Strand in Sicht

Waller Sand: Naturschutz und Naherholung in der Überseestadt

Seit einem Jahr gibt es den Waller Sand. Zwischen Industrie und Neubauten gelegen, ist der Strandpark in der Überseestadt immer noch ein Geheimtipp.
24.05.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Waller Sand: Naturschutz und Naherholung in der Überseestadt
Von Lisa Urlbauer
Waller Sand: Naturschutz und Naherholung in der Überseestadt

Der Waller Sand lockt Besucher aus Bremen und umzu an.

Frank Thomas Koch

Eingebettet zwischen dem Holz- und Fabrikhafen auf der einen und dem Molenturm auf der anderen Seite liegt er, der Waller Sand. Drei Hektar Strandpark, die das Wendebecken umschließen. Ein Projekt, an dem Stadt, Beiräte und Anwohner gemeinsam wirken, größtenteils finanziert vom Bund und der Europäischen Union.

Wenn man nicht gerade mit der „Pusdorp“ über den Wasserweg anreist, muss man zunächst den Parkplatz passieren, um zum Strandpark zu gelangen. Dort lädt Frank Bank gerade seinen VW Bus ein, Delmenhorster Kennzeichen. In der Hand hält er einen Metallring, an dem ein Fisch hängt. „Die Weser ist ein hervorragendes Zanderrevier“, sagt Bank, gebürtiger Hannoveraner. Aale könne man hier auch gut fischen – die seien vor allem bei Rentnern beliebt. Bank trägt ein blau-weiß kariertes Hemd mit einem kleinen Fisch auf der Brust. Dazu Cappi und Sonnenbrille. Seiner Leidenschaft, dem Angeln, geht der Deutschlehrer auf der ganzen Welt nach – von Hawaii bis Lanzarote. Ob Walle da mithalten kann? Ja, sagt er. „Der Molenturm ist ein Hotspot.“ Der 58-Jährige kommt aber nicht nur wegen des guten Fischs, sondern auch wegen der Aussicht. Sein Blick schweift über die Hafenanlagen vor ihm bis zum Strandpark. „Vorher war das alles Industriebrache.“ Was daraus geworden ist, findet er irre. Frank Bank hat seinen Zander verstaut und macht sich auf den Nachhauseweg. Er ist zufrieden mit seinem Fang. „Das ist ein astreiner Küchenzander. 60 Zentimer lang, der hat ideale Proportionen. Da ist das Filet genau richtig.“ Wie er ihn zubereitet, weiß er auch schon. „Der wird heute schön filetiert, dazu gibt es frische Kartoffeln und Spargel. Vielleicht auch noch eine Sauce Hollandaise.“

Strohschirme, Volleyballfelder und Wasserspielplatz

Am Ende des Parkplatzes befindet sich eine Aussichtsplattform, von der man sieht, was der Waller Sand zu bieten hat: Strohschirme, die an das Mittelmeer erinnern, zwei Volleyballfelder, einen Wasserspielplatz. Entlang der Promenade stehen Fahrradständer, Holzbohlenwege führen runter ans Wasser. Es gibt Wildkräuter und Dünen, die in einigen Jahren wie die an der Nordsee aussehen werden. Auf den Holzliegen haben zwei Personen Platz – ideal, um dabei zuzusehen, wie die Sonne später am Abend hinter dem Molenturm verschwindet. Ihr hellgrüner Anstrich passt zum Ambiente. Vor einem das Wendebecken, den Fernsehturm und Roland Mehl hat man im Rücken. Die Luft riecht salzig. Den Möwen scheint es auch zu gefallen, hier im Strandpark. Ihr Revier sind die drei ehemaligen Anleger und die dahinter liegenden Dalben. „Maximal 15 Personen“ steht auf einem laminierten Schild, das an der Metalltreppe befestigt ist, die hoch zur Plattform führt. Kein Problem, viel los ist nicht am Waller Sand. Einer joggt am Wasser entlang, zwei stehen an den ehemaligen Anlegern und angeln. Die Luft ist milde und es ist windstill; der Himmel wolkenverhangen. Auch bei bestem Frühlingswetter scheint der Waller Sand noch kein Ort zu sein, der viele Besucher gleichzeitig anzieht. Stefan Weßeler findet das gut. „Die Spielplätze sind alle sehr voll. Es ist toll, dass wir hierhin ausweichen können.“ Der 42-Jährige ist mit dem Fahrrad aus Walle gekommen. Mit im Sitz seine dreijährige Tochter Mathilda, die den Strand zu ihrer persönlichen Sandkiste gemacht hat. „Man hat hier Platz zum Buddeln, wir können Steine ins Wasser schmeißen und butschern“, sagt Weßeler. „Pippi Langstrumpf“, sagt Mathilda und streckt eine Playmobil-Figur in die Luft. „Die ist hier gerade der Superstar“, erklärt ihr Vater.

