Bremer Kultkneipe

Wie sich die Waller Kneipe Druide als Verein selbst trägt

Für Stammgäste vom Druiden ist die Bremer Kneipe in Walle eine „Ersatzfamilie“. Als der Laden vor Jahren fast pleite ging, gründeten sie kurzerhand einen Verein und betreiben den Druiden seitdem einfach selbst.
23.02.2020, 08:27
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Wie sich die Waller Kneipe Druide als Verein selbst trägt
Von Imke Wrage
Wie sich die Waller Kneipe Druide als Verein selbst trägt
Christina Kuhaupt

Ganz klare Kiste, sagt Udo. Der Druide und er, das war Liebe auf den ersten Blick. Er habe das damals direkt gespürt, als er am Laden vorbeilief, die Fenster halb verhangen, alles zappenduster. Eine verwaiste Kneipe in Walle, die ihn anzog und träumen ließ: Was, habe er sich gefragt, wenn er noch mal neu anfängt? Wenn er den Laden pachtet, einfach mal verrückt ist, den Job als Briefträger schmeißt? Udo, 36, Machertyp – einer, der sich traut und Kneipenbesitzer wird?

Das ist jetzt 27 Jahre her. Seitdem gibt es den Druiden in Walle, sagt Udo, „meine Ersatzfamilie, mein Anlaufpunkt“. Eine verrauchte Eckkneipe inmitten eines beschaulichen Wohnviertels im Ortsteil Osterfeuerberg, eingekeilt zwischen zwei von Altbremer Häusern gesäumten Straßen. Fast an jedem Tag im Jahr geöffnet, meist ab 17 Uhr, manchmal früher, wenn Werder spielt. Im Inneren hängen Bilder von Musikern an den hölzernen Wänden, Singer-Songwriter, Blues-Sänger, Punk-Bands, vergilbt vom Nikotin. Sie alle haben schon im Druiden gespielt, darunter Iren und Australier – die Welt zu Gast in Walle.

Es ist ruhig an diesem Donnerstagabend. „Gestern um die Zeit hättste hier keinen Platz bekommen“, sagt Udo, „heut muss das erst mal anlaufen.“ Udo, den alle hier nur als Udo und nicht als Udo Hollmann kennen, weil Nachnamen in Kneipen keine Rolle spielen, fläzt sich auf einen Sessel in der Ecke. Kupferlampen tauchen den Raum in schummriges Licht. Drei Männer sitzen am Tresen, pusten Tabakrauch in den Raum. „Ja, dann Prost, ne“, sagt einer und hält ein frisch gezapftes Bier in die Luft. „Ja, Prost“, sagt ein anderer, „Mann, Mann, Mann, auf den langen Tach, sach ich mal.“

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Feierabendbier-Durstige habe Udo im Druiden schon viele „versorgt“. Günni, den Hungerhaken, zum Beispiel, „so'n kleiner Vertretertyp, kam hier immer nach Feierabend her, Vollalki, aber supernett.“ Oder einen Riesenkerl, Name vergessen, „aber Hände wie Gullideckel“. Wenn der mit den Pranken auf den Tresen schlug, sagt Udo, „auweia, da hatte ich Angst, dass der gleich in tausend Teile springt.“

Der Druide soll ein Ort für alle sein. Jeder dürfe kommen, sagt Udo, mit Anzug, im Blaumann, egal. „Steht ja nicht auf der Stirn geschrieben, ob jemand 'n Arschloch ist oder nicht.“ Aber wer nicht „Bitte“ und „Danke“ sagt, der fliegt. „Und für Faschisten haben wir auch keinen Platz.“

Udo, „Baujahr 57“ und Bart bis zur Brust, wohnt oben, über dem Druiden. 1993 hat er den Laden unten gepachtet, 2012 dann das ganze Haus gekauft. Weit hat er es nicht, deshalb trägt er einfach Latschen, dazu Pullover und Jeans. In alten Akten habe er gelesen, dass das Haus von 1884 ist. Die Nachbarn vermuten, das Haus sei noch viel älter. Glaubt man Erzählungen, sagt Udo, sei der Druide nach dem Zum Lustigen Schuster im Viertel die zweitälteste Kneipe in Bremen.

Früher hieß sie noch anders. Wie genau, weiß Udo nicht. Seitdem er sie hat, heißt sie Druide. Mit Asterix und Obelix habe das aber nichts zu tun. Udo ist Geschichtsfan, sagt er, Schwerpunkt Germanen und Kelten. Kurz bevor er die Kneipe gepachtet hat, war Udo noch in Irland, „musste noch mal raus, bisschen ausspannen“. Auf seiner Reise, sagt er, in Limerick, um genau zu sein, habe er morgens in den Spiegel geschaut. „Ich seh‘ ja aus wie ein Druide“, habe er gedacht, „dann war der Name klar“.

