Waller Wasserturm

Langzeitprojekt erfolgreich beendet

Rund zwei Jahre lang war die Karl-Pters-Straße gesperrt: Auf dem Fundament des alten Waller Waserturms ist ein achtstöckiges Wohngebäude für Senioren errichtet worden, das jetzt eingeweiht worden ist.
21.07.2018, 07:30
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Langzeitprojekt erfolgreich beendet
Von Anne Gerling

Steffensweg. Im Jahr 1900 wurde in Bremen per Verordnung festgelegt, dass zukünftig jeder Neubau ein modernes Spülklosett braucht. Diese Anweisung wirkte sich unmittelbar auf das Stadtbild aus: Im Jahr 1907 wurde an der Breslauer Straße – der heutigen Karl-Peters-Straße – nach drei Jahren Bauzeit der von Architekt Hugo Wagner entworfene Waller Wasserturm eingeweiht. Ein stolzer Riese und mit einer Höhe von 63 Metern zur damaligen Zeit der höchste Wasserturms Europas. 1932 verewigte sogar der Maler Franz Radziwill das imposante Bauwerk in einem Ölgemälde. Doch Walles Wahrzeichen wurde nicht besonders alt: In der Bombennacht vom 18. auf den 19. August 1944 wurde der Koloss durch einen Brand so schwer beschädigt, dass sein markantes Stahlgerüst schmolz.

74 Jahre später steht auf dem alten achteckigen Original-Fundament nun wieder ein Turm: Die Bremer Heimstiftung hat sieben Millionen Euro investiert und dort ein achtgeschossiges Gebäude mit 41 Wohnungen für Senioren gebaut, das etwa halb so hoch ist wie der alte Turm. Im Erdgeschoss gibt es eine Tagespflegeeinrichtung mit 15 Plätzen. Am Freitag ist der Neue Wasserturm im Beisein von Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) eingeweiht worden.

Ausgesprochen schwierige Planung

Sie freut sich, dass dieses ausgesprochen kniffelige Langzeitprojekt nun zu einem erfreulichen Ende gebracht werden konnte: Bis auf drei Wohnungen ist schon alles vermietet. „Als ich 1993 nach Walle zog, besuchte ich hier eine Beiratssitzung und damals stand schon der Waller Wasserturm auf der Tagesordnung“, kann sich Stahmann noch gut erinnern. „Das Fundament schrie förmlich danach, an dieser Stelle etwas Neues zu errichten“, sagt auch André Vater, Vorstandsvorsitzender der Bremer Heimstiftung. Aber: „Dies ist die längste Baustelle der Bremer Heimstiftung, die ich erlebt habe.“ Zwar hatte die Heimstiftung das Grundstück bereits vor 18 Jahren erworben, die Planung erwies sich aber als ausgesprochen schwierig, da die Bauherren unbedingt den historischen Sockel erhalten wollten. So war seit 2006 zunächst um das alte Wasserturm-Fundament herum zwischen Steffensweg und Bremerhavener Straße Schritt für Schritt das Stiftungsdorf Walle herangewachsen; die Gebäude waren dabei bewusst so ausgerichtet worden, dass der Turm später deren Bewohnern die Sicht nicht verstellen würde.

Wasser war dem Architekt wichtig

Was den Turm anging: Architekt Ulrich Tilgner blieb am Ball und konnte nun gemeinsam mit allen Beteiligten tatsächlich auf die Fertigstellung anstoßen. Bei der Gestaltung hatte für den Architekten das Thema Wasser eine zentrale Rolle gespielt; durch abgerundete Kanten wirkt der achteckige Turm, als werde er von einer Wasserwelle umspült.

In Gedanken hat Tilgner bei seinem Entwurf außerdem immer wieder die Zahl „3“ begleitet, wie er nun verriet: „Der alte Wasserturm hatte ein Fassungsvermögen von 3000 Kubikmetern. Unser Gebäude hat Raum für 12 000 Kubikmeter geschaffen. Teilt man dies durch drei, ergibt sich eine Bruttogeschossfläche von 4000 Quadratmetern. Und auch die Fassade ist mit dem Sockel, einem kleinen weißen Kragen darauf und dem Aufbau dreigeteilt – ebenso wie der alte Turm, der den Sockel, das Stahlgerüst und darauf den Kopf mit der Spitze hatte. Wir laufen also gewissermaßen im Drei-Takt.“

Das Dach übrigens birgt eine Besonderheit: Eine hier installierte Photovoltaikanlage versorgt das Haus größtenteils mit grünem Strom. Im Inneren des Bauwerks wiederum sind alle Wohnungen mit modernster Technik ausgestattet worden: Techniker haben gemeinsam mit den Mietern funkgesteuerte Lichtschalter dort an die Wand geklebt, wo sie gut erreichbar sind und gebraucht werden. Und: Heizung, Licht, Rollläden und andere Elemente können über das Tablet oder das Smartphone vom Sofa aus bedient werden. Wie das geht, das Üben einige Bewohner seit Dezember regelmäßige mit jungen Leuten von der Allgemeinen Berufsschule (ABS) gleich nebenan. Die Schüler sind im Digital Impact Lab an der Liegnitzstraße zu „Digital Scouts“ ausgebildet worden.

Die ersten Mieter sind schon im Dezember in den Wasserturm eingezogen. Bei ihnen bedankte sich Stiftungsdorf-Leiterin Jutta Dunker nun ausdrücklich für ihre Geduld – wie auch bei den langjährigen Bewohnern und allen Nachbarn. Denn seit der Grundsteinlegung im März 2016 war die Karl-Peters-Straße für Autos gesperrt und dort konnte nicht geparkt werden.

Mittlerweile kann die Straße wieder befahren werden, was die Anwohner freuen dürfte. Einen von ihnen haben die Bauarbeiten rund um den alten Waller Wasserturm sogar zu einem Gedicht inspiriert: Nachbar Hellmut Grebe trug zur Feier des Tages die von ihm verfassten Verse über den Türmer vor, der von der Spitze des Waller Wahrzeichens aus seit eh und je über die Bewohner des Stadtteils wacht.

Von diesen Zeilen gewissermaßen beflügelt, nutzten viele Gäste die Gelegenheit, um den sagenhaften Ausblick vom obersten Stockwerk aus zu erkunden. Und tatsächlich: Vom Gemeinschaftsraum in der achten Etage aus lässt sich ein herrlicher Rundum-Blick auf Fernsehturm, Bremer Dom, Bremens erstes Hochhaus an der Hansestraße, die Türme von Wilhadi und Sankt Marien, Weser-Tower, Zucker-Bunker, die Vollers-Schuppen, das alte Hafenhochhaus, Landmark-Tower, Rolandmühle, Oberschule am Waller Ring, Almata-Hochhaus und den Dedesdorfer Platz genießen.

Sehnlichster Wunsch von Beiratssprecher Wolfgang Golinski (SPD) ist dementsprechend, dass eines Tages in der oberen Etage ein öffentlich zugängliches Café eingerichtet wird, von dem aus alle im Quartier den Blick über Walles Dächer schweifen lassen können.

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