Mit mobiler Schwimschule unterwegs

Angst verlieren, Respekt gewinnen

Viele Kindergarten-Kinder können nicht schwimmen und haben auch nicht die Möglichkeit, es zu lernen. Für Abhilfe will jetzt der Verein „Schwimm mit“ mit seiner mobilen Schwimmschule sorgen.
23.09.2020, 17:49
Lesedauer: 3 Min
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Von Anke Velten

Walle. Einen Swimmingpool im Garten: Das wünschen sich bestimmt viele Kinder. Die Mädchen und Jungen der Kindertagesstätte „na’ am Park“ durften vier Wochen lang ein kleines Schwimmbad auf der Wiese vor den Gruppenräumen nutzen. Mit erfahrenen Trainern konnten sie im Wasser fürs Leben lernen. Die potenziell lebensrettende Idee des Bremer Vereins „Schwimm mit“ wurde gerade für den Deutschen Engagementpreis 2020 nominiert.

Insgesamt rund 70 Kinder aus den beiden na’-kita-Standorten in Walle und Gröpelingen konnten sich hier ganz in ihrem Element fühlen. Bis zum Hals im Wasser stehen, das Nass im Gesicht spüren, darin laufen und hüpfen, eintauchen und vielleicht dabei sogar die Augen öffnen: Für viele der Kinder war das eine ganz neue Erfahrung, sagt der Sportlehrer und Trainercoach Fikret Sisman aus dem Vorstand des Vereins. „Bei mindestens der Hälfte merkte man, dass sie vorher noch nie im Wasser waren“, berichtet der ausgebildete Rettungsschwimmer. Nach zehn Trainingseinheiten von je einer halben Stunde seien die Erfolge enorm, sagt Sisman: „Mit diesen Kindern könnte man jetzt sofort einen Seepferdchen-Schwimmkurs machen“.

Die frühzeitige Wassergewöhnung sei dafür eine wichtige Vorstufe. „Wenn die Kinder in der Schule mit acht, neun Jahren ohne jegliche Vorerfahrung schwimmen lernen sollen, ist das viel zu spät.“ Das bestätigen auch die Statistiken, so Sisman: „Weniger als die Hälfte aller Kinder in Deutschland kann bis zum Abschluss der vierten Schulklasse wirklich sicher schwimmen.“ Die mobile Schwimmschule konzentriert sich auf Kinder im letzten Kita-Jahr. „Fünf oder sechs Jahre sind das optimale Alter für die Wassergewöhnung“, erklärt Schwimmtrainerin Susanne Wiedula. „In diesem Alter fassen die Kinder besonders schnell Vertrauen“. Die Angst vor dem Wasser verlieren, aber gleichzeitig Respekt vor dem ungewohnten Element bekommen: Das möchten die Trainer ihren jungen Schülerinnen und Schülern beibringen.

Über Sinn und Zweck der Maßnahme muss man nicht lange diskutieren. Jahr für Jahr kommen Kinder und Jugendliche durch Badeunfälle ums Leben – auch in Bremen. Gleichzeitig werden bundesweit Schwimmbäder geschlossen. Von der mobilen Schwimmschule sollen vor allem Kinder in benachteiligten Quartieren profitieren, in denen der Nichtschwimmeranteil besonders hoch ist. „Wir konzentrieren uns auf die Bremer WiN-Gebiete“, erklärt Sisman. „Dort, wo es schwierig ist, die Kinder zum Wasser zu bringen, bringen wir das Wasser zu ihnen“.

Hinter der „Schwimm mit“- Idee, die Ende 2018 entstand, stecken engagierte Köpfe aus mehreren Bremer Institutionen: Die Bremer DLRG, der Landesschwimmverband Bremen, der Landessportbund Bremen, die Bremer Bürgerstiftung und der Landesverband Evangelischer Tageseinrichtungen sind Partnerorganisationen des Vereins, der sich im Februar dieses Jahres gründete. Das überdachte beheizbare Schwimmbad – vier mal acht Meter groß und mit einer Wassertiefe von 95 Zentimetern – wurde im Juni 2019 erstmals an der Huchtinger Kindertagesstätte St. Georg aufgestellt. Für das laufende Jahr hatte sich der Verein noch viel mehr vorgenommen – doch sämtliche Planungen mussten wegen der Corona-Beschränkungen storniert werden, erklärt Sisman. Rechtzeitig in den allerletzten Sommerwochen klappte es dann doch noch für die Kita-Kinder aus dem Gröpelinger Nachbarschaftshaus Helene Kaisen und der Waller Dependance an der Langen Reihe.

Im kommenden Jahr sollen nicht nur die Wassergewöhnungskurse nachgeholt werden, die in diesem Jahr ausfallen mussten – der Verein hat noch viele weitere Pläne. „Wir möchten Nachschulungskurse für ältere Kinder und Jugendliche anbieten, die in der Schule das Schwimmen nicht gelernt haben, und planen Angebote für Geflüchtete. Außerdem entwickeln wir ein Beratungsformat für Mitarbeiter von Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, um sie darüber zu informieren, was beim Aufenthalt am und im Wasser beachtet werden muss“, erklärt der Geschäftsführer. Und all das – man muss es betonen – mit einem Pool von Freiwilligen wie Schwimmtrainerin Susanne Wiedula, die ihre Zeit und ihre Erfahrung für die gute Sache verschenkt. „Mein Honorar ist das Lachen der Kinder“, sagt die Sportlerin aus Bremen-Nord.

Die Kurse sind für die Kinder gebührenfrei. Kostenlos ist der Aufwand allerdings nicht. Die vierwöchige Waller Schwimmschule wurde durch eine Spende der Bkk Firmus ermöglicht, und auch die künftigen Projekte hängen von der Großzügigkeit von Sponsoren ab. Mit nur einem kostenlosen Klick kann aber jeder dazu beitragen, das Budget des gemeinnützigen Vereins aufzubessern. „Schwimm mit e.V.“ wurde für den mit 10 000 Euro dotierten Publikumspreis des Deutschen Engagementpreises 2020 nominiert. Noch bis zum 27. Oktober zählt jede Stimme, die über die Adresse www.deutscher-engagementpreis.de/publikumspreis abgegeben wird (im Suchfeld „Bundesland Bremen“ und als Themenfeld „Kinder und Jugendliche“ angeben). Der Gewinner des Publikumspreises wird am 3. Dezember bekannt gegeben. Näheres zum Projekt auf www.schwimm-mit.info.

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