Schüler der Europaschule Utbremen diskutieren mit Politikern über das Problem exportierten Elektroschrotts

Müll, den niemand haben will

Wenn alte Computer oder Fernseher kaputtgehen, entscheiden sich immer mehr Menschen aus Kostengründen gegen eine Reparatur. Dadurch entsteht immer mehr Elektroschrott, der zu großen Teilen nach Afrika verschifft wird. Dort aber sorgt der giftige Müll für große Probleme. Was man dagegen tun kann, das besprachen jetzt Schüler der Europaschule Utbremen mit Abgeordneten aus der Bremischen Bürgerschaft während einer Diskussionsrunde.
24.05.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Yannic Wittenberg

Wenn alte Computer oder Fernseher kaputtgehen, entscheiden sich immer mehr Menschen aus Kostengründen gegen eine Reparatur. Dadurch entsteht immer mehr Elektroschrott, der zu großen Teilen nach Afrika verschifft wird. Dort aber sorgt der giftige Müll für große Probleme. Was man dagegen tun kann, das besprachen jetzt Schüler der Europaschule Utbremen mit Abgeordneten aus der Bremischen Bürgerschaft während einer Diskussionsrunde.

Utbremen. In der gefüllten Schulaula im Schulzentrum Utbremen begrüßten die Schüler Lisa-Christin Kröger, Nadine Krey und Denis Schäfer zunächst ihre Gäste. Abgeordnete von SPD, Grünen und der Linken waren ihrer Einladung gefolgt, um über das Thema "Toxic City – Die Hintergründe des exportierten europäischen E-Schrotts nach Accra in Ghana" zu diskutieren. Zudem war auch der freie Fotograf Kai Löffelbein zu Gast. Sein Bild eines Jungen auf einer Mülldeponie in Accra wurde im vergangenen Jahr von der UNICEF zum Foto des Jahres ernannt.

"Durch einen Zeitungsartikel und durch die Fotoreportage von Herrn Löffelbein wurden wir auf das Problem mit dem Elektroschrott aufmerksam", erklärte Denis Schäfer. "Wir finden, es ist ein ernstes Thema, über das man reden muss."

Bevor allerdings die Diskussion eröffnet wurde, erläuterten die Schüler zunächst die Situation mit dem giftigen Müll in Afrika. Durch ihre extreme Armut sind dort viele Menschen gezwungen, auf den immer größer werdenden Deponien zu arbeiten, wie beispielsweise in Accra. Die giftigen Metalle, die in den Elektrogeräten verarbeitet sind, greifen dabei die Gesundheit der Arbeiter, die oft auch Kinder sind, massiv an.

"Warum wird immer mehr von dem giftigen Müll nach Afrika exportiert, obwohl es doch eigentlich ein Verbot dafür gibt?", fragte Nadine Krey in die Expertenrunde und eröffnete damit die Diskussion. "Weil der Verkauf des Schrotts nun mal viel Geld bringt, gibt es viele Menschen, die nach Lücken im Gesetz suchen", erklärte Elombo Bolayela von der SPD. "Wenn zum Beispiel ein kaputter Rechner nicht als Schrott, sondern einfach als gebrauchter Computer deklariert wird, darf man ihn wieder exportieren", ergänzte Klaus-Rainer Rupp von der Linken. "Um das alles ganz genau zu kontrollieren, gibt es beim Zoll auch zu wenig Personal." Gegenmaßnahmen müssten aber nicht nur in Bremen oder in Deutschland getroffen werden, sondern auf europäischer Ebene, fügte Mustafa Kemal Öztürk von den Grünen hinzu. Als einzelnes Land habe man nicht viele Chancen, weil Firmen dann einfach auf Häfen in anderen Ländern ausweichen würden, um den Giftmüll loszuwerden.

Aus dem Publikum kam daraufhin der Vorschlag, dass man auch die Bestimmungen in Afrika ändern und den Müll einfach nicht mehr annehmen könnte. "Das ist leider nicht so einfach", sagte Rupp. "Die afrikanischen Länder stehen unter einem großen Druck von außen. Sollten sie den Schrott nicht mehr annehmen, werden ihnen womöglich keine Kredite mehr gewährt, die sie dringend brauchen." Dem pflichtete auch Kai Löffelbein bei: "Das Problem liegt hier bei uns. Wir müssen unsere Bestimmungen, aber auch unsere Produktionsweisen ändern, um weniger Müll zu produzieren."

"Wenn doch aber diese Grauzonen in den Gesetzen bekannt sind, warum ändert man sie nicht?", wollte Nadine Krey daraufhin wissen. "Das Problem ist, dass auch viele Lobbyisten aus der Wirtschaft bei diesen Entscheidungen mit am Tisch sitzen, die natürlich nichts mit dem Elektroschrott zu tun haben wollen. Sie wollen am liebsten nur verkaufen", meinte Öztürk. "Dadurch sind die Entscheidungsfindungen sehr komplex." Diese Begründung reichte Rupp aber nicht aus: "Auch wenn es manchmal nicht einfach ist, kann die Politik mehr bewegen als man denkt. Bei vielen fehlt dabei einfach der Wille, komplexe Themen anzugehen."

Ein weiterer Zuhörer fragte, was man denn als einzelner Bürger gegen das Problem tun kann, und ob man sich überhaupt sicher sein könne, dass zum Beispiel beim Recyclinghof auch wirklich recycelt und nicht verschifft wird. "Ein wenig Vertrauen in unsere eigenen Institutionen müssen wir schon haben. Ich bin sicher, dass dort ordentlich gearbeitet wird, und daher ist es auch ein richtiger Weg, seinen Schrott zum Recyclinghof zu bringen", meinte Bolayela.

Um die Menschen aber wirklich von den giftigen Mülldeponien herunterzuholen, müsse allerdings ein viel weitgreifenderes Problem gelöst werden – die Armut in Afrika, meinte Rupp. Denn die großte Not der Menschen sei es schließlich, die sie dazu treibt, diese gesundheitsschädlichen Arbeiten zu machen.

Trotzdem erinnerte Öztürk zum Abschluss der Diskussion noch einmal daran, dass große Veränderungen immer klein anfangen: "Jeder einzelne kann etwas tun, indem er verantwortungsbewusst lebt, auch hier in Bremen."

Nach dem Dank der Schüler für die lebhafte und interessante Diskussion gab es Beifall in der Aula. Das Publikum hatte die ganze Zeit interessiert zugehört und sich auch engagiert eingebracht. Auch die drei Schüler, die das Projekt vorbereitet hatten, zeigten sich nach der Veranstaltung sichtlich zufrieden. Sie hatten an diesem Tag nicht nur etwas Gutes für ihre Abiturnote getan, sondern mit der Diskussion auch ihren Mitschülern ein sehr wichtiges Thema nahe gebracht. Viele von ihnen werden es sich in Zukunft sicher zweimal überlegen, wo sie ihren kaputten Computer oder Fernseher entsorgen.

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