Erasmus-Programm

Schulterschluss in Shanghai

Im Rahmen des Erasmus-Programms reiste eine Delegation der Europaschule Utbremen nach China und knüpft dort neue Kontakte.
05.01.2019, 14:31
Lesedauer: 3 Min
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Von Martin Ulrich
Schulterschluss in Shanghai

Neue Partner: Jugendliche des Schulzentrums Utbremen und der Schanghai Business School.

Europaschule Schulzentrum Utbremen

Das Schulzentrum Utbremen ist ein Phänomen: Rund 1850 Jugendliche erhalten hier von 140 Lehrkräften eine vollschulische Berufsausbildung bis zum Abitur. Die Schule ist zugleich ein Mint-Excellence-Center. Das heißt, sie hat ein ausgeprägtes Profil in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Dazu passt ihre Funktion als Microsoft Showcase, womit sie als Vorreiter in Sachen Digitalisierung gilt.

Außerdem ist sie noch eine Europaschule mit einem fremdsprachlichen Schwerpunkt. Hier werden interkulturelle Lernprozesse gefördert und die Begegnung mit anderen Kulturen ermöglicht. Darum gibt sie ihren Schülern im Rahmen des Erasmus-Programms finanzielle Hilfen, um Praktika im Ausland zu erleben. Jedes Jahr fahren etwa 25 Schülerinnen und Schüler zum Austausch nach England, Frankreich, Lettland, Polen und Spanien – und nun geht es auch nach China, genauer nach Schanghai.

Und das kam so: Der Wirtschaftslehrer Nils Peschke war 2017 und 2018 als Gastdozent an der Schanghai Business School und der Foreign Languages School, ebenfalls in Shanghai. Der Hintergrund: Die Lernenden in Bremen wenden ihre Kenntnisse in sogenannten Übungsunternehmen an. Dort werden virtuelle Waren unter echten Bedingungen international gehandelt. Das Schulzen­trum Utbremen ist zu diesem Zweck Mitglied in einem weltumspannenden Netz von Tausenden Übungsfirmen. Nils Peschke hat in Shanghai auch so ein Übungsunternehmen betreut. Im Gespräch mit der dortigen Schulleitung wurde Interesse an einer dauerhaften Kooperation mit dem Schulzentrum Utbremen signalisiert – und auch umgehend vereinbart.

Im Herbst 2018 reiste deshalb eine Gruppe von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern nach Shanghai, um die Kooperation zu besiegeln. Die Europaschule Utbremen arbeitet in einer Vielzahl von Kooperationen mit anderen Schulen und Unternehmen zusammen. Wie schafft sie das? Eine Schule hat per Definition schließlich nicht die dafür erforderlichen Management-Kapazitäten. Es ist eher einfach, eine Kooperation zu vereinbaren – sie aber nachhaltig mit Leben zu füllen, erfordert sehr viel Arbeit. Schulleiter Tobias Weigelt lächelt und sagt: „Wir haben hier sehr flache Hierarchien. Die einzelnen Fachbereiche organisieren ihre Partnerschaften selbst.“

Alex Luis Brander und Lion Lüdemann sind zwei der Schüler, die mit nach Shanghai reisten. Sie absolvieren in Utbremen ihre zweijährige Ausbildung zum Wirtschaftsassistenten mit dem Schwerpunkt Fremdsprachen und wollen im Anschluss das Abitur machen. Alex erzählt, der erste Eindruck habe ihn nicht gerade umgehauen. Als sie allerdings ins Stadtzentrum gekommen sind, habe ihnen der Atem gestockt. „Die Hochhauskulisse war echt überwältigend.“ Eine vertikale Verdichtung dieses Ausmaßes ist in der Tat außergewöhnlich. Shanghai ist mit 25 Millionen Einwohnern bedeutend größer als Bremen.

Lion erzählt, am Flughafen habe man sich seine Fingerabdrücke nehmen lassen müssen, und es wurde ein Porträtfoto gemacht. Ihm fiel auf, dass überall in der Stadt sehr viele Kameras aufgestellt sind. Selbst im Klassenraum seinen drei Kameras installiert. Er kommentiert: „Man fühlt sich irgendwie beobachtet.“ Diese Totalüberwachung hat sie verwundert, aber nicht erschreckt. Die Menschen dort, fährt Alex fort, wirkten glücklich und hätten offensichtlich noch nicht so viele Europäer ­gesehen. Sie wurden angestarrt, bekichert und häufig um Selfies gebeten. Besonders Lion, der seine Haare in einem leuchtenden blaugrün färbt, und eine Schülerin mit langen, blonden Haaren haben besonders viele Blicke auf sich gezogen. Schulleiter Tobias Weigelt sagt: „Manchmal war es so, dass nach den ­ersten Selfies immer mehr Menschen um Fotos baten. Es gab einmal einen so großen Auflauf, dass wir die Aktion vorzeitig abbrechen mussten.

Auch Maja Oelerich, die stellvertretende Schulleiterin, war mit in Shanghai. Sie unterrichtet Wirtschaft und Französisch und erzählt: „In Schanghai haben unsere Schüler an international aufgestellten Übungsunternehmen mitgearbeitet. Die Arbeitssprache war Englisch, und unsere Schüler waren mit großem Eifer dabei. Diese internationale, multikulturelle Atmosphäre war offenbar sehr belebend. Auch nach einem langen Arbeitstag wollten sie dann noch so viel wie möglich von Shanghai sehen.“ Tobias Weigelt ergänzt: „Es waren auch Schüler aus Korea dabei. Deren Schulleiter war auch sehr an einer Kooperation mit uns interessiert. Das sind wir auch, aber sowohl China als auch Korea sind sehr weit weg von Bremen. Die Anreise ist entsprechend teuer. Vielleicht sollten wir uns nach Sponsoren umsehen.“

Das Schulzentrum Utbremen sieht sich mit seiner Kooperation auf einem sehr guten Weg. Die asiatischen Wirtschaftsbeziehungen werden immer wichtiger. Die Bremer Wirtschaftsförderung unterhält ein Büro in Shanghai. In Bremen sitzen derzeit außerdem mehr als 130 chinesische Unternehmen mit rund 700 Mitarbeitern. Rechnet man Partnerunternehmen und Zulieferer hinzu, verdanken rund 3500 Angestellte ihren Arbeitsplatz den chinesischen Betrieben in Bremen, das seit dem achtzehnten Jahrhundert Beziehungen mit China pflegt.

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