Eiskalte Vergänglichkeit

Woltmershausen. Luzia Maurer mag's eiskalt. Eiskalt und nass. Da ist die Woltmershauserin nicht zimperlich. Aber wählerisch. Denn erst wenn es frostig-feucht ist, taugt der Stoff, aus dem ihre Skulpturen sind. Nur dann ist er so, wie sie ihn braucht: klebrig, backig, formbar. Schnee.
10.01.2010, 13:50
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Eiskalte Vergänglichkeit
Von Christian Weth

Woltmershausen. Luzia Maurer mag's eiskalt. Eiskalt und nass. Da ist die Woltmershauserin nicht zimperlich. Aber wählerisch. Denn erst wenn es frostig-feucht ist, taugt der Stoff, aus dem ihre Skulpturen sind. Nur dann ist er so, wie sie ihn braucht: klebrig, backig, formbar. Schnee. Auch wenn er in Massen und überall zu finden ist, gestaltet die Kulturpädagogin und Kunsttherapeutin nicht irgendwo. Sie stapft auf den Friedhof. Wer Vergänglichkeit greifbar machen will, für den gibt es eben keinen besseren Ort. Und kein besseres Material.

Es ist eine eisige Arbeit. Eine, die im Nu erst rote, dann violette Finger macht. Maurers Skulpturen entstehen nämlich in reiner Handarbeit, buchstäblich: Keine Schaufel, keine Bildhauer-Werkzeuge, nicht mal Fäustlinge trägt die 30-jährige Kunstschaffende. 'Der Schnee muss angetaut werden, um ihn modellieren zu können', sagt sie. Also Handschuhe aus und die nackten Finger immer wieder ins kalte Weiß gesteckt. So lange, bis das Ergebnis zufriedenstellend ist.

Und das kann dauern. Für einige Figuren hat sie eine Stunde gebraucht, für andere das Doppelte - 'mindestens'. Wie viel Zeit eben so vergeht, ehe eine mannsgroße Skulptur aus Schnee fertig ist. Maurer hat sie nicht nachgemessen, aber: 'Vielleicht sind die Figuren auch ein bisschen größer.' Die meisten liegen, andere sitzen oder lehnen an einem Baum als würden sie rasten oder schlafen. Fast alle haben menschliche Züge. Auch eine Katze ist dabei, das erste Maurersche Frost-Objekt.

Fast täglich neue Skulpturen

Fast täglich ist sie mittlerweile auf dem Friedhof in Woltmershausen. Und fast täglich kommt eine neue Skulptur entlang der Besucherwege hinzu. Bis vergangenen Freitag hatte es die Kunsttherapeutin auf ein halbes Dutzend gebracht. Auch das Wochenende ist fest fürs Modellieren eingeplant. Schließlich haben die Meteorologen landauf, landab beste Bedingungen für ihre kurzlebige Form der bildenden Kunst angesagt. Vor allem Nachschub an Schnee. Viel Schnee.

Wie viele Skulpturen noch folgen sollen, macht sie von anderen abhängig: von Tief 'Daisy' vor allem, aber auch von der Friedhofsverwaltung. 'Wenn mir gesagt wird, es ist genug, dann höre ich auf.' Schließlich seien die Schnee-Figuren bloß ein spontaner Einfall. So spontan, dass sie niemanden um Erlaubnis gefragt hat. Es sei ja auch keine Ausstellung, kein Happening im herkömmlichen Sinn. Sondern nichts weiter als eine kleine Demonstration der Vergänglichkeit.

Und wie es in der Natur der Sache liegt, kann es mit der schnell vorbei sein. 'Wenn nicht morgen, so doch schon nächste Woche', mutmaßt Maurer. Manche Figuren lassen sich schon jetzt zum Teil nur noch erahnen. Mal hat Neuschnee sie über Nacht zugedeckt, mal hat der Wind ihnen eine andere Form verliehen. Beides ist Teil von Maurers Schau der Endlichkeit. Darum bessert sie auch nur gelegentlich einen Arm, ein Bein, einen Rumpf des gefrorenen Wassers wieder aus.

Wie aus dem Zeichenblock

Auf dem Friedhof - wen wundert's - hat sie noch nie Arbeiten gezeigt. Und noch nie mit der flüchtigen Materie Schnee modelliert. Maurer gestaltet eigentlich auf Papier und Pappe, wahlweise mit Graphit, Kohle, Kreide oder Pastell. Einige Figuren zwischen den Gräbern sehen denn auch aus, als seien sie geradewegs ihrem Zeichenblock entsprungen: Manche Gliedmaße sind verrenkt, Details mal angedeutet, mal hervorgehoben - wie bei Egon Schiele.

Doch nicht nur expressionistische Zeichnungen, auch Installationen und Performances gehören zu Maurers Arbeiten. Zu sehen waren sie in der Villa Ichon, im Kulturladen Huchting, im Nationalmuseum Kirgisistans. Einmal auch querbeet in den Straßen der Hansestadt, als die Woltmershauserin ihren Alltag in einem Drahtgeflecht bestritt, das sie sich über Kopf, Schultern, Bauch und Armen gestülpt hatte. 'Living Identity' lautete damals das Motto. Das freie Leben, das an seine Grenzen stößt.

Jetzt, auf dem Friedhof von Woltmershausen, heißt das Motto schlicht 'Nichts ist für die Ewigkeit'. Das sieht jeder, und das sofort. 'Nähere Erläuterungen braucht es nicht', meint Luzia Maurer. Das Thema erkläre sich quasi von selbst. Darum hat sie ihren Schnee-Objekten auch keine Namen gegeben oder irgendwelche Titel angeheftet. Wozu auch? Sind sie doch schon morgen, was sie sein sollen: Schnee von gestern.

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