Erstaufnahme für unbegleitete Minderjährige

Neue Pläne für das alte Hauptzollamt

Das Sozialressort möchte Bremens zentrale Erstaufnahme für junge unbegleitete Geflüchtete von Habenhausen nach Walle verlegen: Das Hauptzollamt an der Hans-Böckler-Straße ist seiner Ansicht nach dafür ideal.
07.04.2019, 20:25
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Neue Pläne für das alte Hauptzollamt
Von Anne Gerling
Neue Pläne für das alte Hauptzollamt

Das frühere Hauptzollamt an der Hans-Böckler-Straße erfülle alle Bedingungen für die Erstaufnahme, heißt es.

Roland Scheitz

Die rund 130 Zollmitarbeiter sind schon im Frühjahr 2014 in modernere Büros an der Konsul-Smidt-Straße umgezogen. 2016 waren dann 88 unbegleitete minderjährige Geflüchtete in dem vierstöckigen Gebäude an der Hans-Böckler-Straße 56 untergebracht worden. Seit Februar steht das ehemalige Hauptzollamt nun leer; nur der Sicherheitsdienst ist noch täglich vor Ort. Bald könnten aber neue Bewohner kommen: Die Sozialbehörde möchte gerne die Erstaufnahmeeinrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge von der Steinsetzerstraße in Habenhausen nach Walle verlegen.

Am 20. März hat bereits die städtische Deputation für Soziales, Jugend und Integration dem Vorhaben zugestimmt. Details dazu hat im Sozialausschuss des Waller Beirats nun Claudia Vollmer erläutert, die im Sozialressort den Bereich Kommunale Ausbauplanung unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit verantwortet.

Wohnheimplätze für unbegleitete junge Geflüchtete werden aktuell nicht mehr benötigt, beschreibt sie: „Seit 2017 sind die Bewohner im Hauptzollamt kontinuierlich weniger geworden und nachdem dort anfangs auch Doppelzimmer genutzt wurden, gab es zuletzt nur noch Einzelzimmer. Mitte beziehungsweise Ende 2018 wurden dann dort die ersten Etagen geschlossen.“ Zu diesem Zeitpunkt seien die letzten 20 Bewohner auch bereits älter als 18 Jahre und somit volljährig gewesen.

Fast alle Jugendlichen, für die die Stadt vor rund vier Jahren noch händeringend nach Unterbringungsmöglichkeiten gesucht hatte und die schließlich im Hauptzollamt untergebracht worden waren, konnten inzwischen in eigene Wohnungen oder Wohngemeinschaften für Jugendliche vermittelt werden. Sie leben heute in Walle und anderen Stadtteilen, berichtete die Behördenmitarbeiterin: „Es ist überhaupt nicht mehr kompliziert, Wohnungsangebote für sie zu finden.“

Suche läuft schon seit 2015

Großes Kopfzerbrechen allerdings bereitet der Sozialbehörde die Suche nach einem neuen Standort für Bremens zentrale Erstaufnahmeeinrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Diese ist aktuell an der Steinsetzerstraße in Habenhausen ansässig, wo es aber bauliche Probleme gibt. Deshalb sind seit 2015 bremenweit verschiedene andere Standorte geprüft worden – zuletzt das Hotel „Horner Eiche“, das zwischenzeitlich von der mittlerweile insolventen Akademie Kannenberg als Flüchtlingsunterkunft betrieben wurde. Dies komme aus baurechtlichen Gründen aber nicht infrage, so Vollmer. So kam eine alte Idee wieder ins Spiel: „Wir hatten das Alte Zollamt schon einmal als Erstaufnahme für unbegleitete Minderjährige in Erwägung gezogen und wissen sehr genau, dass das Objekt dafür sehr, sehr gut geeignet ist.“

