Initiative Familienhandwerker Bremerin bietet getrennt lebendem Elternteil kostenlose Unterkunft

Kristin Falk bietet einem getrennt lebenden Vater aus einer anderen Stadt für Besuche seines Kindes kostenlos eine Übernachtungsmöglichkeit. Sie macht über die Initiative "Familienhandwerker" gute Erfahrungen.
16.08.2022, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremerin bietet getrennt lebendem Elternteil kostenlose Unterkunft
Von Ulrike Troue

Ihr Einsatz sei minimal im Vergleich zu dem Gewinn, findet Kristin Falk. "Ich investiere nichts, riskiere nichts und verliere nichts, außer dass ich jemanden willkommen heiße, der für eine gewisse Dauer etwas Unterstützung benötigt", sagt die 44-jährige Woltmershauserin.

Vor etwa drei Jahren hat sich Kristin Falk der Initiative "Familienhandwerker" angeschlossen und stellt auf deren Vermittlung einem getrennt lebenden Elternteil kostenlos ein Gästebett zur Verfügung. Dadurch kann seit zweieinhalb Jahren ein in Hanau lebender Vater regelmäßig seine Tochter in Bremen besuchen. Das sei für ihn sowie das Kind ein großes Glück. "Für mich steht im Vordergrund, dass ein Kind beide Eltern sehen kann", begründet die Mutter ihr Engagement. 

Und das empfindet Kristin Falk ebenfalls als persönlichen Gewinn. Denn der ehemals Fremde sei für sie und ihre Tochter, mit der sie ihre Gastgeberinnenrolle ausführlich besprochen habe, inzwischen ein "willkommener Bekannter" geworden. Wenn beide Seiten offen aufeinander zugingen, sich an die Regeln hielten, einen respektvollen Umgang miteinander pflegten und Grenzen respektierten, habe jeder etwas davon, schildert sie ihre Erfahrung.  

Inzwischen tauscht sich die 44-Jährige gern mit ihrem "Dauergast" aus. So nehmen beide Anteil am Schicksal des anderen. "Wir essen und frühstücken gemeinsam, wenn die Zeit es erlaubt, manchmal spielen wir auch alle drei gemeinsam", beschreibt Kristin Falk den typischen Ablauf der Stippvisite, die meistens am Freitagabend beginnt und am Sonnabend endet. Damit das Miteinander mit einem Fremden funktioniere, habe sie klare Regeln aufgestellt, die der zeitweise Bewohner des Gästezimmers unter dem Dach voll respektiere. Zumal es nur ein Bad und eine Küche gebe.

Kristin Falk weiß aus ihrer Biografie, wie sehr ein Kind unter dem Fehlen eines Elternteils leide. Sie sei 2011 mit ihrem Ehemann aus beruflichen Gründen aus Wismar nach Bremen gezogen. Seit dem Tod ihres Mannes vor sechs Jahren lebt die Leiterin der Bremer Elterngeldstelle allein mit ihrem Kind in einem gepflegten Endreihenhaus über drei Etagen in Woltmershausen, Garten inklusive.

"Wir haben so ein riesengroßes Haus, und oben herrscht oft Leerstand", erinnert sie sich an ihre ersten Überlegungen für eine weitere Nutzung, obwohl ihre Familie häufig zu Besuch komme. Au-Pairs schieden für die Mutter aus. "Ich will keinen permanenten Wechsel haben." Ebenso wenig eine dauerhafte Einquartierung, bekennt Kristin Falk.

"Es muss Zufall gewesen sein, dass ich einen Flyer in die Hand bekommen habe", berichtet die 44-Jährige. Erst einige Zeit später habe sie sich im Internet genauer über die "Familienhandwerker" in Trägerschaft der gemeinnützigen Gesellschaft "Flechtwerk 2+1" informiert. Getrennt lebenden Eltern werden verlässliche ehrenamtliche Gastgeber für eine gewisse Übergangsphase vermittelt. Für viele sei dies finanziell und emotional eine große Herausforderung. Für Bremen und das Umland sind nach Auskunft von Community Managerin Julia Hinnenberg etwa 15 bis 20 Ehrenamtliche registriert, weitere würden wegen knapper Ressourcen ständig gesucht.

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Das trifft auch auf Kristin Falks Wochenend-Papa zu. Er hat 2019 in Absprache regelmäßig einmal im Monat das Gästezimmer im dritten Stock belegt, inzwischen sei er eher seltener in Bremen. "Das macht einen richtig traurig", gesteht die Gastgeberin. "Aber wir telefonieren, sind ständig in Kontakt."

Die Verlässlichkeit und gleichzeitige Unverbindlichkeit ist für Kristin Falk das wichtigste Argument, sich in dem Netzwerk listen zu lassen. Sie konnte genau angeben, was sie anbieten und sich vorstellen könne, sagt die 44-Jährige; zum Beispiel, ob auch das Kind mit übernachten könne. Die Termine würden beide Parteien direkt miteinander ausmachen, der Gast müsse sich somit nach ihr richten. Dass er Bettzeug, Handtücher und Kultursachen mitbringen und sich selbst verpflegen muss, gehört zu den Standardvorgaben der Initiative. Die Nutzung des Kühlschranks oder die Lagerung einer Spielzeugkiste indes werden individuell abgesprochen. 

Wenn ein Elternteil eine kostenlose Unterkunft in Bremen sucht, übermitteln die "Familienhandwerker" ehrenamtlich Engagierten die Kontaktdaten. Auf dessen Anruf folgt ein persönliches Treffen an einem neutralen Ort. Bei der ersten Anfrage habe die Chemie nicht gestimmt, erzählt Kristin Falk. Ihr Angebot konnte sie problemlos zurückziehen. Beim zweiten Anlauf habe sie gleich gespürt, "das ist die richtige Entscheidung", sagt sie. Der sympathische, fürsorgliche und aufmerksame Vater habe "gleich so viel erzählt, dass wir schon abends zusammen gegessen haben". 

Info

Steckbrief

Verein/Projekt:

"Flechtwerk 2+1" / Projekt Familienhandwerker (ehemals "Mein Papa kommt", "Meine Mama kommt")

Engagementbereich:

Unterstützung von Kindern mit zwei Elternhäusern sowie getrennt lebenden Eltern, die in verschiedenen Wohnorten leben

Aufgabe:

als ehrenamtliche Gastgeberin oder Gastgeber ab 18 Jahren in Bremen einem besuchenden Elternteil kostenlos ein Gästebett oder eine Schlafcouch zur Verfügung stellen und Verständnis für die Vielfalt von Familienformen zeigen

Zeitaufwand:

über einen gewissen Zeitraum in der Regel zwei kostenfreie Übernachtungen pro Monat anbieten, zumeist am Wochenende, Terminvereinbarungen nach individueller Absprache

Kontakt:

Julia Hinnenberg, Community Managerin

Telefonnummer: 089 / 92 92 71 01

E-Mail: community@die-familienhandwerker.de

Internetadresse: https://die-familienhandwerker.de

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