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Im Herzen des Internets

Mit tausenden Computern speichert die Firma Plutex die Daten von Bremer Unternehmen - auch in Zeiten der Pandemie. Angefangen hat die Geschichte viel früher mit einem einzigen Rechner in einem Kinderzimmer.
05.04.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Im Herzen des Internets
Von Jean-Pierre Fellmer
Im Herzen des Internets

Inhaber Torben Belz im Rechenzentrum der Firma Plutex – dem Herzstück des Unternehmens.

Frank Thomas Koch

Es ist dunkel. Der Raum hat keine Fenster, er ist nicht für Menschen gemacht. Das Licht geht an. Es rauscht, brummt und surrt – so laut, als würde man an einer Hauptstraße stehen. Schränke stehen in Reihen, die Gänge zwischen ihnen sind mit halbtransparenten Plastikwänden verkleidet. Der Anblick erinnert an ein Gewächshaus. Nur befinden sich hinter der Schiebetür keine Pflanzen, sondern Computer. Tausende von Rechnern sind in den Schränken untergebracht. Hier schlägt das Herz des Bremer Internets.

Dieser Raum ist einer von fünf, die das Rechenzentrum von Plutex bilden. Das Bremer Unternehmen ist ein sogenannter Managed- Service-Provider. Plutex bietet diverse IT-
Dienstleistungen an: Die GmbH mit Firmensitz in der Alten Tabakfabrik in Woltmershausen speichert und sichert Daten von Unternehmen, verwaltet diese, bietet Internetverbindungen per Richtfunk an und vieles mehr. Das Kerngeschäft von Plutex kann man sich so vorstellen: Wenn ein Unternehmen eine eigene Website starten möchte, sucht sie sich eine Werbeagentur. Die gestaltet die Seite, besitzt aber oft keine eigene Technik. Sie wendet sich an ein Unternehmen wie Plutex. Man kann das Bremer Unternehmen als eine Art Großhändler für Datenspeicherung verstehen.

Angefangen mit dem Commodore 64

Inhaber des Unternehmens ist Torben Belz. Der 44-jährige Bremer leitet zusammen mit Hendrik Lilienthal die Geschäfte. Er war schon immer an Technik interessiert. Eingestiegen ist er in den 80er-Jahren mit dem Commodore 64, einem der ersten Heimcomputer auf dem Markt. „Das war alles Handarbeit damals: Ich hab die Einzelteile gekauft und dann selbst zusammen geschraubt.“ Ab der siebten Klasse habe er auch seine Hausaufgaben am Computer gemacht. Später hat er Kommunikationselektroniker gelernt und Informatik studiert. Nach dem Studium hat er bei einem Unternehmen gearbeitet, das sein Geschäftsmodell umbauen und sich stärker auf DSL-Internetverbindungen konzentrieren wollte. Seine alte Firma wollte das Rechenzentrum loswerden, Belz hat es übernommen.

Gemeinsam mit drei anderen Mitarbeitern gründete er ein eigenes Start-up. Das war vor zwölf Jahren. Heute hat Plutex 25 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von etwa zwei bis drei Millionen Euro. Das Unternehmen wachse jährlich um zehn bis 15 Prozent.

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Plutex hat Kunden auf der ganzen Welt, die meisten sind jedoch aus Bremen. Oft sind es Business-to-Business-Beziehungen, Privatkunden habe das Unternehmen nur wenige. Auf ihren Servern sind die Daten von bekannten Bremer Marken gespeichert, etwa vom Verkehrsbund Bremen/Niedersachsen, der Brauerei Störtebeker, Arcelor Mittal, Hansewasser und vielen mehr. Damit die Informationen sicher sind, werden sie mehr als einmal gespeichert – und zwar in Echtzeit: „Wenn irgendwo eine Festplatte oder ein Server ausfällt, dann haben wir immer noch zwei Kopien davon, auf die wir live zugreifen können“, sagt Belz. Redundanz nennt der Informatiker das. Es gibt insgesamt fünf Rechenzentren, eins steht in Bielefeld. Es spiegelt die Daten aus Bremen. Sollte es eine Katastrophe in der Hansestadt geben und die Daten zerstört werden, existieren sie auf diese Art an anderer Stelle weiter.

