Überseestadt im Fokus

Zeit für einen neuen Masterplan

Über den Entwicklungsstand und Perspektiven der Überseestadt in Bremen-Walle ist jetzt bei einem Bürgerdialog diskutiert worden. Dabei gab es auch kritische Töne.
29.03.2019, 20:34
Lesedauer: 3 Min
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Von Anke Velten

Der überwiegende Teil der Bewohner der Überseestadt lebt gerne in seinem Quartier. Doch noch fehlt manches, um das Neubaugebiet zum lebendigen Wohlfühlort für eine vielfältige Nachbarschaft zu verwandeln. Wie dieses Ziel erreicht werden kann, darüber wurde jetzt in einem sehr gut besuchten „Bürgerdialog“ im Schuppen 2 diskutiert. Fazit: Die Stadt hat es in der Hand, und sollte ihre Steuerungsmöglichkeiten besser nutzen.

Zum Thema „Leben und Arbeiten in der Überseestadt“ hatten das ansässige Unternehmernetzwerk Hafenklönschnack, die ökumenische Überseekirche und das Diakonische Werk Bremen eingeladen. Ausgangspunkt war ein aktuelles Stimmungsbild, für das Benedikt Rogge 115 Bewohnerinnen und Bewohner aller sozialen Schichten, Wohn- und Haushaltsformen befragt hatte. Auf der positiven Seite ergab die Umfrage eine große allgemeine Zufriedenheit – 80 Prozent aller Befragten bekannten, dass sie sich in der Überseestadt heimisch fühlen. Ganz oben auf der akuten Wunschliste standen bessere Einkaufsmöglichkeiten und Angebote zur Gesundheitsversorgung, die verkehrliche Anbindung sowie mehr Grünflächen. „Die Hälfte aller Befragten gab außerdem an, dass sie gerne mehr Kontakt zu ihren Nachbarn aufbauen würde“, berichtete der Pastor der Überseekirche, der gleichzeitig studierter Sozialwissenschaftler ist.

Und so etwas sei keineswegs nur eine Frage der Zeit, lautet die These von Marcus Menzl. Der Soziologe und Stadtplaner mit Lehrstuhl an der Technischen Universität Lübeck war eingeladen, um einen neutralen externen Blick auf die Entwicklung der Überseestadt zu werfen. „Quartiersaufbau muss mitgeplant werden“, konstatierte Menzl, doch in der Überseestadt habe er den Eindruck eines „Stückwerks“. Der soziale Lebenszusammenhang erfordere nicht nur klassische Angebote wie den Bau von Kindertagesstätten und Spielplätzen. Der Fokus müsse auch auf die Gestaltung von Freiräumen und Orten für Begegnungen gelegt werden. Im „Masterplan“ aus dem Jahr 2003 war die Entwicklung des alten Hafenquartiers vor allem als Dienstleistungs- und Gewerbestandort vorgesehen. „Doch jetzt ist es eine völlig andere Situation. Zeit für einen fortgeschrittenen Masterplan.“ Getrennte Blöcke für frei finanzierte und sozial geförderte Wohnungen förderten eine Polarisierung. „Wenn man das macht, entstehen Stigmatisierungen“, mahnte der Hochschulprofessor. Er empfahl den Verantwortlichen, den Bauträgern gegenüber „offensiver“ und „fordernder“ aufzutreten, um Einfluss auf die soziale Durchmischung zu nehmen und ein Umfeld für Vielfalt zu schaffen.

„Bei der Vergabe von Bauflächen wurde nicht an die gesellschaftliche Mitte gedacht“, ergänzte aus dem Publikum die stellvert­retende Waller Beiratssprecherin Cecilie Eckler-von Gleich (Grüne). Zwischen hochpreisig und sozial gefördert gebe es in der Überseestadt „keinen Platz für andere Wohnformen“. Zustimmung gab es von den beiden Bürgerschaftsvertretern im Podium. „Ein urbaner Ortsteil lebt von Durchmischung – Jung und Alt, Krankenschwester neben Chefarzt“, so Björn Tschöpe, Vorsitzender der SPD-Bürgerschaftsfraktion. „Wir müssen darauf achten, dass wir junge Familien in der Stadt halten“, betonte CDU-Landesgeschäftsführer Heiko Strohmann. Beim Problem der Nahversorgung müsse man nun „schnell zu Potte kommen“, versicherte Tschöpe. Verkehrlich würde die Straßenbahn für Entlastung sorgen, so Strohmann. „Das Grundproblem wird aber erst gelöst, wenn der Wesertunnel gebaut ist. Er würde 30 Prozent des Verkehrs ersparen.“

Mit der Bebauung des Europahafenkopfs verschwinde nun einer der wenigen Orte, an dem Veranstaltungen und Märkte den Ortsteil belebten, kritisierte eine Anrainerin. Die Waller Medienunternehmerin Brigitte ­Fischer-Panzlau plädierte für bessere Verbindungen des neuen Ortsteils an den Stadtteil Walle. Klaus Prahmann, Vertreter des inklusiven Wohnprojekts Blauhaus, erhofft sich von der Stadt mehr Unterstützung. Ein Vertreter des Kunst- und Kulturnetzwerks Zucker e. V. wünschte sich endlich vertragliche Klarheit über den Kauf des Bunkers an der Hans-Böckler-Straße. Die meisten der alten Hafengebäude, die die Künstler als Ateliers nutzen konnten, stehen nicht mehr, berichtete der Vereinssprecher. „Die Kunst wird immer mehr an den Rand gedrängt.“

„Die kleinen Kulturschaffenden, die diesen Stadtteil erst angeschoben haben“, könnten sich die Mietpreise nicht mehr leisten, bescheinigte auch Frank Bischoff, Sprecher des Vereins Hafenklönschnack. Wegen der Bebauung der letzten freien Flächen sinke die Aufenthaltsqualität im Quartier „erheblich“. Für den Geschäftsführer eines Kommunikationsunternehmens fehlt es an „Raum und Möglichkeiten für die Menschen in der Überseestadt“. An Senatsbaudirektorin Iris Reuther richtete er die Bitte, „wir aus der Überseestadt würden dabei gerne mitgestalten“.

Mit ihren 16 000 Arbeitsplätzen sei die Überseestadt ein Motor der Bremer Stadtentwicklung. „Hier verdient Bremen viel Geld.“ Doch die räumliche und soziale Infrastruktur habe mit dem rasanten Prozess nicht Schritt gehalten. Es sei zu beobachten, dass diverse spannende Unternehmen und gastronomische ­Adressen den Ortsteil wieder verlassen haben. Bischoff warnte: „Die Identifikation mit dem Standort sinkt.“

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