Mit "Freistil" durch die Krise Union-Brauerei präsentiert erste alkoholfreie Biere

Alkoholfreis Bier zu brauen, ist gar nicht so einfach. Die Union-Brauerei präsentiert nun ihre ersten alkoholfreien Sorten – just zur rechten Zeit.
04.06.2020, 05:31
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Wohl an die hundert verschiedene Biersorten wurden in der Union-Brauerei in den vergangenen fünf Jahren gebraut. Doch eines wie diese war bislang nicht dabei. Am vergangenen Freitag wurden die ersten 20 000 Flaschen des eigenen alkoholfreien Biers abgefüllt, etikettiert und an die Kundschaft ausgeliefert. „Wir wurden von unseren Gästen immer wieder gefragt, warum wir hier kein alkoholfreies Bier brauen“, erklärt Gesellschafter Markus Zeller. Die Antwort: Bier brauen ohne Alkohol, das dennoch nach „Union“ schmeckt, ist gar nicht so einfach, wie es sich für den Laien anhört. Und darum sind die Waller Braumeister auf das Ergebnis besonders stolz.

Hopfen, Malz und Wasser: Mehr braucht man auch für alkoholfreies Bier nicht. Produziert werden – genauer gesagt – zwei Varianten: Das eine ein Schankbier nach Pilsner Art, von satter Bernsteinfarbe, sanftbitter, mit einer leichten Süße, die von einer Säurenote harmonisch ausbalanciert wird. Das andere ein Weißbier für die Weizen-Fans, etwas heller, süßer, mit Noten von Zitrusfrüchten, Pfirsich und Aprikose: Solche Feinheiten werden jedenfalls geübte feine Zungen wie diejenige von Braumeister Carsten Eger herausschmecken. Für alle anderen zählt vor allem, dass sie künftig eine hausgemachte wohlschmeckende Alternative finden, wenn Alkohol aus Gründen der Gesundheit oder der Vernunft nicht zur Diskussion steht. Eger ist sich sicher: „Damit brauchen wir uns nicht verstecken“.

Grundsätzlich gebe es für das Brauen alkoholfreien Bieres zwei gängige Methoden, sagt der Brauingenieur und Biersommelier: „Einfach ausgedrückt: Entweder, man entzieht dem Bier abschließend den entstandenen Alkohol oder man verhindert, dass der Alkohol im Brauprozess überhaupt erst entsteht“. Die Union-Brauer haben sich für die zweite Variante entschieden. „Bei der gestoppten Gärung wird mit einer speziellen Hefe und kühlen Temperaturen gearbeitet. Die Hefe wandelt den Malzzucker dabei sehr langsam um, aber es können sich die Aromen entwickeln“, erklärt Eger. Um die Gärung endgültig zu stoppen, muss das Flaschenbier abschließend kurz erhitzt werden. Die Anschaffung eines sogenannten Kammerpasteurs war darum eine der Voraussetzungen, damit die alkoholfreie Produktion in der kleinen Brauerei beginnen konnte. Die anderen waren die permanente Begleitung durch ein externes Labor sowie zahllose Geschmacksexperimente mit Aromahopfen aus der Hallertau und Tettnang und speziellen Malzsorten. Das Endergebnis sind Geheimrezepturen, die keine Brauerei verraten würde.

Laut Bier-Historikern sind Versuche, alkoholfreies Bier herzustellen, in Deutschland seit mindestens hundert Jahren belegt. Als erstes marktreifes Produkt gilt allgemein das „Aubi“ der Berliner Brauerei VEB Engelhardt, das ab 1972 in der DDR ausgeschenkt wurde. Das „Autofahrer-Bier“ zeichnete sich durch einen ganz eigenen „üblen Geschmack“ aus, wie VEB-Braumeister und Produktentwickler Ulrich Wappler kürzlich in einem Interview gestand. In Westdeutschland gewann alkoholfreies Bier Anfang der 1980er-Jahre an Boden, nachdem die Frankfurter Binding-Brauerei mit erheblichem Werbeaufwand ihre Marke Clausthaler lancierte. Die Nachfrage entwickelte sich schleppend, aber stetig, und die geschmackliche Qualität verbesserte sich ebenfalls laufend, sagt Eger. „Mittlerweile steuern wir auf einen Marktanteil von zehn Prozent zu“, erklärt Markus Zeller, der gemeinsam mit Lüder Kastens seit Ende 2015 die Freie Brau-Union Bremen betreibt. Die beiden Union-Alternativen nennen sich „Freistil“ und „Freifahrt“, und sind mittlerweile im Getränkehandel sowie im Union-Shop auf dem Hof der Brauerei erhältlich. Doch schon jetzt zerbrechen sich die Union-Brauer die Köpfe nach einem passenden dritten Namen. Denn als Nächstes soll eine alkoholfreie Pale-Ale-­Variante entwickelt werden, erzählt Eger.

An der Theodorstraße hofft man sehr, dass die neuen Produkte den Geschmack vieler Gäste treffen – zumal auch die Union Brauerei durch die Ausnahmesituation der vergangenen Monate massiv getroffen wurde. Zwar lief die Bier-Produktion durchgängig weiter. Durch die wochenlange Schließung der Lokale sei jedoch ein wichtiger Kundenkreis komplett weggebrochen, berichtet Markus Zeller. „Auch die Schließung des Braugasthauses tat uns richtig weh“, sagt der Gastro-Profi. Seit 18. Mai sind auch Braugasthaus und Braugarten wieder geöffnet – allerdings zu eingeschränkten Zeiten, mit der Bitte um vorherige Reservierung sowie mit viel Platz zwischen den Gästen. „Wegen der Abstandsregeln können wir derzeit deutlich weniger als die Hälfte unserer Plätze nutzen“, so Zeller.

Als Krisenmaßnahme hatten die Waller eine Solidaritätskampagne zugunsten Bremer Gastronomiebetriebe gestartet. Für den Union Lokal Support füllt die Brauerei ihr Bier in Flaschen ab, die mit Sonderetiketten Bremer Kneipen, Clubs und Gaststätten vermarktet werden. Der Flaschenpreis orientiert sich an dem Betrag, den Gäste normalerweise in ihren Lokalen bezahlen würden. Die Hälfte des Erlöses geht als Spende in einen Gemeinschaftstopf, der unter den bislang zwölf beteiligten gastronomischen Betrieben verteilt wird – darunter auch Lokale aus dem Bremer Westen. Um zum Kreis der Begünstigten zu gehören, spielte es keine Rolle, ob die Lokale bislang zu den Abnehmern der Brauerei gehörten. In den Anfangswochen habe sich die solidarische Nachfrage der Kundschaft „gigantisch“ entwickelt, sagt Zeller. Inzwischen habe der Verkauf arg nachgelassen. „Die Kunden denken, dass es in den Betrieben wieder ganz normal läuft, weil sie ja wieder geöffnet sind“, vermutet Zeller. „Aber soweit sind wir noch lange nicht“.

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