„Spielwiesen der Natur“ Kaum noch Bracheflächen in der Überseestadt

Die Brachflächen in der Überseestadt werden immer weniger. Neue Gebäude verdrängen die „Spielwiesen der Natur“, die Pflanzen überraschend viele Lebensmöglichkeiten geben.
19.05.2019, 21:01
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Vor dem Kellogg-Gelände in der Überseestadt gibt es noch eine der wenigen sandigen Flächen, die bislang nicht bebaut sind: Gelber Hornklee, violette Wicken und seltene Gräser wie das Silbergras wachsen dort. Und wo der Sand bloß liegt, finden sich oft viele kleine Löcher im Boden, die zu den Brutkammern von Grabwespen und Wildbienen führen – Artenvielfalt in der Großstadt, die von selbst entstanden ist. Doch solche Brachflächen haben in der Überseestadt keine Zukunft: Irgendwann werden auch sie von Gebäuden bestanden sein.

„Brachen in der Überseestadt sind Spielwiesen der Natur, hier herrscht ein ständiges Kommen und Gehen“, sagt Botaniker Josef Müller von der Bremer Universität. „Sie bieten Pflanzen überraschend viele Lebensmöglichkeiten, vor allem für einwandernde Arten.“

Schiffe brachten Pflanzensamen

Im gesamten Hafenbereich Bremens stellen die offenen, noch unbebauten Böden Lebensräume für viele Pflanzenarten dar, die einst mit Schiffen aus Übersee gekommen sind. Der Sand bot zahlreichen Arten aus anderen Kontinenten die Möglichkeit, sich fern ihrer Heimat anzusiedeln. Besonders im Zeitraum von etwa 1850 bis 1990 gelangten zahlreiche Importe in die Bremer Häfen, die fremde Pflanzenarten mittransportiert haben. Erst mit dem Aufkommen der Container wurde es anders: Aus den gut isolierten Riesenkästen gelangt heute weit seltener Pflanzenmaterial in die Umgebung.

Damals aber kam die Ware häufig noch offen oder als Stückgut mit den Schiffen nach Bremen, oft mit Heu oder Stroh verpackt, und in Waren oder Verpackungen fand sich ein großes Samenpotenzial: in Vogelfutter, Ölsaaten, Wolle, Pelzen oder Holz, aber auch in Nahrungspflanzen wie Getreide, Gemüse, Obst und Garten- und Zierpflanzen. Wurde die Ladung gelöscht, konnten zahlreiche Samen auf den Offenflächen um die Häfen herum keimen. „Damit wurde die städtische Artenvielfalt enorm bereichert“, sagt Josef Müller, „zu den bekannten einheimischen Arten kommen auch viele Neu-Zuwanderer, die sogenannten Neophyten, hinzu.“

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Ein solcher Tummelplatz für neue Pflanzenarten ist bis heute das Umfeld der Rolandmühle in der Emder Straße, einer Getreidemühle, die jährlich 350 000 Tonnen Getreide zu Mehlprodukten verarbeitet. Dort findet sich der Mix aus einheimischen Arten wie Acker-Rittersporn, Kornblumen und Ackerstiefmütterchen, aber auch zugewanderten Arten wie Australischem Gänsefuß oder Tartaren-Lattich. „Diese Standorte sind Refugien für eine Pflanzenwelt, die vor dem Einsatz von Chemie, Kunstdünger und Saatgutreinigung im Acker oder am Rande wuchs, und die damals noch vielfältig war“, sagt Pflanzenexperte Josef Müller. Heute sind solche Arten der Äcker bis auf geringe Reste verschwunden - Brachflächen wie in der Überseestadt mit ihren offen Böden bieten ihnen jedoch bis heute einen Raum.

130 Pflanzenarten auf 100 Quadratmetern

„Diese Areale bilden allerdings eine vergängliche Pracht auf Neuland“, sagt Josef Müller. Von der offenen Bodenfläche bis zum Brombeergebüsch bilden sich vielfältige Übergänge und Zwischenstadien: „Nach den Pionieren auf offenem Boden stellen sich schnell Ruderalfluren aus Quecken, Rainfarn und Beifuß ein, gefolgt von hohen Stauden wie Natternkopf, um schließlich nach etwa zehn Jahren in eine Flur aus Goldruten überzugehen. Erst am Ende der Entwicklungsreihe stehen Brombeergebüsche, die außerordentlich stabil sind“, sagt Josef Müller. „Insgesamt zeigen Brachen in der Stadt ein ungeheures Kaleidoskop von Möglichkeiten: Auf 100 Quadratmetern haben wir bis zu 130 Pflanzenarten gefunden, mit Arten aus Nord- und Südamerika bis nach Australien.“

Für Vielfalt sorgen auch die laufenden Bauarbeiten in der Überseestadt: Dabei wird verschiedenstes Bodenmaterial abgelagert, vom Sand bis zu zermahlenem vulkanischem Gestein. Josef Müller hat zusammen mit seinem Kollegen Heinrich Kuhbier vom Überseemuseum schuttreiche Erdhaufen der ehemaligen Freihäfen untersucht und dabei fast 200 Pflanzenarten verzeichnet. Besonders Arten mit geringer Konkurrenzkraft finden hier einen Lebensraum.

Deshalb findet es der Botaniker mehr als bedauerlich, dass sich in der Überseestadt niemand um diese Restflächen kümmert und sie nach und nach unter Beton und Asphalt verschwinden werden. Die ökologische Bedeutung von städtischen Brachen beschränkt sich nach seinen Worten nicht auf die Lebensraumfunktion für seltene Pflanzen- und Insektenarten. „Bei stärkerem Bewuchs binden Brachen Staub und tragen auch zum Lärmschutz bei“, sagt Müller, „und nicht zuletzt leisten sie auch einen Beitrag zum Wohlbefinden der Bevölkerung: für kurze Spaziergänge durch Blüten und viel Grün oder als Abenteuerspielplätze für Kinder.

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