Zahnarztpraxis in dritter Generation

Solide Wurzeln in Walle

Vor 100 Jahren wurde in Walle die Zahnarztpraxis Warnecke gegründet. Der erste Eintrag im Gewerbeverzeichnis fand sich jedoch nicht unter den Zahnärzten, sondern zwischen „Delikatessen“ und „Detektivbüros“.
14.09.2020, 05:00
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Von Anke Velten
Solide Wurzeln in Walle

Heinrich Warnecke gründete die Praxis 1920. Er war einer der ersten Dentisten und absolvierte später die Prüfung als Zahnarzt.

Roland Scheitz

Lokführer wäre auch ein schöner Beruf gewesen. So wie der Vater, der sich am hochmodernen Bremer Hafen zum ersten Lokomotivführer heraufgearbeitet hatte. Heinrich Warnecke verschlug es auf ganz andere Gleise, und er stellte damit die Weichen für die folgenden Generationen. Vor einem Jahrhundert begann in der Bremerhavener Straße die Chronik der Zahnarztdynastie Warnecke, und nicht nur in ungezählten Waller Gebissen hat die Familie ihre Spuren hinterlassen. Wie sich Walle, die Welt, Zahnmedizin und Gesundheitspolitik in dieser Zeit verändert haben: Darüber könnte Peter Warnecke ein dickes Buch schreiben. Doch wenn es jemals dazu kommen sollte, müsste er der Bedeutung solider Wurzeln ein besonders ausführliches Kapitel widmen.

Das Familienjubiläum war für ihn ein Anlass, in alten Fotos und Dokumenten zu stöbern und dabei die eine oder andere Entdeckung zu machen. Das offizielle Gründungsdatum war der 1. Oktober 1920, als der gerade einmal 22-jährige Heinrich „Heinz“ Warnecke sein Zahnatelier im Parterre des Elternhauses an der Bremerhavener Straße 61 eröffnete. Unter den rund 55 Zahnärzten, die Mitte der 1920er-Jahre in Bremen praktizierten, ist sein Name nicht zu finden – sondern weit entfernt davon, im Gewerbeverzeichnis zwischen „Delikatessen“ und „Detektivbüros“. Der junge Warnecke war einer der ersten staatlich anerkannten Dentisten. Der Lehrberuf erforderte jahrelange zahntechnische Ausbildung und praktische Erfahrung, und gestattete die Behandlung von Patienten – sehr zum Unmut der akademisch ausgebildeten Zahnärzte, die sich vehement gegen die Konkurrenz der „Gebissarbeiter“ wehrten. Erst 1949 machte eine staatliche Anordnung der Zwei-Klassen-Zahnmedizin ein Ende. Nach einer Fortbildung mit abschließender Prüfung durfte sich dann auch Heinz Warnecke offiziell als Zahnarzt bezeichnen.

WES Bremerhavener Straße Zahnarztpraxis Warnecke in Walle wird 100 Jahre alt Gespräch mit Peter Warnecke
Foto: Roland Scheitz

„Die Praxis lief sehr gut“, erzählt sein Enkel Peter Warnecke – so gut, dass sich die Familie in den 1930e-Jahren ein Wochenendhaus in Wildeshausen erlauben konnte. Das Refugium wurde besonders wertvoll, nachdem Wohnung und Praxis an der Bremerhavener Straße nach den Bombennächten im August 1944 dem Erdboden gleichgemacht waren. Heinz Warnecke behandelte seine Wildeshauser Patienten gegen Naturalien. „Als Honorar gab es dann ’ne Mettwurst, die mein Großvater in der Stadt eintauschte, um sich den Wiederaufbau leisten zu können.“ Sohn Axel, der die letzten Kriegsmonate an der Front überlebt und die amerikanische Kriegsgefangenschaft überstanden hatte, absolvierte ein Studium der Zahnmedizin in Heidelberg und trat Ende 1952 in die Praxis ein. Dass er vor Aufregung zunächst durch das Examen gefallen war, wird in der Familie bedenkenlos erzählt – denn sogar die Prüfer hatten viel Verständnis für den nervösen Kandidaten: „Als sie erfuhren, dass seine Frau gerade in den Wehen lag, durfte er das Examen kurz danach wiederholen.“

