Kulturhaus Walle Brodelpott dokumentiert Geschichte der Kaisenhäuser / Kleinmuseum-Einweihung am 29. April Über das Leben auf Parzelle

250 Kaisenhäuser gibt es in Walle. Rund 150 sind noch bewohnt, die übrigen stehen leer und warten auf den Abriss. Mit dem "Leben auf Parzelle" und dem politischen Streitfall der Kaisenhäuser hat sich Cecilie Eckler-von Gleich vom Kulturhaus Walle Brodelpott befasst. Zusammen mit dem Verein Kaisenhäuser werden jetzt Vorbereitungen für den 29. April getroffen. Dann wird das Kaisenhaus-Kleinmuseum im Behrensweg 5a eingeweiht.
08.03.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von niels kanning

250 Kaisenhäuser gibt es in Walle. Rund 150 sind noch bewohnt, die übrigen stehen leer und warten auf den Abriss. Mit dem "Leben auf Parzelle" und dem politischen Streitfall der Kaisenhäuser hat sich Cecilie Eckler-von Gleich vom Kulturhaus Walle Brodelpott befasst. Zusammen mit dem Verein Kaisenhäuser werden jetzt Vorbereitungen für den 29. April getroffen. Dann wird das Kaisenhaus-Kleinmuseum im Behrensweg 5a eingeweiht.

Walle. Ganz oben auf dem Regal steht ein verstaubter Karton mit alten Fotos. Sie stammen aus dem Nachlass einer Waller Familie. Cecilie Eckler-von Gleich muss diese Bilder noch auswerten - wie Tausende anderer alter Schwarz-Weiß-Fotos, die im Kulturhaus Walle Brodelpott schon archiviert sind. Mehr als 20000 Fotos dokumentieren die Zeit zwischen 1910 und 1945, auch die Sammlung aus den 1950er- und 1960er-Jahren wächst weiter. Die historischen Fotos aus der Nachkriegszeit dokumentieren, wie der Bremer Westen aus den Trümmern auferstand und der Wiederaufbau gelang.

Die Menschen, deren Wohnungen und Häuser am Ende des Zweiten Weltkriegs in Schutt und Asche lagen, fanden Zuflucht in ihren Gartenparzellen, wo sie seit Jahrzehnten Obst und Gemüse anbauten. Dort standen Lauben und Hütten, die das Wort Häuser noch nicht verdienten. Das sollte sich schnell ändern: Der damalige Bürgermeister Wilhelm Kaisen erließ im August 1945 eine Verordnung, die das "Wohnen auf Parzelle" erlaubte. Damit begann die Geschichte der Kaisenhäuser und damit die Geschichte eines politischen Streitfalls, der auch in Zukunft Nachwirkungen hat.

Zur Erinnerung: Allein in der Kriegsnacht 18./19. August 1944 wurden 25000 Wohnungen in Bremen zerbombt - vorwiegend in den Arbeiterquartieren. Rund 50000 Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf und wussten nicht wohin, berichtet Cecilie Eckler-von Gleich. Der "Kaisenerlass" von 1945 war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Wiederaufbau. Nach und nach entstanden auf den Kleingärten-Grundstücken in der Not errichtete Behelfsbauten. Bis zu 30 Quadratmeter nutzbarer Wohnraum war dort gestattet.

Die Behelfsbauten hatten zunächst weder Strom, noch eine Heizung oder fließend Wasser. Cecilie Eckler-von Gleich schätzt, dass 15000 bis 18000 Menschen nach Kriegsende in den Kaisenhäusern dauerhaft gelebt haben. Die kleinen Häuser standen nicht nur im Bremer Westen - also in den Stadtteilen Findorff, Walle, Gröpelingen und Blockland. Überall dort, wo es in Bremen Parzellen gab, wuchsen Behelfsbauten aus dem Boden. Und die überschritten bald die vorgeschriebenen 30 Quadratmeter bei weitem. "Die Leute wussten, dass Anbauten nicht genehmigt werden", sagt Cecilie Eckler-von Gleich und zeigt Verständnis: "Sollte eine fünfköpfige Familie auf 30 Quadratmeter wohnen?"

