinnen und Klienten nicht einfacher, weiß Ehlen: „Vieles läuft jetzt noch mehr über Briefe und ohne
persönlichen Kontakt. Das macht es schwierig.“

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