Neues Stück im GOP-Theater Meister aller Freaks

Schlangenmenschen, Schwertschlucker und eine bärtige Dame – "Freaks" will seinem Namen gerecht werden. Elyas Khan führt durch die Aufführung im GOP-Theater Bremen und erzählt, was ihn an den Freaks so fasziniert.
12.07.2018, 12:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sebastian Krüger

Elyas Khan fällt auf. Der ebenso voluminöse wie gepflegte Bart umrandet das verschmitzt grinsende Gesicht, während er dunkel gekleidet und mit lässigem Gang durch die Flure des GOP-Theaters schlendert, in die Räume schaut und jeden grüßt, den er sieht. Um den Hals klimpern Ketten und Anhänger auf der eng sitzenden Weste.

"Die Premiere war großartig", schwärmt er. Anfang des Jahres feierte das Stück "Freaks" Erstaufführung im GOP-Theater Münster. Vom 12. Juli bis zum 26. August macht die Tour halt im Bremer Haus. 78 Shows hat das Ensemble in Münster über die Bühne gebracht – acht pro Woche. Eine harte Belastung, aber: "So ist das Showbusiness." So häufig auf der Bühne zu stehen ist jedoch gut für die Künstler und Performer, findet er.

Dennoch hatte Khan Zeit gefunden, die Stadt zu erkunden. "Ich bin jetzt ein Fan des Fußballvereins FC Preußen Münster", erzählt er und zeigt auf die Fan-Mütze auf seinem Kopf. Auch am Tag vor der Bremen-Premiere übt das Ensemble noch fleißig. Ein bisschen hat er sich in Bremen bereits umschauen können und erzählt von der "anderen Seite der Weser". In jeder Stadt soll das Stück etwas anders aufgeführt werden. Das Bremer Publikum wird eine andere Aufführung zu Gesicht bekommen als die Münsteraner Zuschauer.

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Auf der Bühne ist Khan der Zeremonienmeister und bezeichnet sich selbst als "Freak-Meister". Er führt nicht nur durch das Programm, sondern spielt dabei eine Figur. "Das Ensemble ist voller Freaks und Außenseiter. Es ist wie hier im Viertel", sagt er und lacht. Als Freak-Meister sorgt er sich um die anderen Figuren auf der Bühne und passt auf sie auf. "Wir Freaks sehen vielleicht furchteinflößend aus, sind aber das genaue Gegenteil." Er versuche stets, die Menschlichkeit hinter den Dingen zu sehen.

Zwischen den einzelnen Show-Einlagen gebe es eine zusammenhängende Geschichte. "Es ist mehr als nur eine Aneinanderreihung von Acts mit Moderation dazwischen." Die komödiantischen Einlagen würden ihn an Klassiker wie Charlie Chaplin und Buster Keaton erinnern. Das Stück als Ganzes jedoch sei "absolut zeitlos".

Bei "Freaks" handelt es sich nicht um eine Horror-Show, betont er. Anders als der gleichnamige US-amerikanische Horrorfilm von 1932 sei das Stück nicht düster oder blutig. Die Botschaft sei sogar sehr positiv: "Es geht um Toleranz." Die Figuren auf der Bühne seien allesamt merkwürdig und andersartig. Im Mittelpunkt stehe, dass sie nicht allein sind, sondern sich zusammenschließen sollten. "Es ist ein Familienprogramm", sagt Khan zusammenfassend. Zeitgleich verspricht er aber auch einen gewagten Humor und sexuelle Anspielungen.

"Im Stück gibt es großartige Figuren"

Zwischen sich selbst und seinem Charakter sehe er nach all den Aufführungen und Proben keine allzu großen Unterschiede mehr. "Andere Berufe hören nach Feierabend auf. Meiner nicht." Ob er nach Abschluss der Reihe einfach so aufhören könne, den Freak-Meister zu spielen? "Wenn ich von der Bühne gehe, werde ich die Welt wieder als Zuschauer betrachten, aber die Freaks und Außenseiter werden nach wie vor einen besonderen Platz in meinem Herzen haben." Er werde nie aufhören, die Welt so zu betrachten. "Warum sollte ich?", fragt er trotzig.

Er erzählt vom Ensemble. Seine Augen leuchten, die Hände gestikulieren wild. "Im Stück gibt es großartige Figuren", schwärmt er. Besonders von Bronwen Pattison: Die neuseeländische Akrobatin ist der Schlangenmensch des Teams. Aber neben den beeindruckenden Verrenkungen spiele auch sie eine Rolle mit eigener Handlung. "In ihrem Handlungsstrang geht es um seelische Gesundheit und die Suche nach Verständnis."

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Es sei ein überwältigendes Erlebnis für ihn gewesen, zum ersten Mal Akrobaten, Schlangenmensch und Schwertschlucker aus nächster Nähe zu erleben. "Für jede Person im Team verspüre ich Liebe, Ehrfurcht, Schock und Respekt." Alles, was auf der Bühne zu sehen ist, sei echt, verspricht er – keine Tricks. "Die Künstler zeigen auf der Bühne, was sie ihr Leben lang geübt haben." Khan fühle sich privilegiert, mit ihnen zusammen zu arbeiten.

Letztlich jedoch gehe es in "Freaks" seiner Meinung nach vor allem um eines: Unterhaltung. "Es ist klassisches, zeitloses Theater." Für den Zuschauer stehe das Spektakel im Vordergrund, sagt Khan. "Aber wenn die Leute nach Hause gehen, werden sie auch ein warmes, wohliges Gefühl haben."

Als musikalische Leitung des Stücks habe er sich etwas ausdenken müssen, was allen Generationen gefallen kann und dazu auch noch zu den Charakteren passt. Sein Beitrag soll all die Kuriositäten miteinander verbinden. "Die Show ist sehr musikalisch", betont er. Die Musik stammt aus gänzlich seiner Feder und werde von ihm live vorgetragen – allein. "Für eine ganze Band wäre auf der Bühne kein Platz."

Sieben Theater gehören zum Betrieb

Seine Inspiration hat viele Quellen: Neben musikalischen Einflüssen von Bach bis zu den Sex Pistols habe er sich vor allem vom Konzept und den visuellen Eindrücken der Show inspirieren lassen. Auch fantastische Filme zählt er zu seinen künstlerischen Einflüssen, wie "Das wandelnde Schloss" und "Die Abenteuer des Baron Münchhausen".

Der 52-Jährige mit indischen Wurzeln wurde in London geboren und ist mit 15 nach New York gezogen. Dort begann seine Karriere im Showgeschäft. Er spielte am Theater und tanzte im Ballet. Zur Musik hat es ihn mit 33 Jahren verhältnismäßig spät verschlagen. "Aber es ist nie zu spät." Das GOP-Varieté-Theater hat seinen Sitz in Hannover. Mittlerweile gehören insgesamt sieben Theater zum Betrieb.

"Wir spielen nur eigene Produktionen und kaufen nichts ein", betont Christine Sollmann, stellvertretende Direktorin des Bremer Hauses. Die Reaktionen auf die Premiere in Münster seien sehr positiv ausgefallen. "Es ist ein spezielles Thema, aber wir probieren gern Neues aus." Sie wolle nicht auf dem klassischen Varieté-Programm stehen bleiben, sondern mehr zusammenhängende Konzepte auf die Bühne bringen. Den roten Faden bei "Freaks" bildet Elyas Khan. Im Rampenlicht scheint er sich pudelwohl zu fühlen.

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