Flüchtling aus Afghanistan findet Anschluss

Fußball verbindet

Khalidin Alizadeh ist 2015 aus Afghanistan geflüchtet, inzwischen hat er in Bremen Fuß gefasst. Das ist auch das Verdienst des TS Woltmershausen, der Sportverein vermittelte ihm einen Ausbildungsplatz.
21.02.2020, 18:02
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Markwort
Fußball verbindet

Khalidin Alizadeh (mit Ball) fühlt sich in der dritten Mannschaft des TS Woltmershausen sehr wohl.

Christian Markworth

Wenn Khalidin Alizadeh seiner großen Leidenschaft nachgehen möchte, muss er zunächst Geduld haben. Zweimal in der Woche ist der 23-Jährige erst 40 Minuten mit dem Zug von Blumenthal aus zum Bremer Hauptbahnhof unterwegs, dann braucht er noch einmal etwa 30 Minuten, ehe er die Sportanlage des TS Woltmershausen erreicht. Dort ist er als Torhüter der dritten Mannschaft in der 1. Kreisklasse aktiv – und nimmt die lange Anfahrt gerne in Kauf. „Ich freue mich auf das Training und die Gemeinschaft“, sagt er lächelnd, „das Team ist in den vergangenen zwei Jahren zu einer Art Ersatzfamilie für mich geworden.“

Im Dezember 2015 flüchtete Alizadeh aus seinem Heimatland Afghanistan nach Deutschland, und im Oktober 2016 heuerte er bei den „Pusdorfern“ an. Seit mehr als drei Jahren schon kümmert sich die dritte Herrenmannschaft des Vereins um Sportler aus Afghanistan und mehreren westafrikanischen Ländern. „Fußball ist ein Element, das verbindet“, erklärt Astrid Touray, Mitglied im TSW-Vorstand, „wir unternehmen viel, um als Team zusammen zu wachsen, uns gegenseitig zu stärken und den Spielern in Bremen eine neue Heimat zu geben.“ Für den Torhüter suchte Touray nach einer geeigneten Arbeit – und wurde fündig. Im April 2018 wurde beim TSW in Kooperation mit dem Ausbildungsförderungszentrum Bremen eine Informationsveranstaltung zum Thema „Einstiegsqualifizierung“ (EQ) angeboten. Dabei erfuhr Khalidin Alizadeh von der EQ zum Einzelhandelskaufmann. „Wir haben damals mit ihm zusammen die Bewerbung geschrieben“, erinnert sich Touray, „und dann hat alles ganz wunderbar geklappt.“ Alizadeh absolvierte zunächst sein EQ-Jahr in einem traditionsreichen Café in der Bremer Innenstadt und begann dort im vergangenen Jahr die Ausbildung. „Sein Charme und seine freundliche Art haben ihm dabei bestimmt geholfen“, ist Touray überzeugt.

Neben dem Jobcenter unterstützte den Neu-Bremer auch der Verein TS Woltmershausen, der 2018 mit dem Integrationspreis des Bremer Fußball-Verbandes (BFV) ausgezeichnet worden war. „Das Ziel des TSW ist es, die Vielfalt der Menschen in unserem Stadtteil in unserem Verein widerzuspiegeln“, verdeutlicht Astrid Touray das Engagement. „Wichtig ist uns, dass jeder, der möchte, bei uns Sport treiben kann. Kein Kind und kein Jugendlicher soll wegen geringer Einkommen oder sprachlicher Probleme ausgeschlossen sein.“ Dadurch seien in jüngster Zeit viele neu zugewanderte Menschen zum Verein gestoßen, so Touray weiter. „So etwas spricht sich schnell herum, und es folgten ganze Familien.“ Zudem habe der TSW einigen Spielern dabei helfen können, ihren Aufenthaltsstatus zu verbessern. „Wir haben entsprechende Netzwerke“, verdeutlicht Astrid Touray, „wir wissen, wo die Betroffenen Beratung bekommen können.“

Neben der Eingewöhnung in seine neue Umgebung hatte Alizadeh zunächst mit der neuen Sprache zu kämpfen. Elf Monate lang besuchte er jeden Sonnabend eine Sprachschule und büffelte unentwegt. Mittlerweile hat er den Level „C I“ erfolgreich beendet, auch auf dem Fußballplatz ist das zu merken. „Am Anfang musste er lernen, die Mannschaft vom Tor aus anzuweisen“, sagt Touray, „aber das ist inzwischen viel besser geworden.“

