Bremer Überseestadt Der Bremer Tee-Tempel kämpft um seinen Standort

In Bremen wird ein großer Teil der deutschen Tee-Importe verarbeitet. Der Ort dafür ist Schuppen 6 in der Überseestadt. Das Unternehmen Vollers würde das Grundstück gerne erwerben, doch die Stadt ziert sich.
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Der Bremer Tee-Tempel kämpft um seinen Standort
Von Jürgen Hinrichs

Das Aroma ist wie ein Überfall. Uff! Der Atem stockt, die Luft wird knapp, aber nur für den Moment, dann geht es wieder. Eine wuchtige Ladung Pfefferminze, die sich ausbreitet und nichts anderes neben sich zulässt. Pfefferminz ist hier Prinz, Alleinherrscher. Große Ballen in der Albert-Halle, von denen einer gerade auf den Gabelstapler geladen und dorthin transportiert wird, wo das Gewürz als Beimischung nötig ist.

Teeproduktion bei Vollers in der Überseestadt. In Schuppen 6 am Europahafen. Doch wie lange noch? Der Hafen erlebt eine Transformation, überall werden Wohnungen und Büros gebaut. Grund und Boden sind heiß begehrt.

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Die Albert-Halle steht neben Schuppen 6 und dient als Speziallager. Pfefferminze ist derart dominant, dass große Mengen besser gesondert bleiben, damit die kräftige Note nicht auf Teesorten übergreift, die andere Aromen bieten, erklärt Christian Vollers beim Rundgang durch die Produktion. Der 47-Jährige ist Alleininhaber eines Unternehmens, das den größten Teil seiner weltweiten Geschäfte mit Kaffee und Kakao macht, gleichzeitig aber auch mit Tee handelt. Dafür hat er den Schuppen und will ihn behalten, um später möglicherweise noch etwas anderes damit anzufangen. Das Problem: Vollers gehört das Gebäude, das Grundstück aber nicht. Die Stadt hat es in Erbpacht vergeben und kann selber bestimmen, was daraus wird. Der Vertrag läuft noch bis Ende kommenden Jahres, mit der Option, ihn um 15 Jahre zu verlängern.

Kaufabsicht

Der Firmenchef formuliert vorsichtig: „Wir sind wegen Schuppen 6 seit 13 Jahren im Gespräch mit der Stadt. Das ist außergewöhnlich.“ Ein Kaufmann brauche Sicherheit, und die habe er bis heute nicht bekommen. Dabei gebe es Konzepte für das Gebäude. „Einen Teil wollen wir zusammen mit einem Bremer Immobilienunternehmen neu entwickeln, mit modernen Büros und Arbeitsräumen“, sagt der Firmenchef. Außerdem seien Investitionen nötig, um den gesamten Schuppen in seiner Anmutung zu erhalten. Doch warum Geld in etwas hineinstecken, was ihm irgendwann weggenommen werden könnte? Vollers will das Grundstück deshalb kaufen.

Die Pfefferminze ist arg. Hier dagegen, in Schuppen 6, mischen sich die Aromen zu einem Wohlgeruch. Es ist der Tee selbst, importiert aus China, Indien, Afrika und Lateinamerika, und es sind die Zusätze: Orangenblüten, Vanilleschoten, Mangostückchen, Pistazien, Schokoraspeln, Jasminblüten und noch viel mehr. In der Regel wird mit Extrakten gearbeitet, mit Ölen, die den Geschmack in den Tee zaubern. Fein und dezent – oder mit voller Frucht, mit Erdbeere, Aprikose, Himbeere, Kirsche oder Rhabarber-Sahne. Vollers verzieht das Gesicht, wenn er davon spricht. Ihn kann man mit solchen Mixturen jagen: „Ich trinke Darjeeling oder Jasmin, ab und zu Earl Grey. Gerne auch Schwarztee mit Bergamotte und Havukal Winter Frost.“ Morgens freilich immer Kaffee, erzählt er, damit das Schwungrad in Gang kommt.

Geheime Rezepte

Die Rohware wird zunächst bemustert – ein Stich in die großen Säcke für die Probe in Tüten. Dann werden die Teeblätter gereinigt, was neben viel Staub auch Steinchen hervorbringt, Nägel und andere Metallteile. Bis schließlich die Aromen hinzugesetzt werden. Grundlage sind die Vorgaben der Kunden, für die Vollers arbeitet – geheime Rezepte von Tüftlern aus den Laboren.

