Nach Bericht im WESER-KURIER

Obdachloser Tobias Sievers hat jetzt Job und Wohnung

Nachdem der WESER-KURIER vom Schicksal des Obdachlosen Tobias Sievers berichtet hatte, haben sich viele Leser gemeldet. Sie wollten helfen. Jetzt hat Sievers tatsächlich einen Job und bald auch eine Wohnung.
12.01.2020, 05:44
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Obdachloser Tobias Sievers hat jetzt Job und Wohnung
Von Marc Hagedorn
Obdachloser Tobias Sievers hat jetzt Job und Wohnung

Tobias Sievers (Mitte) arbeitet ab Mittwoch im Wachdienst im Hag-Park. Dann kontrolliert er auch den Marmorsaal, in dem er sich mit Peter Menning (links) und Meikel Günther für das Foto verabredet hat. Menning und Günther haben Sievers zu einem Job verholfen.

Frank Thomas Koch

Tobias Sievers wartet draußen. So wie beim vergangenen Mal, als er sich mit dem WESER-KURIER getroffen hat. Ende November war das. Sievers wollte der Zeitung seine Geschichte erzählen. Damals sagte Sievers, dass er sich allein nicht ins Café hineingetraut hätte. Er ist obdachlos, und die Blicke und das Getuschel, nein, das mochte er sich nicht antun. Dass er jetzt wieder vor der Tür bleibt, hat einen anderen Grund. Sievers nutzt die Zeit, um in Ruhe seine Zigarette zu Ende zu rauchen. Als seine Verabredung schließlich eintrifft, sagt Sievers: „Diesmal wäre ich auch allein in den Laden gegangen.“ Dann drückt er die Zigarette aus und die Tür zum Café auf.

Es ist viel passiert, seitdem der Artikel „Der schwierige Weg zurück“ Anfang Dezember in dieser Zeitung erschienen ist. Mehrere Leser haben sich in der Redaktion gemeldet. Einer wollte Sievers' Schulden bei der Krankenkasse begleichen. Einer konnte ihm einen Job in Aussicht stellen. „Vor dir steht ein veränderter Mensch“, sagt Sievers. Das sieht man auch. Er zeigt auf die Schuhe: neu. Er zupft am Hosenbein seiner Jeans: neu. Er zeigt auf den Pullover: neu. Und er rückt die Baseball-Kappe auf seinem Kopf zurecht: auch neu.

„Mein Selbstwertgefühl ist zurück“

Er ist jetzt nicht plötzlich reich geworden. Überhaupt nicht: Tobias Sievers, 40, hat nach wie vor Schulden bei der SWB, er hat immer noch keine eigene Wohnung. Aber wenn er auf der Straße eines gelernt hat, dann wie wahr der Spruch ist, dass Kleider Leute machen. Deshalb hat er sich neu eingekleidet. Die Menschen begegneten ihm jetzt anders, sagt er. Sie starrten ihn nicht mehr an. „Mein Selbstwertgefühl ist zurück“, sagt er.

Daran mitgewirkt haben „viele gute Menschen aus Bremen“, wie er sagt. Zum Beispiel der Leser, der seine Schulden bei der HKK beglichen hat. 1600 Euro waren das. Der Mann möchte anonym bleiben, mit Sievers hat er sich aber getroffen. Sie hatten den Weihnachtsmarkt als Treffpunkt abgemacht, sind dann aber zu McDonald's gegangen, um ungestört eine Cola trinken zu können und ganz viel zu reden. Am Ende überreichte ihm der Mann noch einen 100-Euro-Einkaufsgutschein für den Supermarkt. „Mir kommen jetzt noch die Tränen, wenn ich daran denke“, sagt er. Seit drei Jahren ist Sievers obdachlos. Dass Mitmenschen so großzügig sein können, hatte er fast schon vergessen.

Lesen Sie auch

Das Geld für seine neue Kleidung hat Sievers gespart. Dass er ein paar Euro zur Seite legen konnte, hängt mit Meikel Günther zusammen. Günther arbeitet als Objektmanager im Hag-Gewerbepark. Nachdem er Sievers' Geschichte gelesen hatte, ist er zu seinen Chefs gegangen, und gemeinsam haben sie überlegt, wie sie Sievers helfen könnten. Vielleicht mit einem Job? Tatsächlich hat Sievers am kommenden Mittwoch seinen ersten Arbeitstag im Wachdienst auf dem Hag-Gelände. Schon jetzt darf er die Sozialräume dort nutzen, duschen, Wäsche waschen, essen – das Geld, das er auf diese Weise gespart hat, konnte er in sein neues Outfit investieren.

