Abschied vom Polizeidienst Letzter Arbeitstag für Siggi Surma

Siegfried Surma, zuletzt alleinig verantwortlicher Verkehrssachbearbeiter am Waller Revier, geht in den Ruhestand. Mehr als vier Jahrzehnte war er in Walle Polizist.
29.04.2018, 06:02
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Letzter Arbeitstag für Siggi Surma
Von Anne Gerling

Walle. Knapp 17 Jahre jung war Siegfried „Siggi“ Surma, als er, die Mittlere Reife frisch in der Tasche, am 3. September 1973 als frisch gebackener Auszubildender durch das Tor der Bremer Bereitschaftspolizei am Niedersachsendamm in Huckelriede marschierte. Genau 44 Jahre und acht Monate später verlässt er als Polizeioberkommissar nun die Bremer Polizei: An diesem Montag, 30. April, bekommt Surma seine offizielle Entlassungsurkunde.

Gut vier Jahrzehnte lang hat er nach der dreijährigen Ausbildung an der Waller Wache seinen Dienst versehen, wohin ihn seinerzeit eher der Zufall geführt hatte: „Als junger Mensch willst du Action haben. Die Innenstadt, Walle oder die Neustadt waren meine Wunschreviere – auch deshalb, weil ich als Delmenhorster nicht so weit fahren wollte.“ So kam Surma nach Walle, an das 16. Revier am Wartburgplatz, das später einem Sparkassen-Neubau weichen musste.

Dort ging es gleich gut los für den jungen Mann, nämlich mit einer schicken blauen Uniform und einem dunkelgrünen Ford Konsul als Streifenwagen. „Der hatte ein mickriges kleines Blaulicht auf dem Dach“, erinnert sich Surma, „aber 99 PS und er lag auf der Straße wie ein Brett. Damit konntest du auch mal eine anständige Verfolgung machen.“ Auch den Mannschaftswagen Marke Opel Blitz sollte Surma häufig fahren, der bereits während der Ausbildung nacheinander den Führerschein in den Klassen 3, 2 und 1 erworben hatte: „Und das hat mir immer viel Spaß gemacht.“

Zunächst erkundete der junge Polizeibeamte sein Revier aber überwiegend zu Fuß, und auch dies sehr gerne: „Gerade das Gespräch über den Gartenzaun mit den Bürgern hat mir Spaß gemacht. Die Leute haben gegrüßt und es ergab sich immer ein Schnack, das hat mir viel Hintergrundwissen über den Stadtteil gebracht.“ Was ihm außerdem gut gefallen hat: Der große Zusammenhalt an der Wache; sogar ihre Freizeit verbrachten die Kollegen häufig zusammen, wie Surma erzählt: „Man hat sich mit seinem Revier identifiziert.“

Im Zuständigkeitsbereich des Waller Reviers lag damals auch die berühmt-berüchtigte „Küste“ – gut 50 Kneipen und Lokale an der Nordstraße, in denen sich Hafenarbeiter, Seeleute, Bremens Halbwelt und auch das Rotlichtmilieu mischten. „Die Nordstraße war damals einspurig, die Straßenbahn wurde gerade gebaut“, erinnert sich Surma an eine Kuriosität von damals, die mit einer dieser Kneipen und Bars zu tun hatte: „Der Besitzer des Golden City, das auf der Hafenseite der Straßenseite lag, weigerte sich, das Gebäude herzugeben. Weil es diesen Rechtsstreit gab, wurde dann für die Straßenbahn extra eine Kurve umzu gelegt.“

Ob bei Streitereien um Preis und Leistung im horizontalen Gewerbe oder Auseinandersetzungen zwischen ganzen Schiffsbesatzungen – die Beamten vom 16. Revier – und erst recht ihre Kollegen vom 13. Revier im Hafen – hatten damals regelmäßig beruflich mit den Bars und deren Besuchern zu tun, sagt Surma: „Es gab Hauereien – das war dann Action.“ Auch Trunkenheitsfahrten und Verfolgungsfahrten gehörten zum Tagesgeschäft auf der Wache. „Einen haben wir mal an der Oslebshauser Schleuse gestellt. Er hatte sich verfahren und ging nicht runter vom Gas. Wir dachten erst, er fährt direkt ins Becken. Er hat dann aber aufgegeben.“ Umgekehrt hat auch Surma seinerzeit einmal eine Verfolgung abgebrochen. Zu groß schien ihm die Gefahr, dass ansonsten durch den unberechenbaren Raser im Fluchtauto am Ende Unbeteiligte zu Schaden kommen könnten.

