Julia Braun greift morgen in einer Lesung psychische Folgen des Zweiten Weltkriegs auf / Künstlerin hofft auf Dialog mit damaligen Zeitzeugen Seelische Wunden bluten nie ganz aus

Der zweite Weltkrieg war eines der dunkelsten Kapitel in der deutschen Geschichte. Nicht nur für die deutsche Gesellschaft, sondern auch für viele Einzelne brachte diese Zeit große psychische Belastungen mit sich. Dass das Kriegstrauma sich auf nachfolgende Generationen auswirkt, zeigt die Künstlerin Julia Braun bis zum 29. Mai in ihrer Ausstellung "Folgenschwer" im Kulturhaus Walle. In einer Lesung möchte sie ihre Botschaft vertiefen. [AUTOR]
18.05.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Yannic Wittenberg

Der zweite Weltkrieg war eines der dunkelsten Kapitel in der deutschen Geschichte. Nicht nur für die deutsche Gesellschaft, sondern auch für viele Einzelne brachte diese Zeit große psychische Belastungen mit sich. Dass das Kriegstrauma sich auf nachfolgende Generationen auswirkt, zeigt die Künstlerin Julia Braun bis zum 29. Mai in ihrer Ausstellung "Folgenschwer" im Kulturhaus Walle. In einer Lesung möchte sie ihre Botschaft vertiefen. [AUTOR]

Walle. Sie hat es in der eigenen Familie hautnah miterlebt. Die freie Künstlerin Julia Braun aus Walle hat am Beispiel ihrer eigenen Mutter gesehen, wie sehr der Zweite Weltkrieg die Menschen, die ihn miterlebt haben, auch in der Zeit danach einfach nicht losgelassen hat. Julia Braun hat nicht nur beobachtet, wie ihre Mutter gelitten hat, sondern auch gespürt, wie stark die Kriegsfolgen auch sie selbst beschäftigt haben.

Und damit ist sie nicht allein. "Viele Betroffene aus der Nachkriegsgeneration haben mir über ähnliche Erfahrungen berichtet", sagt Braun. In der Ausstellung "Folgenschwer", die noch bis zum 25. Mai im Kulturhaus Walle zu sehen ist, behandelt sie genau dieses Thema. In etwa 50 Aquarellen, Zeichnungen, Holzdrucken und Skulpturen, die Braun in ihrer Waller Werkstatt geschaffen hat, bringt sie ihre persönlichen Erfahrungen zum Ausdruck. Dabei will sie einen Teil der Entwicklung von zwei Menschen darstellen – durch Momentaufnahmen. "Damit möchte ich unter anderem zeigen, was das Verdrängen von extremen Situationen der einen Person für Folgen in dem Leben der anderen Person haben kann", sagt sie. "Dabei versuche ich auch politische und gesellschaftliche Entwicklungen mit einzubeziehen."

Diese Botschaft möchte die gebürtige Berlinerin in einer Lesung aus dem Buch "Die vergessene Generation" von Sabine Bode den Menschen morgen im Kulturhaus noch einmal persönlich nahe bringen. "In diesem Buch wird sehr eindrucksvoll beschrieben, dass die Folgen eines Krieges oft noch bis in die zweite oder dritte Generation wirken", sagt Julia Braun.

Die in dem Buch der Kölner Autorin, in dem Kriegskinder ihr Schweigen brechen, beschriebenen Gründe dafür, decken sich mit den Erfahrungen der Waller Künstlerin. "In der Zeit unmittelbar nach dem Krieg hat man sich nicht getraut darüber zu sprechen, dass auch Deutsche unter dem Krieg gelitten haben", erklärt Braun. " Dadurch haben viele Menschen ihr Trauma nur verdrängt und nicht verarbeitet."

Genau das hat die Künstlerin auch bei ihrer eigenen Mutter miterlebt. "Sie hat während des Krieges sehr viel körperliche Gewalt erfahren. Die sichtbaren Verletzungen hat sie zwar direkt nach Kriegsende behandeln lassen, aber psychische Hilfe hat sie sehr lange nicht in Anspruch genommen." Die verdrängten Erfahrungen wirkten sich im Alltag häufig durch Nervenzusammenbrüchen aus. Diese gingen auch an Julia Braun und ihrem Bruder, die noch kleine Kinder waren, nicht spurlos vorbei.

Durch die Werke in ihrer Ausstellung, zu der ihre eigene Familiengeschichte den Anstoß gegeben hat, will sie aber keinesfalls Mitleid für ihr eigenes Schicksal erzeugen. "Ich möchte einfach an meinem eigenen Beispiel zeigen, wie es vielen Menschen ergangen ist und immernoch ergeht", betont sie.

Weil ihr der Austausch mit Menschen, die gleiche Erfahrungen gemacht haben, immer sehr geholfen hat, möchte sich Julia Braun im Anschluss an die Lesung morgen mit den Besuchern austauschen. "Es wäre schön, wenn einige Menschen kommen würden, die auch eigene Erfahrungen mit dem Krieg gemacht haben und damit das Gespräch bereichern könnten", wünscht sich die Künstlerin.

Wichtig ist Braun aber vor allem, die Menschen wieder mehr für das Thema Krieg zu sensibilisieren. "Durch die beinahe tägliche Berichterstattung aus Krisengebieten sind viele Menschen schon fast abgestumpft", beobachtet sie. Ihnen sei gar nicht mehr bewusst, wie schlimm das sei. "Ich hoffe, ich kann mit der Ausstellung und der Lesung zeigen, wie drastisch Kriege und die Folgen davon wirklich sind", sagt Braun.

Die Lesung mit der Künstlerin Julia Braun aus dem Buch "Die vergessene Generation" von Sabine Bode ist morgen, 19. Mai, um 17 Uhr in der Kulturwerkstatt Westend, Schleswiger Straße 4, mit anschliesendem Gespräch. Eintritt ist frei.

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