Tabakquartier Woltmershausen

Grünes Band statt Barriere

Jetzt sind die Bürger am Zug im Tabakquartier: Während einer Projektwerkstatt durften sie mitreden und Wünsche äußern. Viel Lob gab es für eine grüne Idee.
14.11.2018, 17:49
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel
Grünes Band statt Barriere

Am Stadtmodell diskutieren Menschen aus Woltmershausen mit Volker Rathje (hinten Mitte) vom Hamburger Stadtplanungsbüro Elbberg über die Chancen im Tabakquartier.

Teichfischer

Der Turm vom Heizwerk der ehemaligen Zigarettenfabrik Martin Brinkmann ist neuerdings abends blau angestrahlt. Das sehen viele Woltmershauser als deutliches Signal dafür, dass es tatsächlich endlich losgeht mit dem versprochenen Neustart im Tabakquartier. Und sie wollen mitmachen. Zur ersten Planungswerkstatt folgten daher am Dienstagabend etwa 250 Bürger dem Aufruf der Stadt, sich an der Entwicklung des 55 Hektar großen Areals zwischen den Bahngleisen, Hermann-Ritter-Straße, Hempenweg und Senator-Apelt-Straße mit eigenen Anregungen zu beteiligen.

Die Planer haben zunächst in den Produktionshallen der Zigarettenfabrik eine völlig neue Idee vorgestellt: Ein lang gezogener Park entlang der Bahnlinie Bremen-Oldenburg soll Woltmershausen künftig optisch, aber auch gedanklich besser mit der Innenstadt und Huchting verbinden. „Gleispark“ nennt Freiraumplaner Moritz Möllers das Vorhaben, die vorhandenen Wallanlagen und den Landschaftspark Ochtum miteinander durch ein grünes Band zu verknüpfen, das besonders ausgeprägt entlang des Tabakquartiers verlaufen soll. „Die starken Barrieren, die die Bahntrasse und Hochstraße, aber auch weitere Verkehrsflächen heute darstellen, sollen durch viel Grün und eine bessere Aufenthaltsqualität aufgeweicht werden“, erklärt der geschäftsführende Gesellschafter des Hamburger Büros Bruuns und Möllers Landschaften.

Erweiterung des Bahntunnels?

Auf diese Weise könne der Park „zum Motor der weiteren Entwicklung des Areals werden“, betonte Volker Rathje vom Hamburger Stadtplanungsbüro Elbberg, das im Auftrag der Stadt Bremen federführend mit den Landschaftsplanern und dem Bremer Planungsbüro BPR den Masterplan für das vordere Woltmershausen erstellt. Für den geplanten Park gab es aus dem Stadtteil viel Lob und Zuspruch bei der späteren Diskussion an verschiedenen Modellen, Luftbildern und Grafiken. „Ich nehme mit, dass wir die Idee weiterverfolgen sollten, das Quartier entlang des Gleisparks zu entwickeln“, bilanzierte Rathje hinterher die Rückmeldungen.

Besonders brennend interessierten sich die Woltmershauser für Antworten der Planer auf die vorhandenen Verkehrsprobleme im Stadtteil. Keinesfalls ist erwünscht, dass die neuen Bewohner die ohnehin schwierige Situation an den beiden Engpässen Pusdorfer Tunnel und Kreuzung Carl-Francke-Straße noch verschlimmern. Eine mögliche Erweiterung des Bahntunnels wurde heftig diskutiert. „Da sind wir dran, aber das wird ein richtig dickes Brett, das es da zu bohren gilt“, sagte Verkehrsplaner Jens Wittrock vom Planungsbüro BPR dazu. Das gleiche gilt wohl auch für einem gewünschten Sprung über die Gleise oder unter ihnen hindurch zwischen dem neuen Tabakquartier zum Neustadtsgüterbahnhof.

Verkehrsentlastung gewünscht

Auch ein weiteres Ärgernis schilderten zahlreiche Woltmershauser: Laster, die auf dem Weg zum GVZ durch Wohnstraßen fahren anstatt die Autobahn 281 zu nutzen. „Diesen Lkw-Fremdverkehr müssen wir fernhalten, ohne die Erreichbarkeit der ansässigen Unternehmen zu gefährden“, formulierte Wittrock sein Ziel. Außerdem soll ein Mobilitätskonzept mit guten Angeboten für Fußgänger und Radfahrer sowie eine gute Anbindung an das städtische Busliniennetz dazu führen, dass nur wenige im Tabakquartier regelmäßig mit dem Auto Strecken zurücklegen. Immer noch im Rennen – wenn auch unkonkret – bleibt auch der Vorschlag, die Straßenbahn wieder nach Woltmershausen zu holen.

Großer Wunsch der Anwesenden war eine gute Durchmischung des neuen Quartiers. Keine langweilige Einheitsarchitektur in Würfelform wie sie auf dem Stadtwerder und in weiten Teilen der Überseestadt bemängelt wurde. Außerdem solle es eine bessere Mischung der Bewohnerschaft geben. „Wir haben auf diesem großen Gelände mehrere Einzelquartiere im Blick, die ihren ganz eigenen Charakter erhalten können mit gemischter Architektur“, versicherte Rathje. Nur über die gewünschte Höhe der Gebäude herrschte Uneinigkeit: Während die einen sich auch für höhere Häuser aussprachen, wünschten sich andere eher eine kleinteilige Bebauung.

Um Rücksichtnahme baten viele derjenigen, die heute schon auf dem Gelände wohnen oder dort einen Gewerbebetrieb haben. Die Betriebe müssten gut angebunden bleiben, und die neuen Verhältnisse dürften nicht zu Vertreibungen oder Erschwernissen führen, die existenzbedrohend sind. Die zum Teil widersprüchlichen Interessen überein zu bringen, sei nun die große Aufgabe der Planer, sagte die Moderatorin des Abends, Franziska Lehmann.

Ähnlich bedeutend wie Überseestadt und Galopprennbahn

Die Eigentümer des Brinkmann-Geländes, Clemens Paul und Joachim Linnemann, zeigten sich ebenso wie Senatsbaudirektorin Iris Reuther beeindruckt von der großen Resonanz auf die Bürgerbeteiligung. „Das Projekt hat in der Stadt eine ähnliche Bedeutung wie die Überseestadt oder die Galopprennbahn“, versicherte Reuther auf Nachfrage. Die alleinige Größe und zentrale Lage des Areals, aber auch die Chance, innovative Arbeitsplätze mit neuen Wohnkonzepten zu mischen, sei das Besondere am Tabakquartier.

„Der großartige historische Gebäudebestand ist ein Pfund, mit dem Woltmershausen hier wuchern kann“, so Reuther. Für die Menschen, die mit dem Niedergang des Gaswerks und der Tabakfabrik zahlreiche Arbeitsplätze verloren hätten, sei ein positiver Neustart an diesem Ort wichtig. „Und das spürt man heute Abend, dass die Menschen froh und aufgeschlossen sind, hier etwas mitzuentwickeln“, lobte die Senatsbaudirektorin die konstruktiven Gespräche des Abends.

„Alles, was heute Abend an Anregungen und Wünschen geäußert wurde, nehmen die Planer mit und berücksichtigen sie soweit möglich“, erklärte Jutta Bettin aus der Baubehörde den weiteren Ablauf. Im kommenden Frühjahr seien die Bürger dann erneut gefragt, Rückmeldung zu den Konzepten zu geben. Im Sommer soll der Masterplan dann fertig sein.

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