Noch im Dezember hatte Sievers für zwei Tage auf dem ehemaligen Kaffee-Hag-Gelände am Holz- und Fabrikhafen zur Probe gearbeitet. Er weiß jetzt, wie sein Alltag ab nächster Woche aussehen wird. Schichtbeginn ist um Mitternacht, Feierabend morgens um acht. Die letzten zwei Stunden davon soll er am Empfang arbeiten. Zu jeder vollen Stunde dreht er seine Runde durch das weitläufige Quartier. An seiner Seite werden dann auch Shelby und Lotti sein. Der Rehpinscher-Mix und die Wolfshund-Rottweiler-Mischung sind Sievers treue Begleiter, seitdem er auf der Straße lebt. „Die Hunde“, sagt Sievers, „die Hunde haben mich in den vergangenen Jahren an schlechten Tagen am Leben gehalten.“ Dass er sie jetzt auch noch mit zur Arbeit bringen kann, „das ist eine unglaublich glückliche Fügung“. Sievers' Augen sind feucht, als er das sagt.

Von der Probearbeit direkt zur Weihnachtsfeier

Die neuen Kollegen hat er auch schon kennengelernt. Nach dem Probearbeiten luden ihn Investor Abdullah Ünal und Hag-Park-Geschäftsführer Peter Menning zur betrieblichen Weihnachtsfeier ein. Es sei ein sehr schöner Abend gewesen, sagt Sievers, viele nette Gespräche habe er geführt. Aber er hat dabei auch festgestellt, was die Zeit der Obdachlosigkeit bei ihm angerichtet hat. „Ich habe soziale Fähigkeiten verloren“, sagt er.

Im Vier-Augen-Gespräch oder im kleinen Kreis, sagt er, habe er überhaupt keine Probleme sich auszudrücken. Bei Familie Günther zum Beispiel sei er zu Weihnachten eingeladen gewesen, „ein sehr schönes Gefühl nach drei Jahren Weihnachten, an denen ich allein war“. Sie hätten sich super unterhalten.

Lesen Sie auch

Tatsächlich ist auch der Termin mit dem WESER-KURIER nicht beendet, nachdem die Fragen zu seinem Leben behandelt sind. Sievers bleibt noch sitzen, und fortan kreisen die Gespräche um E-Autos, die Krise der SPD und die Meinungsfreiheit im Land. Er kennt sich mit den Themen aus, „ich habe als Obdachloser viel Zeit zum Lesen“. Was er dagegen nicht so gut kann, ist Small-Talk in größerer Runde. Das habe er auf der Weihnachtsfeier gemerkt. „Wenn zehn Leute um mich herumstehen, bin ich noch gehemmt“, sagt er, „das muss ich erst wieder lernen.“

Bald für den FC Riensberg auf dem Platz

Dabei helfen könnte ihm ein weiterer Bremer, der sich bei ihm nach dem Erscheinen des Zeitungsartikels gemeldet hat. Ingo Brüning ist Mitbegründer und Vorsitzender des Fußballvereins FC Riensberg 11. Brüning ist mit Sievers zur Schule gegangen. Nachmittags haben sie in Schwachhausen manchmal auf dem Bolzplatz gespielt bis es dunkel wurde. Mit Brüning hat Sievers sich getroffen. Es gab viel zu erzählen, und jetzt haben sie verabredet, dass Sievers demnächst beim FC Riensberg mitspielen soll. Er habe zwar fünf Jahre lang nicht gekickt, sagt Sievers, „aber eine Position sollte sich für mich schon finden lassen.“ Und am meisten freue er sich sowieso auf das Hinterher, „auf das gemeinsame Zusammensitzen bei einer Cola“.

Was ihm jetzt noch fehlt, ist ein eigenes Dach über dem Kopf. Im Moment kommt er bei Freunden unter. Aber er hat eine Wohnung in Aussicht. Während er von all den Veränderungen erzählt, wirkt er manchmal so, als könne er das selbst alles gar nicht glauben. „Wenn ich darüber nachdenke“, sagt er, „sind drei Jahre eine magische Grenze. Wenn du länger als drei Jahre einen Rucksack tragen musst voller Niederlagen und Enttäuschungen, kommst du aus dieser Spirale nicht mehr raus.“ Er sagt, dass er allen Helfern unendlich dankbar sei. Er will ihnen jetzt beweisen, dass er die Kurve kriegt. Von einem „kleinen Glück mit Arbeit und Wohnung“ hatte er im November geträumt. Diesem Glück ist er ein großes Stück näher gekommen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+