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Druiden gehören zu den sagenumwobenen Gestalten des Altertums. Bei den Kelten hatten sie als Priester und Heiler – angeblich hatten sie Zauberkräfte – eine wichtige Stellung innerhalb der Stämme. Trifft auch auf Udo zu, kann man nicht anders sagen: Im Druiden ist er geachtetes Stammesoberhaupt, sozusagen Kneipenpriester. Und Heiler, sagt Udo, ist er ja irgendwie auch. In der Kneipe hat er Zaubertränke – Bier, Schnaps, all das. „Und stehste hinterm Tresen, biste so was wie´n halber Psychologe.“

Ob er schon immer einen Bart hatte wie ein Druide? „Bei der Geburt nicht“, sagt Udo und lacht in seinen Bierschaum, „kann mich zumindest nicht dran erinnern“. Einmal hat er ihn abrasiert, sagt er, sechs Millimeter, „komplette Katastrophe“.

Je später der Abend, desto voller wird es. Neue Gäste treten ein, Udo kennt fast jeden. „Ach, der Hausgeist“, rufen sie ihm zu, Udo hebt dann die Hand, „ein bisschen beliebt bin ich schon“, flüstert er und zündet sich die nächste Zigarette an.

Die meisten Gäste verdrücken sich in die hintere Ecke der Kneipe. Dort spielen sie Dart, „aber keine Daddelei, sondern professionell“. Mehrere Vereine üben hier und richten Turniere im Steeldart aus, werfen mit Metallpfeilen auf Scheiben, die nicht elektronisch zählen. „Bei Steeldart sach ich immer: Ein bisschen kommt das auch von Stil“, sagt Udo und lacht wieder, wie er das noch oft tun wird an diesem Abend. Sprache, sagt Udo, findet er richtig gut. „Kleine Spielereien, Wortwitze, machen doch direkt 'n fröhliches Gemüt.“

Früher war Udo Briefträger, „ein Knochenjob“. Er habe weggewollt von der Sechs-Tage-Woche. „Hat super geklappt“, sagt Udo. „Bin dann durch die Kneipe rauf auf sieben – vom scheißanstrengenden Job zum scheißanstrengenden Job.“ Seitdem sei viel passiert, Hochs und Tiefs im Wechsel, fast hätte der Druide dichtgemacht. Aber es gibt ihn noch, am Ende habe er dann doch eine Lösung gefunden, sagt Udo, „wie für fast alles in dem Laden und im Leben“.

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Die Liebesgeschichte zwischen Udo und dem Druiden ist auch eine Leidensgeschichte. Warum der Laden fast schließen musste, will Udo gleich erzählen. Erst mal sitzt er auf dem Trockenen. Und das, findet er, gehe im Druiden nun wirklich überhaupt nicht. „Machste mir noch mal bitte 'n Bier?“, ruft er dem Mann hinterm Tresen zu.

Zehn Jahre zog Udo den Druiden durch. Sieben Tage die Woche, Urlaub machte er so gut wie nie. Dann gab er den Laden ab, verpachtete ihn, arbeitete bei Airbus, „ab jetzt geregelte Arbeitszeiten“. War besser für die Ehe, sagt Udo, die er damals noch führte. Für den Laden aber war es das nicht: Der erste Nachfolger „rockte ihn runter“, der zweite starb an Tuberkulose. Der Druide stand vor dem Aus. Aber ein paar Stammgäste wollten ihn nicht gehen lassen. Udo erinnert sich noch an „die eine Nacht am Tresen“, sagt er, sieben Männer, sieben Bier, sieben Mal die Worte: Ohne den Druiden – ohne uns.

Zusammen beschlossen sie, einen Verein zu gründen, um die Kneipe zu retten. Mit Erfolg: In diesem Jahr feiert der Druide e.V. sein zehnjähriges Jubiläum. 74 Vereinsmitglieder hat die Kneipe, fünf Leute sind im Vorstand, Udo, klar, ist Vorstandsvorsitzender – das Druiden-Stammesoberhaupt. Jedes Mitglied zahle 60 Euro Beitrag im Jahr, Studenten und Rentner weniger. Die Einkünfte würden reichen, damit sich der Verein selbst trägt.

Ein Mann mit Warnweste und Zopf poltert in die Kneipe, hinter ihm zottelt ein schenkelhoher Hund durch die Tür. „Fritziiiiii, die alte Fluse“, bellt Udo und streichelt der Fluse übers Fell. Das ist wenig später überall, auf Udos Hose, in seiner Hand, auf dem dunklen Kneipenteppich. Hat er ein Glück, sagt Udo, dass er „den Kollegen morgen nicht wegsaugen muss“.

Udo ist jetzt Rentner. Deshalb ist er nicht mehr jeden Tag hier im Druiden, „ab und zu muss man auch mal Abstand haben.“ Aber die Kneipe ist und bleibt „sein Baby“, sagt er, der Traum des 36 Jahre alten Udos, sein Fluchtpunkt. „Deswegen hab ich hier immer heimlich ein Auge drauf.“ Er wolle nicht, dass der Druide zugrunde geht. „Walle braucht den“, sagt Udo. Und er, er brauche den Druiden auch.

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