Das Stichwort ist Sicherheit. Belz führt über den Hof der Alten Tabakfabrik zu dem Gebäude mit den Servern. Eine schwere Stahltür sichert das Rechenzentrum. Um sie zu öffnen, muss der Informatiker einen Türchip an einen Sensor halten und zusätzlich ein Zahlencode eingeben. Im Inneren läuft alles automatisch – nur wenn etwas defekt ist oder neue Server aufgestellt werden, betritt ein Techniker den Raum. Die einem Gewächshaus ähnelnde Konstruktion dient der Energieeffizienz, erklärt Belz: „Die Rechner müssen gekühlt und bei konstanter Temperatur betrieben werden, sonst wird die Hardware beschädigt.“

10.000 Server in fünf Räumen

Eine Klimaanlage speist über einen doppelten Boden kalte Luft von außerhalb des ­Gebäudes in das Innere das Gewächshauses ein. Dort erzeugen die Rechner Hitze, welche die Lüftungskühler wieder in den äußeren Raum leiten. Durch den Raum im Raum muss nur ein kleinerer Teil gekühlt werden. Das ist nicht nur umweltfreundlich, sondern spart auch Strom. Langfristig gibt es Überlegungen, auch die Abwärme zu nutzen, sagt Belz. Insgesamt stehen in allen fünf Räumen nämlich 10.000 Server. „Glücklicherweise ist nebenan das Umspannwerk, so wird die Stromversorgung günstiger.“ Aber selbst, wenn der Strom einmal ausfällt, laufen die Server weiter. Es gibt ein Notstromaggregat. „Unsere Computer rechnen autonom vier Tage weiter“, sagt Belz.

Zurück im Büro. An der Wand hängen Schwarz-Weiß-Fotografien von der Jubiläumsfeier vor zwei Jahren und eine Bilder-Collage von mehreren Mitarbeitern. Wegen der Coronavirus-Pandemie arbeiten alle im Homeoffice. „Nur ein Techniker ist immer vor Ort, falls ein Server ausfällt und ausgetauscht werden muss“, sagt Belz. Die Krise sei ein zweischneidiges Schwert: Einerseits gäbe es derzeit erhöhten Bedarf an Rechenpower, weil alle von daheim arbeiteten. Andererseits sei es unklar, wie lange die einzelne Kunden überleben könnten, wenn sie ihre Geschäfte nicht öffnen dürfen. Plutex gehe es derzeit jedoch gut.

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„Wir sind am Markt angekommen“, sagt Belz. Die Nachfrage sei konstant hoch. Wichtig sei die Nähe zum Kunden: „Wer bei uns seine Daten speichert, der hat immer die gleichen Ansprechpartner. Kunden sind hier nicht nur eine Nummer im System.“ Vier Stunden dauere die Reparatur eines Servers höchstens, sagt Belz. Davon merke der Kunde oft nichts, wegen der Redundanz des Systems. Eine weitere Besonderheit des Unternehmens seien die individuellen Lösungen, die Plutex anbiete. Bei größeren Rechenzentren gebe es etwa drei Tarife und nur wenig Spielraum für Kundenwünsche.

Plutex wächst. Bei der Frage, wo die Reise der Unternehmens hingehen soll, hält der Informatiker kurz inne. Was er nicht möchte, ist Wachstum ohne Skrupel – die Geschäftszahlen sollen nicht der einzige Maßstab sein. In die kaufmännische Geschäftsführung habe er sich mit der Zeit rein gearbeitet, eigentlich sei er ja gelernter Techniker. In vielen Bereichen hätten seine Mitarbeiter mittlerweile größeres technisches Wissen als er. Aber um einen Bereich, die Datenspeicherung, kümmere er sich noch immer selbst. Das ist sein Steckenpferd. „Da bin ich auf aktuellem Stand und kann noch immer mitreden“, sagt Belz. Denn trotz des Geschäfts: Die Begeisterung für die Technik ist geblieben.

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