Was es genau mit der Einrichtung auf sich hat und wie dort die Abläufe sind: Jeder junge unbegleitete Geflüchtete, der nach Bremen kommt, wird zunächst in der Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht, die der Verein für Innere Mission seit November 2015 betreibt. An der Steinsetzerstraße sind dabei aktuell 23 Jugendliche untergebracht, so Katharina Kähler, die den Bereich Kinder- und Jugendhilfe beim Trägerverein Innere Mission leitet: „Im Jahr 2018 hatten wir dort zwischen 15 und 50 Bewohner.“

Lesen Sie auch

Das alte Hauptzollamt in Walle wäre deshalb ihrer Einschätzung nach groß genug für eine vernünftige Unterbringung der Jugendlichen – und würde auch dann noch ausreichen, wenn überraschend doch einmal mehr unbegleitete Minderjährige nach Bremen kämen. Ein wesentlicher Unterschied zur bisherigen Nutzung als Wohnheim: Die Erstaufnahme ist eine Durchgangsstation, in der die jungen Bewohner jeweils nur kurze Zeit verweilen. In der Regel dauere es zwischen vier und zwölf Wochen, bis alle erforderlichen Formalitäten erledigt seien und die Jugendlichen in verschiedene Hilfesysteme weitervermittelt werden könnten, so Kähler.

Rund 90 Prozent der Jugendlichen in der Erstaufnahme seien Jungen, sagt sie: „Mädchen nehmen wir auch auf, sie werden momentan aber in der Regel bei einem anderen Träger untergebracht. Das wäre im Zollamt anders, weil dort eigene Etagen für sie eingerichtet werden könnten.“ „Die Jugendlichen, die wir aufnehmen, sind meist das allererste Mal in Deutschland“, schilderte Einrichtungsleiter Jürgen Kattner. Viele seien anfangs von ihrer Flucht sehr erschöpft. Um ihnen nach der Ankommensphase in ihrer Freizeit Angebote machen zu können, seien in Habenhausen zum Beispiel Kontakte zu den umliegenden Sportvereinen geknüpft worden: „Dabei hat sich herausgestellt, dass Fußball ein ganz wichtiges Element ist.“ Auch künstlerische Angebote und gemeinsame Ausflüge stünden regelmäßig auf dem Programm und mehrmals pro Woche werde sehr niedrigschwellig Deutschunterricht angeboten.

Die Kostenfrage ist geklärt

Die Einrichtung werde sieben Tage pro Woche 24 Stunden am Tag von Mitarbeitern betreut, außerdem sei Security vor Ort. Als Kooperationspartner der Erstaufnahmeeinrichtung würden außerdem die Polizei und das Gesundheitsamt mit ins Gebäude einziehen, um dort die erkennungsdienstliche Behandlung und medizinische Untersuchungen durchzuführen.

Als das Thema im März in der Sozialdeputation behandelt wurde, hoffte das Sozialressort noch, Ende April mit dem Umzug von Habenhausen nach Walle beginnen zu können. Laut Immobilien Bremen (IB) müsse aber zunächst eine Nutzungsänderung beantragt und genehmigt werden, so Vollmer: „Wir würden gerne im Juli, August oder September umziehen, sehen es aber jetzt nicht mehr ganz so optimistisch.“

Auch die Kostenfrage ist geklärt. Das Zollamt gehört dem Bund und könnte bis zum Jahresende kostenfrei genutzt werden, so die Behördenvertreterin: „Wir sind im Gespräch mit der Behörde und haben relativ klare Signale, dass das auch weiterhin so bleiben kann.“ Falls nicht, so würden rund 15 000 Euro Miete im Monat fällig – womit man deutlich unter den 35 000 Euro liege, die für die „Horner Eiche“ gezahlt worden waren. Der Mietvertrag für das ehemalige Hotel – der ursprünglich bis zum Jahr 2028 abgeschlossen worden war – ist Vollmer zufolge zum November gekündigt worden; ein Rechtsstreit mit dem Eigentümer läuft noch.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+