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Am Strandpark liegen Gröpelingen und Walle nah beieinander. Industrie und Freizeit auch. Sowieso scheint in der Überseestadt viel zu koexistieren. Für Andreas Heyer, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen, liegt darin der Reiz. „Es gibt einen Widerspruch zwischen diesem natürlich schönen Ort und der Industrie.“ Diese integrierte Urbanität zu schaffen, sei eine gesellschaftliche Herausforderung. Dass das am Waller Sand geschafft worden sei, gebe Bremen einen wichtigen Impuls, so Heyer. „Wir haben hier Vorhandenes mit Neuem kombiniert und die Überseestadt im Bestand weiterentwickelt.“ Gut ein Jahr nach der Eröffnung ist Heyer zufrieden mit dem Waller Sand – und die Besucher seien es auch. Ein Indiz dafür seien die vielen Bilder vom Strandpark in den sozialen Medien. Es gibt aber auch Kritik: Der Waller Sand ist kein Badestrand – Schwimmen verboten. Im Wendebecken sind weiterhin Schiffe unterwegs. „Das wäre nautisch nicht möglich gewesen“, sagt Heyer. „Langsam verstehen die Besucher das aber.“

Auslöser für die Umgestaltung der Gegend war die Verbesserung des Hochwasserschutzes. Gemeinsam mit den Stadtteilbeiräten und Anwohnern ist dann die Idee entstanden, auch einen Strandpark anzulegen. „Die Bürger waren früh an der Entwicklung beteiligt. Anfangs konnte sich keiner so richtig vorstellen, was daraus wird“, erzählt Heyer. „Es war ja nur ein Ufer.“ Die erste Bauphase begann im August 2017. Damals noch unter dem Namen „Weiche Kante“, der kurz darauf durch Waller Sand ersetzt worden ist. Im Mai vergangenen Jahres war dann ein Großteil der Baumaßnahmen abgeschlossen und der Strandpark wurde offiziell eröffnet. Der Waller Sand, er ist Naturschutz und Naherholung zugleich. Die Mauer, die den Strand umschließt, war ursprünglich nicht als Sitzgelegenheit geplant – sondern als Wall gegen Überflutungen. Das integrierte Konzept des Waller Sand habe es möglich gemacht, Bank und Hochwasserschutz in einem zu schaffen, sagt Heyer. „Am Waller Sand haben wir den Hochwasserschutz mit einem Ort der Stadt verknüpft.“ Fertig ist der Übersee-Strandpark noch nicht. Aber: „Wir sind über die Pflicht hinaus“, so Heyer. Was jetzt noch folge, sei die Kür. Beleuchtung an der Promenade, mehr Sonnenschutz und weitere Mülleimer zum Beispiel. Dafür seien bereits weitere Fördergelder beantragt worden.

Noch einige Freiflächen vorhanden

Der Strand fügt sich in die umliegende Industrie ein. Er passt gut an die Weser, wie auch in Pusdorf und am Café Sand. Aber zum Rest der Überseestadt muss der Strandpark noch aufschließen. „Es ist noch etwas isoliert hier“, sagt Heyer. Noch gibt es einige Freiflächen zwischen dem Waller Sand und den Neubauten der Überseestadt. Nur ein Bistro ist bisher in unmittelbarer Nähe zum Strand, manchmal kommt der Eiswagen vorbei. „Die Investoren werden schnell merken, dass es den Waller Sand gibt, davon bin ich felsenfest überzeugt.“

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9,8 Millionen Euro kosten die Baumaßnahmen am Übersee-Strandpark, insgesamt. 1,1 Millionen mehr als ursprünglich geplant. 78 Prozent davon übernehmen der Bund und die Europäische Union. Die 150 000 Kubikmeter Sand, die im Strandpark aufgeschüttet worden sind, wurden per Schiff angeliefert. Das habe sich als kostengünstigste und ökologisch vertretbare Variante herausgestellt, heißt es in den offiziellen Zahlen zum Waller Sand – andernfalls hätte ein 40-Tonner rund 10 000 Mal fahren müssen. Hier und da sieht man, dass der Strandpark künstlich errichtet worden ist. An machen Stellen lugt die beige Plane hervor, auf die der Sand aufgeschüttet worden ist. Die Gräser auf den Dünen sind noch klein und stehen vereinzelt. Nur wenig Moos ist bisher an der Steinschüttung am Ufer. Die offizielle Fertigstellung ist für 2022 geplant – der Waller Sand wird sich auch danach noch entwickeln. Er ist ein Ort im Wandel – wie der Rest der Überseestadt.

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