Premiere im Bremer GOP Vom Schmerz, ein Clown zu sein

Das Künstlerpaar Philippe Trépanier und Tamara Bousquet fand erst den Weg zueinander und dann auf die Bühne. In Bremen spielt es nun im GOP-Stück „Appartement“ die Hauptrolle.
17.01.2019, 05:57
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Vom Schmerz, ein Clown zu sein
Von Ina Bullwinkel

Die Tür fliegt auf, das Ehepaar du Fèvre tritt mit eiligen Schritten ins Foyer des GOP. Eine wahrlich theatrale Szene: Madame du Fèvre in Kostüm und Perlenkette stolziert grimassierend mit ihrem Ehemann, Einstecktuch und Haartolle, den kurzen Weg vom Foyer zur Theaterbar. Zwischen dem Paar eingehakt – eher unauffällig gekleidet – geht Sabine Rieck. Die Regisseurin entlässt ihre beiden Hauptdarsteller eigentlich nur ungern von der Bühne, auf der in diesem Moment noch immer Proben laufen. Denn am Donnerstag feiert „Appartement – Zimmer frei!“ in Bremen Premiere.

Den Stress der Endproben lassen sich zumindest die beiden Schauspieler nicht anmerken. Philippe Trépanier und Tamara Bousquet stecken in ihren Rollen, lachen schrill und posen für den Fotografen. Genauso schnell, wie die Bilder im Kasten sind, legen Trépanier und Bousquet ihr gespieltes Lachen ab und tauschen es ein gegen ein ehrliches Lächeln. Jetzt sind sie nicht mehr das adelige Ehepaar du Fèvre, sondern das kanadische Künstlerpaar Trépanier und Bousquet.

In „Appartement“ spielen sie ein ehemals reiches Paar, das seine Pariser Altbauwohnung untervermieten muss, weil sein Lebensstil zu ausschweifend war. Vom Reichtum des Ehepaars ist nichts mehr übrig, deswegen vermietet es nicht nur die Zimmer seiner Wohnung – auch der Keller und ein Schrank müssen als Unterkunft dienen. Fünf Mitbewohner haben Madame und Monsieur du Fèvre schon, jetzt zieht ein sechster ein und damit beginnt das Stück.

Ein veraltetes Bild

„Es ergibt sich eine neue Situation in der Wohnung: Manche sind neugierig, andere sind eifersüchtig, verlieben sich oder erleben eine Überraschung“, sagt Tamara Bousquet. Jede der Figuren habe zudem ihre ganz eigene Art zu leben. Außerdem gebe es einen Butler, „der ist mindestens so alt wie die Möbel in dem Haus“, schätzt Philippe Trépanier. Ganz normal ist die Wohnsituation also nicht in dieser Geschichte. Genauso wie die Figuren, die Bousquet und Trépanier verkörpern.

Dass ein Clown sich das Gesicht weiß schminkt und viel zu große Schuhe trägt, sei ein veraltetes Bild, sagt Bousquet. „Wir Clowns müssen drei Dinge miteinander verbinden: das körperliche Spiel, die Pantomime und den Zirkus“, sagt Bousquet. Dafür würden sie vor allem ihre Gestik und Mimik brauchen. „In 'Appartement' sagen wir nur ein paar Worte – auf Englisch, Französisch und Spanisch“, sagt Trépanier. Clowns sprächen mit ihren Körpern. „Wenn Tamara 'l'amour' sagt, reicht das schon, damit das Publikum die Leidenschaft versteht, die sie ausdrücken will“, sagt er. Bousquet setzt wie zum Beweis zu einem geseufzten „L'amour“ an und hängt noch ein Glucksen hinten dran.

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Wenn sie ihre Rollen spielen, halte das Publikum sie für tollpatschig und wenig talentiert, sagt Bousquet. „Die Menschen sehen Idioten auf der Bühne. Wenn wir dann eine unserer akrobatischen Nummern zeigen, sind sie sehr überrascht.“ Genau damit wollten sie spielen. „Es ist ein wenig schmerzhaft, ein Clown zu sein, weil die Menschen über das lachen, was du nicht gut kannst“, sagt Bousquet. Als Clown mache man sich verwundbar: „Ich muss meine Zerbrechlichkeit zeigen.“

Die 34-Jährige begann ihre Karriere am Theater. Erst später, erzählt sie, habe sie zwei Jahre lang Clownkunst in Paris studiert. Trépanier begann vor 20 Jahren eine Ausbildung an der Nationalen Zirkusschule Montréal. „Damals war ich 19 und wollte unbedingt Akrobat werden. Ich wollte Salto rückwärts machen und kein Clown sein“, sagt er. Als er sich verletzte und nicht mehr turnen konnte, habe ihn der Clownlehrer seiner Schule angerufen. „Gemeinsam entwickelten wir ein Programm und ich begann meine Karriere als Clown.“

Zwei Clowns treffen sich auf einer Party

Seit 2015 treten Trépanier und Bousquet gemeinsam als Clowns auf und nennen sich „Les Deux de Pique“. Der Name geht zurück auf eine Redewendung aus Quebec und bedeutet so viel wie „Die zwei Idioten“. „Mit diesem Namen haben wir vor allem bei Behörden viel Spaß“, sagt Trépanier. Wenn ihr Steuerberater etwa beim Finanzamt in Kanada anrufe, bekomme er immer viele Lacher für den Satz, dass er „die zwei Idioten“ vertrete. Sie hätten sich in Montréal auf einer Halloweenparty kennengelernt, erzählen sie. Darüber müssen sie noch heute lachen: Zwei Clowns treffen sich verkleidet auf einer Party. Kurze Zeit nach ihrem Kennenlernen beschließen sie, ein gemeinsames Programm zu entwickeln.

Auch in „Appartement“ fänden sich daraus Elemente, die sie zusammen mit der Regisseurin Sabine Rieck weiterentwickelt hätten, sagt Trépanier. Dazugekommen sind unter anderem die akrobatischen Einlagen der Mitbewohner: Sie schwingen in der Luft, jonglieren oder turnen. „Hier in Bremen hat die Arbeit an 'Appartement' begonnen“, sagt er. Damals sei er für eine andere Show in der Stadt gewesen. Aufgeführt wurde das Stück allerdings zuerst in München. Danach trat das Ensemble in Essen, Hannover und Bonn auf. In Bremen werden Trépanier und Bousquet mit ihren Kollegen zumindest etwas Besonderes feiern: Im Februar spielen sie ihre 300. Show.

Weitere Informationen

„Appartement – Zimmer frei!“ feiert am 17. Januar Premiere im GOP. Das Theaterstück wird bis zum 10. März 2019 zu sehen sein.

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