Das Leben auf der Parzelle im Grünen wurde für viele Bewohner zur neuen Heimat, die sie lieb gewonnen hatten und nicht mehr verlassen wollten. Doch weil der Senat das dauerhafte Wohnen auf den Parzellen begrenzen wollte, gerieten die Kaisenhäuser zu einem politischen Streitfall. Ein Beispiel ist das Parzellengebiet Waller Fleet, auch da gab es "Schwarzbauten". 1954 wurden dort die ersten Kaisenhäuser mit Strom versorgt, erst seit 1960 gab es fließend Wasser. Cecilie Eckler-von Gleich: "Die Menschen haben unter einfachsten Verhältnissen gelebt."

Immer neue "Schwarzbauten"

Nach und nach verbesserten sich die Bedingungen. In den 1960er-Jahren gewann das Leben im Grünen weiter an Attraktivität - immer neue "Schwarzbauten" wuchsen zwischen Obstbäumen und Gemüsebeeten. Die alten Kaisenhaus-Bewohner wollten bleiben, die nächste Generation zog nach, was politisch nicht gewollt war. Besonders an den Feiertagen wie Ostern oder Pfingsten brauchte man jede helfende Hand, um die - eigentlich unzulässigen - Erweiterungsbauten hochzuziehen. Fest stand: Die Ausbauten waren illegal, nicht aber das Wohnen in den Kaisenhäusern.

Von diesem Leben auf der Parzelle zeugen Fotos aus den im Brodelpott lagernden Alben. Und auch davon erzählen die Bilder interessante Geschichten: An den Kaisenhäusern hingen Briefkästen, die Post wurde also dorthin zugestellt, es gab die Waller Fleetkirche und Läden, in denen die Bewohner alles für den täglichen Bedarf einkaufen konnten. "Hier wurde wie im Dorf gelebt, und die Anbauten wurden von der Politik geduldet", erläutert Cecilie Eckler-von Gleich, die seit 1986 Leiterin des Geschichtsarchivs zur Alltagsgeschichte in Walle ist.

Der Streit zwischen Bewohnern der Kaisenhäuser, die nicht an Rückzug dachten, und den Behörden wurde immer heftiger. Man installierte einen Runden Tisch, Cecilie Eckler-von Gleich war dabei. Nach zwei Jahren einigte man sich im Juli 2002 auf einen Kompromiss: Die alten Kaisen-Bewohner - alle, die vor 1955 dort eingezogen sind - und ihre dort wohnenden Kinder durften sowieso bleiben. Und alle Bewohner, die vor 1974 zugezogen sind, erhielten ebenfalls ein sogenanntes Auswohnrecht. Im Gegenzug müssen die Bewohner verbindlich akzeptieren, dass ihre Häuser nach einem Auszug oder ihrem Ableben abgerissen werden. Die Kosten trägt die Stadt. Zudem wurden Sonderregelungen für soziale Härtefälle und alte Menschen vereinbart.

Das ist noch immer der aktuelle Stand. Inzwischen gibt es im Waller Fleet einen hohen Leerstand, viele Kaisenhäuser vergammeln und werden abgerissen.

Damit das Leben auf Parzelle und die Geschichte der Kaisenhäuser nicht in Vergessenheit geraten - dazu soll das Kleinmuseum Kaisenhaus beitragen. Nach mehreren Jahren Instandsetzung und Sanierung wird das Kleinmuseum vom Verein Kaisenhäuser am Sonntag, 29. April, im Waller Parzellengebiet KGV Blockland, Behrensweg 5a, eingeweiht. Interessierte können dann jeden dritten Sonntag im Monat die Dauerausstellung in den Räumen eines ehemaligen Kaisenhauses besichtigen.

"Zur Geschichte der Kaisenhäuser" hält Cecilie Eckler-von Gleich am Donnerstag, 19. April, um 10 Uhr einen Lichtbildervortrag im Findorffer Martin-Luther-Gemeindehaus, Neukirchstraße 86. Nähere Auskünfte unter www.kaisenhaus.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+