Und nun – um es kurz zu machen – wiederholt sich die Geschichte: Auch der Grund für all die Aufregung wurde später Zahnarzt und stieg nach dem Studium in Kiel 1978 als dritte Generation in die Praxis ein. Für zwei Zahnärzte sei das Haus zu klein, entschied Vater Warnecke, erwarb ein Trümmergrundstück an der Bremerhavener Straße 17 und ließ einen Neubau errichten, der 1979 bezogen werden konnte. Und man ahnt es fast schon: Auch die fünfte Warnecke-Generation arbeitet inzwischen als Zahnarzt. Sohn Henning übernahm allerdings nicht die Familienpraxis, sondern führt mit seiner Ehefrau und Kollegin eine Praxis in Ottersberg. Peter Warnecke hat sich vor einigen Jahren allmählich aus der Praxis zurückgezogen und sie seinem langjährigen Partner Rolf Weggen überlassen. „Ich bin immer mit Begeisterung Zahnarzt gewesen“, sagt Peter Warnecke, der seit 23 Jahren dem Bremer Landesverband des Freien Verbands Deutscher Zahnärzte vorsteht. „Und ich hatte hier in Walle so viele liebe und nette Patienten“.

WES Bremerhavener Straße Zahnarztpraxis Warnecke in Walle wird 100 Jahre alt Gespräch mit Peter Warnecke

Anlässlich des Jubiläums stöbert die Familie in alten Dokumenten und Fotos.

Foto: Roland Scheitz

Seit einem guten Jahrzehnt bewohnen Petra und Peter Warnecke die Wohnung über der mehrstöckigen Praxis, in der mehrere Zahnärzte und das angeschlossene Labor praktizieren, und sind auch sonst ganz dicht am Waller Geschehen geblieben. Seit Jahren engagiert sich Peter Warnecke für die CDU im Waller Beirat, und ist dort zurzeit als Sprecher des Fachausschusses für Kultur und Sport aktiv. Das lag nahe, denn in seinem persönlichen Werdegang ist die Verbindung zum Bremer SV ein Kapitel für sich. Im Alter von Mitte 40 begann er, der mit Fußball zuvor „nie was am Hut hatte“, eine Zweitkarriere als hoffnungsvoller Nachwuchskicker auf dem Dedesdorfer Platz. Vor 15 Jahren bot man ihm den Vorsitz an, „weil man wohl fand, dass dem Vereinsvorstand ein Doktortitel gut zu Gesicht stand“. Daher habe er sich besonders über einen Fund aus den BSV-Archiven gefreut, der dokumentierte, dass bereits sein Großvater ein Fan des Waller Fußballvereins gewesen sein muss. Früher Beweis: ein Inserat des Zahnateliers im BSV-Kurier aus dem Jahr 1926.

Es gäbe noch so viel mehr zu erzählen – zum Beispiel über die wichtige Rolle der selbstbewussten Warnecke-Frauen. Großmutter Christa zum Beispiel, die in der Praxis nicht nur die Buchhaltung, sondern auch das Regiment führte. „Da krachte es manchmal zwischen Mutter und Sohn“, erinnert sich Peter Warnecke. Charakterstärke und Temperament habe sie wohl von ihrem Vater geerbt: Rudolf Lange, der als Handelsgehilfe in einem Lebensmittelgeschäft arbeitete, wurde mehrfach als „Querulant“ und „Psychopath“ von der Gestapo inhaftiert. In Wirklichkeit, sagt sein Enkel, habe er sich offen kritisch über das kriegstreiberische Regime geäußert, das er für den Tod seines Sohnes an der Front verantwortlich machte. Weil er sich trotz der Einschüchterungsversuche nicht den Mund verbieten ließ, wurde der Waller im Juni 1944 ein letztes Mal festgenommen. Erst Jahre später erfuhren die Angehörigen, dass er Anfang 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen ums Leben gekommen sei, erzählt der Enkel. Auch sein Schicksal gehört zu den Wurzeln dieser Waller Familiengeschichte: Vor seinem Wohnhaus an der Waller Heerstraße 28 erinnert ein Stolperstein an Rudolf Lange.

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