Überseestadt

Jetzt ist die Infrastruktur dran

Chancen für die Überseestadt: Die Machbarkeitsstudie zur Straßenbahn-Verlängerung ist in Arbeit und mit dem geplanten neuen Landesprogramm „Lebendige Quartiere“ könnte die soziale Infrastruktur besser werden.
07.02.2021, 22:07
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Jetzt ist die Infrastruktur dran
Von Anne Gerling

Wird eines Tages wohl die Straßenbahn in die Überseestadt fahren? Diese Frage brennt Bürgern und Ortspolitikern seit geraumer Zeit auf den Nägeln. Mit Spannung erwarten sie deshalb die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie, die zu dem Thema in Arbeit ist. Und damit geht es gut voran, wie am Donnerstag Maximilian Blobel, im Mobilitätsressort zuständig für den Straßenbahnnetzausbau, dem Fachausschuss „Überseestadt, Wirtschaft und Arbeit“ des Waller Beirats geschildert hat.

Anfang März – gerade noch vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie – hatten rund 100 Interessierte in der Hochschule für Künste im Speicher XI darüber diskutiert, ob eine Verlängerung der Straßenbahn in die Überseestadt sinnvoll wäre und wie sie aussehen könnte. In zwei weiteren Beteiligungsrunden waren zuvor bereits die Verwaltung sowie die Träger öffentlicher Belange und verschiedene andere Akteure zu Wort gekommen.

„Wir haben in diesen drei Beteiligungsrunden unheimlich viele Hinweise und Vorschläge bekommen. Es waren sehr interessante Diskussionen, wir haben wahnsinnig viel daraus mitgenommen. Dabei ist eine dicke Mappe entstanden, die wir nun bearbeiten“, so Blobel.

Exakt 80 verschiedene Strecken-Varianten standen demnach zunächst im Raum, aus denen so ausgesiebt wurde, dass noch sechs konkrete Möglichkeiten übrig geblieben sind. Ein besonders wichtiger Aspekt sei dabei, wie mit der Verlängerung der Straßenbahn sowohl eine schnelle Verbindung in die Innenstadt als auch die Erschließung innerhalb des Ortsteils zu bewerkstelligen wären.

Ende des Jahres soll die Machbarkeitsstudie vorliegen. Anschließend brauche es einen politischen Beschluss, verschiedene Formalitäten seien zu erledigen und es müsse ein Planfeststellungsverfahren geben, sagt Blobel auf die Frage, wann denn frühestens die erste Bahn in die Überseestadt fahren könnte: „Wenn ich richtig optimistisch wäre: 2026.“ Städtebauliche und soziale Missstände gehen häufig einher. So rückt neben der Verkehrsinfrastruktur auch die soziale Infrastruktur in der Überseestadt stärker in den Blick, wie in der Sitzung zu hören war. Seit 20 Jahren ist Bremen dabei, über das Förderprogramm „Wohnen in Nachbarschaften“ (Win) die Wohn- und Lebensbedingungen in verschiedenen benachteiligten Quartieren kontinuierlich zu verbessern. Seit einiger Zeit kümmere man sich daneben verstärkt um Quartiere, die sich noch im Werden befinden, sagt Kai-Ole Hausen, der das Referat Stadtentwicklung im Sozialressort leitet. Jedes zweite Kind in der Überseestadt lebt mittlerweile in einem Haushalt, der Sozialleistungen bezieht – die Entwicklung einer sozialen Infrastruktur in der Überseestadt habe bislang jedoch nicht die Aufmerksamkeit erhalten, derer sie bedurfte, sagt Hausen: „Darauf versuchen wir nun zu reagieren.“

Die Erfahrungen aus sozial benachteiligten Stadtteilen zeigten, dass dort aufsuchende Arbeit etwa mit Projekten gebraucht werde. Geplant sei deshalb, über das geplante neue Landesprogramm „Lebendige Quartiere“ auch für Quartiere im Werden wie zum Beispiel die Überseestadt eine Förderung aufzulegen. Ähnlich den Win-Quartiersmanagern könnte ab Oktober oder November darüber dann ein Quartiersentwickler finanziert werden, der aktiv Anwohner und in der Überseestadt ansässige Initiativen wie das Blauhaus oder die Überseekirche miteinander in Kontakt bringen und vernetzen soll. Das Ziel sei es, Angebote und Teilhabemöglichkeiten zu schaffen und die Menschen im Quartier zu aktivieren und zu motivieren, ihr Umfeld aktiv mitzugestalten.

Die Aussicht auf Unterstützung durch einen Quartiersentwickler kommt bei den meisten Waller Ortspolitikern sehr gut an. „Uns geht es stark um Freiraumplanung“, betont in diesem Zusammenhang Ausschusssprecherin Brunhilde Wilhelm (Grüne): „Denn die ist bisher stark vernachlässigt worden, was uns jetzt auf die Füße fällt.“ Sie plädiert dafür, auch die Sportvereine stärker in die Entwicklung in der Überseestadt einzubeziehen. Was ihr außerdem sehr wichtig ist: Dass mit der Fläche gegenüber dem ehemaligen Schuppen drei, wo momentan als Zwischennutzerin Pastorin Esther Joas mit ihren Mitstreitern von der Überseekirche die „Überseewiese“ herrichtet, bei der weiteren Planung sehr bewusst umgegangen wird. Hier sollte ihrer Ansicht nach einmal ein besonders markantes Gebäude stehen – vielleicht ja sogar eine Art kleines Bürgerhaus für das junge Stadtviertel. Beim Stichwort „sozial benachteiligt“ möge man bitte nicht nur im Sinne von „defizitär“ denken, unterstreicht Wilhelm außerdem: „Es gibt Qualitäten in jedem Menschen, die man fördern kann.“

Sozialausschusssprecherin Brigitte Grziwa-Pohlmann (SPD) hofft, dass es mit dem neuen Quartiersentwickler nicht so lange dauert wie mit anderen Vorhaben im Stadtteil. Auf den neuen Spielplatz am Franz-Pieper-Karree warte man schließlich immer noch: „Wir rödeln und stellen Anträge, und das dauert und dauert. Ich finde das wahnsinnig anstrengend und es nervt mich, dass das nun wieder verschoben wurde.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+