Der meiste Tee wird in siloartigen Behältern maschinell gemischt und landet später in den Beuteln für Tasse oder Kanne. Woanders im Schuppen geschieht das aber auch noch von Hand. Dann handelt es sich um losen Blatt-Tee; was als Zusatz hineinkommt, wird aufs Gramm genau ausgewogen und mit Schäufelchen in den Mischer befördert – ein Gerät wie auf der Baustelle zum Anrühren von Beton, nur dass es blitzblank ist, keine Farbe am Metall, keine Spritzer.

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Es ist ein ruhiges Arbeiten, keine Hektik in Schuppen 6. Zu kämpfen haben die Arbeiter trotzdem: „Der Staub“, sagt Vollers. Staub ist tückisch, setzt sich fest. Unter der Decke hängen große Absaugmaschinen, die das Gröbste erledigen. Getan ist es damit aber noch nicht. Wo in der Vorfabrikation mit Lebensmitteln gearbeitet wird, muss immer wieder darauf geachtet werden, dass die Einflüsse kontrollierbar bleiben. Den Staub beseitigen ist das eine, ihn durch viel Umsicht möglichst gar nicht erst entstehen lassen, das andere.

Schuppen 6 ist rund 300 Meter lang, etwa 40 Meter breit und hat eine Nutzfläche von 18.000 Quadratmetern, die sich auf zwei Etagen verteilen. Das Erdgeschoss ist acht Meter hoch, das lichtdurchflutete Obergeschoss fünf Meter. Industriearchitektur aus der frühen Nachkriegszeit, wie es sie noch an vielen Stellen in der Überseestadt gibt.

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Vollers blickt von seinem Schuppen hinüber zur anderen Seite des Europahafens. Dort steht der neu entwickelte Schuppen 1 mit den beiden großen Restaurants, einem Fitnessstudio, dem Zentrum für Automobilkultur und den luxuriösen Wohnlofts im Obergeschoss. Der Schuppen 3 daneben wurde abgerissen, um Platz unter anderem für Wohnbebauung zu schaffen.

Wandel im Hafen, auch dort, wo früher das Werk von Kellogg war. Riesige Projekte. Der Bremer Unternehmer Kurt Zech baut am Kopf des Europahafens für rund 300 Millionen Euro eine Zentrale für einige seiner Firmen. Vollers, der mit dem fast 90 Jahre alten Familienunternehmen, das er in der dritten Generation führt, in der Überseestadt über eine Lagerfläche von insgesamt mehr als 150.000 Quadratmetern verfügt, wird von neuen Nutzern umzingelt. Bange ist ihm deshalb nicht, weil die meisten Grundstücke in seinem Eigentum sind. Beim Schuppen 6 ist das anders. Da braucht er das Wohlwollen der Stadt.

Info

Zur Sache

Standpunkt der WFB

Die Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) ist zuständig für die Entwicklung der Überseestadt. Sie verkauft die städtischen Grundstücke und ist auch der Verhandlungspartner für das Unternehmen Vollers. Auf Anfrage des WESER-KURIER hat die WFB zum aktuellen Stand im Fall von Schuppen 6 eine Stellungnahme abgegeben:

„Wir führen seit vielen Jahren mit der Firma Vollers Gespräche über den Schuppen 6 in der Überseestadt. Selbstverständlich ist es uns als Wirtschaftsförderung ein wichtiges Anliegen, dem Unternehmen eine gute Perspektive für seine weitere Entwicklung zu bieten. Daher gab es in dem langen Zeitraum der Verhandlungen mehrere Angebote für das Unternehmen, das Grundstück, auf dem der Schuppen 6 steht, zu kaufen oder das Erbpachtrecht zu verlängern. Jedoch wurden diese Möglichkeiten durch das Unternehmen zum damaligen Zeitpunkt leider nicht genutzt.

Inzwischen hat sich die Situation geändert, denn durch die Gesamtentwicklung der Überseestadt und der angrenzenden Überseeinsel muss man die Immobilien auf der Südseite des Europahafens aus städtischer Sicht neu bewerten. Auch ist ein freihändiger Verkauf der Liegenschaft aufgrund der politischen Beschlusslage aktuell nicht mehr möglich. Wir haben dem Unternehmen daher neben der befristeten Verlängerung des Erbpachtrechtes mehrere alternative Standorte in Bremen angeboten, die von der Firma Vollers bislang aber nicht angenommen wurden.“

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