Das Kaisenhaus-Museum in der Waller Feldmark eröffnet seinen ersten Ausstellungsraum Sozialgeschichte für ganz Bremen erfahrbar

Hohweg. "Wann wurde das Rathaus gebaut und wann ist Karstadt gekommen? Solche Fakten gehören zur Geschichte einer Stadt. Vor allem aber gehört dazu dieses: Wie haben die Menschen früher gelebt und warum war es, wie es war? Das muss erlebbar bleiben", ist Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) überzeugt. Jetzt hat Bremen einen weiteren Ort, an dem Geschichte erfahrbar wird: Am Sonnabend wurde nach mehrjähriger Vorbereitung in der Waller Feldmark der erste Raum des Kleinmuseums zur Geschichte der Bremer Kaisenhäuser eröffnet.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Anne Gerling

Hohweg. "Wann wurde das Rathaus gebaut und wann ist Karstadt gekommen? Solche Fakten gehören zur Geschichte einer Stadt. Vor allem aber gehört dazu dieses: Wie haben die Menschen früher gelebt und warum war es, wie es war? Das muss erlebbar bleiben", ist Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) überzeugt. Jetzt hat Bremen einen weiteren Ort, an dem Geschichte erfahrbar wird: Am Sonnabend wurde nach mehrjähriger Vorbereitung in der Waller Feldmark der erste Raum des Kleinmuseums zur Geschichte der Bremer Kaisenhäuser eröffnet.

Das Museum im Parzellengebiet des Kleingartenvereins Blockland, ein ehemaliges Kaisenhaus, erinnert an eine Bremensie und ein wichtiges Kapitel der Bremer Sozialgeschichte, an dessen Anfang der "Kaisen-Erlaß" vom 1. August 1945 steht - benannt nach dem Sozialdemokraten Wilhelm Kaisen, von 1946 bis 1965 Bürgermeister von Bremen. Diese Verordnung erlaubte den Neubau und die Vergrößerung von vorhandenen Notwohnungen und bescherte nach dem Krieg vielen Wohnungslosen und Ausgebombten wieder ein erstes - provisorisches - Dach über dem Kopf. Später fand diese aus der Not entstandene Lebens- und Wohnform dann sehr viele Liebhaber; 12000 bis 15000 Menschen lebten um 1950 herum bremenweit "auf Parzelle". Mittlerweile haftetet dem Phänomen Kaisenhaus eine gehörige Portion Romantik an.

"Dies ist ein Kaisenhaus, das für viele Kaisenhäuser steht - hier kann man spüren, wie es nach dem Krieg war. Es ist wichtig für das kollektive Erinnern einer Stadt, dass wir solche Orte haben", freute sichBöhrnsen jetzt bei der Eröffnung des Hauses, der außerdem betonte: "Das ist nicht nur Stadtteilgeschichte, sondern etwas, das uns in Bremen insgesamt erinnern soll!"

Rund 10000 Menschen lebten nach dem Krieg allein in der Waller Feldmark in Parzellenhäusern, da dort die Zerstörungen besonders groß waren. Kaisenhäuser gab es aber bremenweit. Der erste Themenraum des Museums beschäftigt sich nun mit der Geschichte und Entwicklung der Bremer Kaisenhäuser. Auf elf Ausstellungstafeln werden die Geschehnisse während der Nachkriegszeit, der beginnende Wiederaufbau und das Leben im Kaisenhaus nachgezeichnet. Gestaltet hat die Tafeln Sabine Murken, die Texte stammen von Renate Meyer-Braun (Bremer Frauenmuseum) und vom Geschichtskontor (Kulturhaus Walle Brodelpott). Auch die späteren Auseinandersetzungen mit der Baubehörde und die Entwicklung bis zum "Runden Tisch" werden gestreift - 1949 wurde der Kaisen-Erlass zurückgenommen, doch die Zahl der bewohnten Parzellen sank dadurch nicht etwa, sondern es wurde im Gegenteil vielfach "schwarz" angebaut.

Mit etlichen Fotos, zum Teil aus dem Bildarchiv des Brodelpott, zum Teil aus Recherchen und Interviews, die die Historikerin Kirsten Tiedemann für den Verein Kaisenhäuser durchgeführt hat, werden die Texte ergänzt.

Daneben versetzen viele Exponate die Besucher um mehrere Jahrzehnte zurück - etwa das Geschirr, eine emaillierte Schöpfkelle und ein alter Kleiderhaken mit Porzellankugeln in einer Vitrine. Die Stücke wurden zutage gefördert, als im Jahr 2000 an der Baustelle Hansator der Damm abgetragen wurde - "offenbar war dort der Kriegsschotter vom August 1944 zusammengetragen worden", erzählt Cecilie Eckler-von Gleich, die die Fundstücke damals gerettet hat. Ein Bollerwagen mit großen Glasgefäßen - sogenannten Demions - erinnert daran, wie in den Parzellengebieten Wasser geholt wurde, bevor Wasserleitungen installiert wurden. "Im Garten gibt es einen Bereich, wo das Thema ?Waschen' dargestellt wird. Schließlich gab es erst 1960 Wasser aus dem Wasserhahn", ergänzt Monika Ludolf vom Vereinsvorstand. Und auch eine "Brennhexe" ist in dem kleinen Museum zu bestaunen; diese Geräte, mit denen gleichzeitig gekocht und geheizt wurde, wurden früher oft selbst gebaut, wie Eckler-von Gleich erklärt. Zum

Museum gehört außerdem die Original-Küche mit Gegenständen aus den 1950er-Jahren, und im ersten Stock ist das kleine ehemalige Schlafzimmer der früheren Eigentümer zu besichtigen; 30 Jahre lang haben Elfriede und Fred Kopmann in dem Haus gelebt, bevor es nun ein Museum wurde.

Typisch Bremisches bewahren: Dazu hatte 2003 der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Jens Böhrnsen aufgerufen. Auf Initiative des Frauenmuseums entstand die Idee zu einem Kaisenhausmuseum, und im Dezember 2007 wurde schließlich der Verein Kaisenhäuser gegründet, in dem sich auch der Waller Beirat, das Kulturhaus Brodelpott und das Bremer Zentrum für Baukultur (b.zb) engagieren. Finanzielle Unterstützung für das Vorhaben gab es von der Stiftung Wohnliche Stadt, durch Impulsmittel der bremischen Bürgerschaft, den Kultursenator, den Waller Beirat und durch private Spenden.

Mit der Fotoausstellung hat der Verein Kaisenhäuser den ersten Teil der Dauerausstellung eröffnet. "Wir sind noch nicht ganz fertig, aber wir möchten vor der Winterpause unseren ersten Ausstellungsraum präsentieren", so die beiden Vereinsvorsitzenden Jürgen Pohlmann und Cecilie Eckler-von Gleich. Das Kaisenhaus-MuseumWaller Feldmark am Behrensweg 5a, hoffen sie, soll im nächsten Frühjahr fertig sein und dann bis zum Herbst regelmäßig öffnen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+