Verkehrschaos vor Schulen in Walle

Wenn Eltern-Taxis Kinder gefährden

Vor vielen Schulen herrscht Verkehrschaos, wenn dort allmorgendlich scharenweise „Eltern-Taxis“ stoppen, um den Nachwuchs abzusetzen. In Walle wollen Beirat und Elternvertretung nun gemeinsam etwas dagegen tun.
15.01.2020, 17:30
Lesedauer: 4 Min
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Wenn Eltern-Taxis Kinder gefährden
Von Anne Gerling
Wenn Eltern-Taxis Kinder gefährden

Zwei Schülerinnen vor der Grundschule an der Melanchthonstraße nach Schulschluss: Trotz Halteverbots parken hier oft Autos und erschweren die Verkehrssituation.

Louis Kellner

Es ist jeden Morgen das gleiche haarsträubende Bild: Dicht an dicht stoppen – trotz Halteverbots – in der Melanchthonstraße vor Schulbeginn Eltern ihre Autos am Straßenrand, um ihre Kinder unmittelbar vor der Grundschule abzusetzen. Ist dort kein Platz mehr, so wird mitten auf der Straße gehalten und dadurch der Verkehrsfluss verlangsamt. Ungeduldige Fahrer hupen, manche probieren, doch noch irgendwie an den anderen Fahrzeugen vorbeizukommen. Dazwischen versuchen Kinder, die Straße zu überqueren, um zum Schulhof zu kommen.

Nach Schulschluss spielen sich ähnliche Szenen ab: Vor dem Schultor und auf der Straße stehen viele Menschen, Eltern parken in der Halteverbotszone direkt vor der Schule und Kinder laufen über die Straße. Die Situation sei extrem gefährlich, warnt der Elternbeirat der Grundschule an der Melanchthonstraße. So gefährlich, dass schnellstmöglich etwas gegen die tägliche Flut von „Eltern-Taxis“ unternommen werden müsse – bevor womöglich ein Kind zu Schaden komme.

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Diese Sichtweise teilen auch Kirsten Dambek, Leiterin des Waller Polizeireviers, und die Mitglieder der Fachausschüsse „Bau, Umwelt und Verkehr“ und „Frühkindliche Bildung, Bildung und Migration“ des Waller Beirats. Ausnahmsweise haben am Montag die Mitglieder beider Ausschüsse gemeinsam getagt, um über konkrete Maßnahmen zu sprechen, durch die der Weg zur Schule an der Melanchthonstraße für die Mädchen und Jungen sicherer werden kann.

Beim Thema Eltern-Taxen sind die Beteiligten mit ihrem Latein allerdings nahezu am Ende. Von 7 bis 14 Uhr gelte vor dem Schulhof ein absolutes Halteverbot und auf der gegenüber liegenden Straßenseite ein eingeschränktes Halteverbot, sagt Kirsten Dambek. Auf der Webseite der Schule wird ausdrücklich auf dieses Halteverbot hingewiesen und Dambek zufolge haben mehrfach auch Lehrkräfte versucht, parkende Autos von Eltern zu verscheuchen, was nicht ohne Konflikte vonstatten gegangen sei: „Egal was man an baulichen Lösungen schafft – im Grunde ist das ein Eltern-Problem. Und die Kinder, die bis vor die Schule gefahren werden, lernen dabei nichts für ihr Leben.“

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Deutlich sinnvoller sei es, wenn Kinder in Gruppen und mit Warnwesten zu Fuß zur Schule gehen würden. Was die Situation nicht einfacher mache: Parken im Halteverbot wird mit 15 Euro geahndet, was keine besonders große abschreckende Wirkung habe: „Im Ländervergleich ist Deutschland da sensationell billig.“ Neben den chaotischen Zuständen vor dem Schulgrundstück seien die Kinder, die aufgrund ihrer Körpergröße Gefahren im Straßenverkehr schlechter wahrnehmen und einschätzen könnten, täglich noch anderen brenzligen Situationen ausgesetzt, kritisiert der Elternbeirat.

Dessen Mitglieder haben gemeinsam mit der Elternschaft besonders gefährliche Stellen aufgelistet, die die Kinder täglich passieren müssen. Etwa die Kreuzung Bremerhavener Straße / Vegesacker Straße, die häufig zugeparkt und deshalb insbesondere für Kinder unübersichtlich sei – an der gleichzeitig aber häufig schneller als erlaubt gefahren werde. Insgesamt sei die Situation entlang der Vegesacker Straße problematisch, da dort viele Kreuzungen dicht geparkt seien und in zweiter Reihe parkende Fahrzeuge sowie morgendlicher Lieferverkehr die Situation zusätzlich unübersichtlich und gefährlich machten.

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Unübersichtlich sei auch die Situation am Wartburgplatz, wenn dort morgens Scharen von Berufsschülern von der Straßenbahn kommend die Straße an der Ampel St. Magnus-Straße überquerten, wo Rad- und Fußweg besonders schmal sind. Regelmäßig sei außerdem an der Ecke Wartburgstraße / Melanchthonstraße der Radweg zugeparkt, sodass Fußgänger und Radfahrer dort kaum zu sehen seien und abbiegende Autos behindert würden.

Die Liste der Elternvertreter finden die Waller Ortspolitiker überzeugend und nachvollziehbar. In ganz Walle sei das Parken zum Problem geworden, sagt etwa Franz Roskosch (CDU): „Gehwege, Radwege und sogar hochgepflasterte Bereiche werden beparkt.“ Sein Vorschlag: Vor der Schule einen Radweg markieren, da das Parken auf Radwegen höher bestraft werde als im Halteverbot.

Durch das Parken in zweiter Reihe sei die Situation in der Vegesacker Straße häufig sehr unübersichtlich, weiß Jörg Tapking (Linke) aus eigener Erfahrung. Er regte an, die Schülerinnen und Schüler durch Belohnungen dazu zu motivieren, mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Schule zu kommen. Bislang gibt es einmal im Jahr die dreiwöchige Aktion „Zu Fuß zur Schule“, an der sich jeweils viele Familien beteiligen.

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In Oyten ist die einzige Zufahrt zu einem Schulzentrum gesperrt worden, nachdem dort kürzlich ein Kind angefahren wurde. „Ich möchte nicht, dass es hier auch so kommt“, so Alex Becker (Grüne), der anregte, gemeinsam mit der Schule durch verschiedene Aktivitäten gegen Eltern-Taxen klar zu zeigen: „Wir wollen das einfach nicht mehr.“

Schnellstmöglich sollten Schule, ASV, Beirat, Polizei und womöglich auch das Ordnungsamt die kritischen Stellen bei einem Ortstermin ablaufen und über Maßnahmen sprechen, um diese sicherer zu machen: Darin waren sich die Mitglieder beider Fachausschüsse schnell einig. Er erwarte dazu konkrete Verbesserungsvorschläge vom Amt für Straßen und Verkehr (ASV), unterstrich außerdem Bauausschusssprecher Jürgen Pohlmann (SPD).

Einen Vorschlag des Elternbeirats, die Melanchthonstraße zu bestimmten Zeiten für Autos zu sperren, sieht Kirsten Dambek vorerst kritisch. Einerseits, weil unbewachte Absperrungen ignoriert und einfach zur Seite geschoben würden. Und andererseits, weil die Staus dann vermutlich auf die Sankt-Magnus-Straße verlagert würden: „Dann hätten wir eine noch schlimmere Situation, wenn die Kinder im Schienenbereich herumlaufen.“

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