Der 23-Jährige sei „offen, sagt seine Meinung, hat zwar nicht viel Erfahrung als Torwart, ist aber absolut bereit, stets dazu zu lernen“, führt die Koordinatorin des Projektes „Sport Interkulturell“ des Landessportbunds Bremen (LSB) weiter aus. Neben seinem Ehrgeiz zeichne Alizadeh dessen Geduld und Beharrlichkeit aus. Nachdem er zunächst als Praktikant und anschließend über die Qualifizierungsmaßnahme in den Beruf des Einzelhandelskaufmanns hinein geschnuppert hatte, übernahm ihn sein jetziger Chef ohne Umschweife. Alizadehs Ziel ist es nun, im Sommer 2022 die Lehre erfolgreich abzuschließen – um dann möglichst im Restaurant seines Ausbildungsbetriebs übernommen zu werden. Khalidin Alizadeh brauche laut Astrid Touray „nicht so viel Unterstützung, er hat seine Mama, seinen Bruder und dessen Familie hier.

Andere Spieler kamen ganz allein und brauchten deutlich mehr Hilfe.“ Mehrere Schutzsuchende hätten einen geeigneten Wohnraum gefunden, den Umzug mitgemacht, Fahrräder organisiert, Praktikumsplätze gesucht, Bewerbungen geschrieben. „Sie helfen den Anderen bei Problemen mit dem Jobcenter“, freut sich Touray über die vielen engagierten Flüchtlinge beim TSW. „Integration als das Gestalten des Miteinanders ist stets in Bewegung“, betont Touray, „das Ankommen ist bei unseren Spielern Jahre her, jetzt geht es um das Zusammenleben und die Teilnahme am Alltagsleben.“

In seinem persönlichen Alltag hat Alizadeh mittlerweile zahlreiche Unterschiede zwischen seinem Heimatland am Hindukusch und seiner neuen Heimat an der Weser ausgemacht: „In Deutschland ist das Leben viel sicherer und einfacher“, sagt er, „hier kann man alles machen und erreichen, was man will.“

Lediglich an das Wetter müsse er sich noch gewöhnen, verrät Alizadeh, „hier regnet es sehr oft, und es ist immer sehr kalt.“ Für die Zukunft wünscht sich der 23-Jährige den Aufstieg mit seiner Mannschaft, außerdem würde er seine Verlobte gerne zu sich holen. „Saaide ist 21 Jahre alt und lebt noch im Iran“, erklärt er, „wir sind seit zwei Jahren verlobt, und ich vermisse sie sehr.“ Zudem würde er sich über einen zweiten Torhüter in seiner Mannschaft freuen, schließlich belebe Konkurrenz das Geschäft. Über Probleme bei der Verständigung mit seinen Mitspielern habe Alizadeh noch nie geklagt. „Im Fußball sprechen wir alle dieselbe Sprache“, sagt er, „ganz egal, ob man aus Afrika, Afghanistan oder sonst woher kommt.“

Beim TS Woltmershausen heuern bereits seit vielen Jahren regelmäßig neue Schutzsuchende an. Vorstand, Trainer und Betreuer haben laut Astrid Touray bis auf wenige Ausnahmen „immer gute Erfahrungen gemacht“. „Wir haben inzwischen in allen Mannschaften Spieler mit Fluchterfahrung“, konkretisiert sie, „und würden uns riesig freuen, wenn wir in der dritten Mannschaft auch Menschen begrüßen könnten, die hier geboren sind.“ Das würde in ihrem Verständnis von „Integration über den Sport“ als Paradebeispiel dienen.

„Mohmmad Reza Hosseini ist unser Trainer, ältester Spieler und Mannschaftskapitän“, erläutert Astrid Touray, „er hat zahlreiche Trainerlizenzen und trainiert seit zwei Jahren auch eine F-Jugendmannschaft.“ Neben deutschen Spielern für die dritte Mannschaft sucht der TSW außerdem deutschsprachige Trainer. Interessierte können sich auf der Internetseite ts-woltmershausen.de ausführlich informieren.

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