Alt solidarisch mit Jung

Pensionierte Bremer Lehrkräfte unterstützen Projekte für Kinder

Ehemalige Bremer Pädagoginnen und Pädagogen haben einen Initiativkreis gebildet und spenden zwei Jahre ihre Pensionserhöhung für benachteiligte Kinder und Jugendliche.
02.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Pensionierte Bremer Lehrkräfte unterstützen Projekte für Kinder
Von Ulrike Troue
Pensionierte Bremer Lehrkräfte unterstützen Projekte für Kinder

Quirl-Geschäftsführerin Barbara Köberlein (v.l.) und Kinderhaus-Leiterin Yvonne Ingenrieth freuen sich über Spenden ehemaliger Lehrkräfte wie Lutz Drosdowsky und Helmut Zachau.

Frank Thomas Koch

Kinder aus Quartieren, in denen viele Menschen unter prekären Bedingungen leben, benötigen nach der Corona-Krise mehr Hilfe als nur die Öffnung ihrer Kita. Davon sind pensionierte Bremer Pädagoginnen und Pädagogen überzeugt – und wollen einen persönlichen finanziellen Beitrag leisten, um Familien aus schwierigen Verhältnissen bei der Bewältigung der Pandemie-Folgen zu unterstützen.

Eine Gruppe einstiger Lehrkräfte hat auf Anregung von Lutz Drosdowsky einen Initiativkreis gegründet und sich bereit erklärt, ihre Pensionserhöhung mindestens zwei Jahre lang für Projekte für Kinder und Jugendliche zu spenden. Auf 29 Förderer ist der Initiativkreis schon angewachsen. Der Lehrer appelliert nun an alle ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, „gemeinsam mit uns so ein Projekt zu unterstützen.“

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Der Lockdown dürfte in Familien, für die der Alltag ohnehin schon schwierig zu bewältigen ist, durch Einkommenseinbußen, geschlossene Schulen und Sozialeinrichtungen sowie häusliche Isolation zu extremen Spannungen führen. Auch wenn die nicht unbedingt öffentlich sichtbar sind. Das sind zusätzliche Belastungen für Kinder und Jugendliche, die ohnehin schon ein schweres Päckchen zu tragen haben, davon sind die pensionierten Pädagoginnen und Pädagogen überzeugt.

Wenn der Stress für Familien nicht gemildert wird, nehmen die Probleme zu und damit wird auch die Bildungsbenachteiligung von Mädchen und Jungen weiter verschärft, die unter prekären materiellen Bedingungen aufwachsen, teilt der Initiativkreis mit. Deshalb müssten diese Kinder die Chance bekommen, ihre Interessen auf der Basis einer guten Bildung für die Zukunft einer demokratischen und gerechten Gesellschaft einbringen zu können.

Ein kleines Zeichen setzen

„Uns geht es gut“, stellt auch der ehemalige Waller Schulleiter Helmut Zachau für sich und seine Mitstreiter fest, die allesamt keine Existenzängste haben müssen. Die Lehrkräfte der 68er-Generation hätten von der wachsenden Wirtschaft der Nachkriegsphase und dem Wohlstand des Wiederaufbaus profitiert und zur positiven Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten beigetragen. „Deshalb wollen wir ein kleines Zeichen setzen“, begründet er die Spendenbereitschaft für Projekte für Kinder und Jugendliche getreu dem Motto „Alt solidarisch mit Jung“.

Als geschäftsführender Vorstand des Gesundheitstreffpunkts West und ehemaliger Waller Schulleiter ist Zachau im Bremer Westen gut vernetzt und weiß, wo Unterstützung besonders gebraucht wird. Deshalb nahm er Kontakt zum Verein Quirl auf. Dieser betreibt Kinderhäuser in Quartieren, in denen sich schwierige Lebensverhältnisse konzentrieren.

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Viele Kinder dürften mit sicht- und spürbaren Folgen ihrer häuslichen Isolation in die Kitas kommen, sobald der Regelbetrieb wieder läuft, bestätigt Barbara Köberlein als Vereinsvorständin. Wie können die Mädchen und Jungen und ihre Familien dabei unterstützt werden, um aus dieser besonderen Zeit voller Unsicherheiten und fehlenden Kontakten mit Großeltern und Freunden wieder an Stabilität zu gewinnen und ihre Ressourcen nutzen, um aus schwierigen Situationen wieder und auch gestärkt herauszukommen? Darum kreisen ihre Gedanken und die ihrer Quirl-Kolleginnen.

Unter dem Leitmotiv Resilienz haben sie ein Projekt erarbeitet, das über die übliche Betreuung hinaus geht. Unter dem Motto „Beweg Dich, dann bewegt sich was“ sind laut Köberlein ein Zirkus-, ein Theater- und ein Tanzprojekt angedacht. In dem Umfang, den die Corona-Regeln vorgeben. Dadurch könnten im Sommer in Familien Themen angestoßen und ihnen positive Erlebnisse ermöglicht werden, erklärt die Quirl-Sprecherin. Denn dabei könnten sie Gefühle zeigen, Angst als hilfreichen Begleiter erleben, Schwierigkeiten annehmen oder beispielsweise Selbstwert und -vertrauen erleben.

Hilfe für Familien, die es ohnehin schwer haben

Erreichen möchte Barbara Köberlein mit dem Projekt vor allem Familien, die es ohnehin schwer haben, ebenso Vorschulkinder, die keine Kita als vorschulische Bildungseinrichtung besucht haben und für die der Übergang aus der Krisensituation in die Schule besonders schwierig werden dürfte. Kontakte zu den Zielgruppen könnten durch die Quirl-Einrichtungen und zahlreichen Netzwerkpartnern hergestellt werden, sagt sie. Dazu gehören unter anderem die Bremer Teilnehmer am Bundesprogramm Kita-Einstieg und die Grundschule Pastorenweg.

Quirl hat für dieses erste Projekt einen Finanzierungsbedarf von etwa 24.000 Euro über zwei Jahre veranschlagt. Was wann umgesetzt werden kann, das hängt von den Spendeneingängen ab. Anfang Juni setzt sich Barbara Köberlein mit Vertretern des Initiativkreises sowie möglichen Kooperationspartnern zusammen, um die schrittweise Umsetzung der Angebote zu planen und Aufträge zu vergeben. „So habe ich auch die Möglichkeit, zu reagieren und etwas fortzuführen, was den Bedarf abdeckt“, erklärt die Quirl-Vorständin.

Für Köberlein und Zachau hat die Initiativkreis-Idee noch einen weiteren sehr positiven Begleiteffekt: Für die Umsetzung des Theater-, Tanz- und Zirkusprojekts sollen junge Menschen aus Kunst und Kultur mit verschiedenen Fachkompetenzen sowie Studierende, die Praxiserfahrung sammeln müssen, gewonnen werden.

Ferner werden nach ihrer Auskunft lokale Künstler und Kulturschaffende engagiert. Sie würden auf diese Weise wieder Einkünfte erzielen und unterstützt. Erste Gespräche hat Köberlein nach eigenen Angaben mit der Zirkusschule „Zirkusviertel“ und der Kompanie Cuchufleta geführt: „Wir wollen Akteure vor Ort einbinden und Synergien schaffen.“

Weitere Informationen

Wer dem Initiativkreis – Alt solidarisch mit Jung – beitreten oder die Projekte für Kinder und Jugendliche unterstützen will, kann sich per E-Mail an helmut.zachau@nord-com.net oder an Ldrosdowsky@t-online.de wenden.

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