Vorige Woche hat Surma seine Dienstwaffe abgegeben. Gebraucht habe er sie zum Glück aber nie, erzählt er: „Aber gezogen? Selbstverständlich!“ Einmal zum Beispiel hätten er und sein Kollege in einer brenzligen Situation in einem Treppenhaus durchgeladen. Allein das Geräusch habe den Täter offenbar beeindruckt: „Er stand oben mit erhobenen Händen, seine Waffe lag neben ihm auf dem Boden.“ Als vor 39 Jahren in der Rolandmühle eine Mehlstaub-Explosion hochging, hatte Surma Spätschicht. „Ich saß vor dem alten Riesentelefon und plötzlich leuchtete alles auf: Vier Anrufe gleichzeitig.“ Besorgte Bürger erzählten Surma damals von herumliegenden Betonbrocken und kaputten Fenstern. Der war zunächst überrascht: „Auf der Wache hatten wir den Knall nicht gehört.“

Auch die Rekrutenvereidigung im Weserstadion am 6. Mai 1980 ist Surma bis heute lebhaft in Erinnerung geblieben: „Da habe ich das erste Mal ein Polizeiauto brennen sehen. Ich stand unten am Kassenhäuschen, oben wurden Steine rausgerissen, mit denen sie uns bepflastert haben. Das war heftig.“

Besonders dramatisch wurde es aber im Jahr 1988. Nach einem KFZ-Aufbruch rammte ein Straftäter mit seinem Auto den Dienstwagen, aus dem Siegfried Surma und sein Kollege Wilhelm Mohrlüder gerade ausgestiegen waren. Surma wurde zwischen beiden Fahrzeugen eingeklemmt, zog sich aber wie durch ein Wunder lediglich eine – äußerst schmerzhafte – Hüftprellung zu.

Im Zuge der Polizeireform 2006 kam nach 29 Jahren im Schichtdienst für ihn dann die Gelegenheit, sich auf eine Stelle als stellvertretender Verkehrssachbearbeiter, kurz: VS, zu bewerben. Es klappte, und auch in seiner neuen Rolle ging Surma voll auf, der schließlich vom Stellvertreter zum hauptverantwortlichen Waller VS aufstieg. „Ich bin als VS praktisch das ASV bei der Polizei“, erklärt Surma das Tätigkeitsspektrum. Ergänzend zum Amt für Straßen und Verkehr hat er nämlich dafür gesorgt, dass „ab Bordstein“ - also in den sogenannten Nebenanlagen – die Sicherheit gegeben sei. Ob es um Absperrungen für Straßenfeste ging, um Halteverbotsschilder für Umzüge oder um die Absicherung von Baustellen – all dies lief über Surmas Schreibtisch. „Die Poliere sind hier rein mit ‚Wünsch-dir-was‘ und raus mit ‚So-isses‘, nachdem ich gesagt habe, wie es gemacht wird.“ Dass die von ihm getroffenen Verkehrsanordnungen auch eingehalten wurden, hat Surma regelmäßig kontrolliert. So manche Baustelle ist auch stillgelegt worden, wenn es denn sein musste.

Dennoch freut sich im Stadtteil wohl kaum jemand über Surmas Weggang, der Waller Beirat hat sich mit Blumen für die gute Zusammenarbeit bedankt. Er sei immer gerne zu den Sitzungen der Ortspolitiker gekommen, versichert Surma. Er freue sich nach 44 Jahren und acht Monaten im Polizeidienst jetzt aber auch auf den Ruhestand. Sein erstes Ziel ist die Ostsee, wohin es Surma seit langem regelmäßig an den Wochenenden zieht: „Der Begriff Dauercamper soll eine ganz neue Dimension bekommen.“

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