Meine Haltestelle: Martina Sappelt vom Kompetenzzentrum wartet am Amselweg auf ihren Bus Wer länger stehen bleibt, muss rennen

Walle. "Meine Haltestelle ist jetzt hier," sagt Martina Sappelt und meint damit nicht nur die Haltestelle Amselweg des Busses der Linie 28, an der sie einsteigt, um nach der Arbeit im Kompetenzzentrum der Handwerkskammer zum Waller Bahnhof und von dort nach Hause in die Altstadt zu fahren. "Hier ist eine Haltestelle und ein Haltepunkt in meinem Leben zugleich", sagt Martina Sappelt.
07.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Edwin Platt

Walle. "Meine Haltestelle ist jetzt hier," sagt Martina Sappelt und meint damit nicht nur die Haltestelle Amselweg des Busses der Linie 28, an der sie einsteigt, um nach der Arbeit im Kompetenzzentrum der Handwerkskammer zum Waller Bahnhof und von dort nach Hause in die Altstadt zu fahren. "Hier ist eine Haltestelle und ein Haltepunkt in meinem Leben zugleich", sagt Martina Sappelt.

Die Mittvierzigerin ist Diplom-Sozialpädagogin und arbeitete in Grundschulen in der pädagogischen Grundassistenz, bis sie beschloss, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben, und sich im Kompetenzzentrum zwei Jahre zur Augenoptikerin umschulen ließ. Martina Sappelt hatte früh den Wunsch, in die Erwachsenenbildung zu gehen. Die Gelegenheit bot sich unerwartet schnell und aus traurigem Anlass, als ein Ausbilder des Bereichs Augenoptik im Kompetenzzentrum früh verstarb.

Seit eineinhalb Jahren unterrichtet Martina Sappelt dort, wo sie selbst ihre Ausbildung genossen hat. Damit nicht genug. Martina Sappelt absolviert in zweijähriger berufsbegleitender Ausbildung auch den Meisterkurs zur Augenoptikerin. "Wenn die Kinder groß sind, kann ich noch mal was anderes machen", hatte sich die alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern früher gesagt. Offensichtlich war der Zeitpunkt gekommen, als eine Tochter auszog, um Medizin zu studieren. Die Jüngere ist in der elften Klasse am Leibnizplatz. Beide Töchter sind überzeugte Radfahrerinnen, und steigen auch bei starkem Regen nicht auf den Bus um.

Für diese Haltung bringt Martina Sappelt Verständnis auf, wenn sie abends an ihrer Haltestelle auf den Bus wartet, der fast immer drei Minuten zu spät kommt, obwohl sie an der zweiten Haltestelle zusteigt. Sie kennt alle Wartenden und weiß, wer in Walle umsteigt. Sogar die Bauarbeiter am Waller Bahnhof kennt sie inzwischen, weil die lachen und feixen,wenn immer die gleiche Horde Menschen rennen muss, um den Zug zu bekommen.

Die Schülerinnen und Schüler von Martina Sappelt sind zwischen 22 und 50 Jahre alt. Die meisten von ihnen werden von der Agentur für Arbeit oder von der Rentenversicherung gefördert. Der Kursus mit maximal 16 Teilnehmern läuft montags bis freitags täglich von acht bis 15 Uhr. Martina Sappelt braucht zusätzliche Zeit für ihre Vorbereitungen, die Schüler brauchen Zeit für Hausaufgaben, aber nicht immer. Das Familienleben der zukünftigen Optiker wird geachtet. Treten Schwierigkeiten im Privaten auf, können sie die sozialpädagogische Betreuung nutzen.

"Die technischen Ansprüche an Augenoptiker sind hoch", sagt Martina Sappelt. Mathematik- und Physikverständnis sind ebenso Voraussetzungen wie feinmotorisches Geschick. Der theoretische Anteil der Ausbildung sollte nicht unterschätzt werden, und der praktische ist sehr umfangreich.

Dazu gehören das Schleifen von Glas, auf Millimeterbruchteile genau, das komplizierte Messen von Seh- und Glasstärken mit optischen Geräten, das Arbeiten mit der Spaltlupe mit bis zu vierzigfacher Vergrößerung, das schonende Einsetzen von Tages- und Dauerlinsen bis zu Untersuchungen der Augen auf Schädigungen durch den Einsatz von Linsen, bis hin zum Löten von Metallbrillen und biegen oder kitten von Kunststoffgestellen. In der Abschlussprüfung ist das präzise Bohren und sehpunktorientierte Fixieren der Gläser einer gestelllosen Brille eine der praktischen Aufgaben.

Neuer Kursus beginnt

Im Kompetenzzentrum ist Martina Sappelt umgeben von etwa 40 Kolleginnen und Kollegen, die in vielen weiteren Bereichen unterrichten, darunter Schlosser, Bäcker, Friseure, Maler und Tischler. Handwerk hat goldenen Boden, sagte man früher, und damit das so bleibt, gehören Betriebspraktika heute zur Ausbildung. Dadurch erhöhen sich die Chancen auf eine anschließende Beschäftigung beträchtlich.

Mit dem Kompetenzzentrum der Handwerkskammer als Arbeitgeber fühlt sich Martina Sappelt wohl: "Der Arbeitgeber ist sehr klar und verlässlich, und ich werde bei meinem Meisterkurs unterstützt." Und der Unterricht? "Ja, das macht richtig Spaß", sagt Martina Sappelt. Die Haltestelle steht für die Stationen im Leben von Martina Sappelt als Lernende und als Lehrende und bald als Optiker-Meisterin. Vielleicht kommt der Bus in Zukunft auch mal pünktlich.

Die nächste Ausbildung zum Augenoptiker beginnt am Montag, 21. Februar. Es gibt noch Plätze. "Wer stehen bleibt, fällt zurück" ist der Titel des neuen Lehrgangsprogrammes des Handwerk-Kompetenzzentrums, Schongauer Straße. Es reicht von Abgasuntersuchung über Nageldesign und Schimmelpilzsanierung bis Beauty und Kfz. Insgesamt 151 Handwerksberufe stehen zur Auswahl. Nähere Auskünfte gibt es unter den Telefonnummern 30500-130 bis -135 und im Internet auf www.handwerkbremen.de.

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