Auszeichnung für Masterarbeit Welche Potenziale ein Bremer Student für Woltmershausen sieht

Ein Bremer Student ist für seine Masterarbeit ausgezeichnet worden. Darin beschäftigt er sich mit Ideen rund um die Stadtentwicklung in Woltmershausen.
04.11.2019, 08:23
Lesedauer: 5 Min
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Von Leoni Hentschel

Eine weitere Weser-Fähre, eine Uferpromenade, ein Pusdorfer Kajenmarkt, eine Badeinsel in der Weser, ein Studentenwohnheim – diese und noch weitere Ideen sind Teil der Masterarbeit von Roman Balzer, die nun mit dem Karl-Engeland-Preis ausgezeichnet worden ist. Jedes Jahr würdigt diese Auszeichnung die besten Abschlussarbeiten aus den Studiengängen Architektur und Bauingenieurwesen an der Hochschule Bremen. Gestiftet wird der Preis von der Familie des Bauunternehmers und Förderers der Hochschule Bremen, Karl Engeland. Aus insgesamt 30 eingereichten Arbeiten musste sich die Jury dieses Jahr für die Besten entscheiden.

Balzer ist einer der Gewinner, der sich mit seiner Masterarbeit „Flussaufwärts – Impulsgebung für eine nachhaltige Quartiersentwicklung in Woltmershausen“ durchsetzen konnte. Auch zwei Bachelorarbeiten über Auswirkungen eines fahrerlosen Bussystems, das die Straßenbahn in der Obernstraße ersetzen könnte sowie eine Arbeit über Sharing-Konzepte für die Neue Vahr wurden ausgezeichnet.

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„Ich habe nicht damit gerechnet, den Preis zu gewinnen, aber ich freue mich total“, sagt Balzer. Für sein Projekt hat sich der 34-Jährige auf das Gewerbegebiet Hohentorshafen in Woltmershausen fokussiert, das sich zunächst als eine Herausforderung dargestellt hat. „Das Gebiet ist durch die viel umliegende Industrie eigentlich völlig ungeeignet“, sagt Balzer. „Ein Holzhandel und ein Metallverarbeitungsbetrieb belegen fast 80 Prozent der Fläche.“

Die Industrie sei es jedoch auch, die Roman Balzer in seine Quartiersentwicklung mit einbeziehen möchte. „Mein Ziel war es, einen kreativ produktiven Stadtteil zu entwickeln. Ich möchte nicht gegen, sondern mit der Industrie arbeiten, um die Stadtstruktur aufzuwerten“, sagt er. Dazu siedelt Balzer in seinem Konzept zum Beispiel ein Studentenwohnheim mit mehr als 100 Wohnheimplätzen auf einem ehemaligen Firmengelände an. Es soll einerseits helfen, den Mangel an Unterkünften für Studierende zu decken, aber auch für Belebung des Stadtteils sorgen. Das Gewerbegebiet soll außerdem durch ein Forschungszentrum für das Handwerk ergänzt werden, sodass eine Vernetzung zwischen Wissenschaft und der örtlichen Industrie entsteht. „Dort können beispielsweise Seminare angeboten werden“, sagt der Preisträger.

Uferpromenade zum Lankenauer Höft

Während der Master-Absolvent die ersten Ideen für seine Arbeit entwickelt hat, ist er bei seiner Recherche auf weitere leere Bauflächen gestoßen, die er in sein Projekt integrieren wollte. Besonders im Uferweg entlang der Weser sieht Balzer Potenzial zur Aufwertung. Unter anderem verschiedene Gastronomen sollen dafür sorgen, dass eine Uferpromenade entsteht, die bis zum Lankenauer Höft verläuft. Seinen Ideen hat er eine umfangreiche Bestandsaufnahme der aktuellen Probleme des Stadtteils vorangestellt (siehe Kasten).

Balzer thematisiert in seinem Konzept auch den Hochwasserschutz, der an der Uferpromenade berücksichtigt werden muss. Eine hohe Spundwand betrachtet er jedoch kritisch. „Das würde viele Leute abschrecken und die Weiterentwicklung des Stadtteils gefährden“, sagt Balzer. Und schlägt eine andere Lösung vor: Die Gebäude, die an der Uferkante entstehen sollen, stehen nach seiner Idee auf Warftsockeln. Die Sockel sind hochwasserdicht und bieten eine sehenswertere Alternative. Zudem könne ein Deich mit Betontreppen zum Wasser das Hochwassergebiet schützen.

Um das Quartier in Woltmershausen noch lebendiger zu gestalten, hat Balzer in sein Konzept mehrere Attraktionen eingebaut. Unter anderem eine Seebühne soll als Unterstützung für Veranstaltung dienen. Außerdem plant Balzer in seinem Projekt ein Schwimmbecken sowie eine weitere Weser-Fähre mit ein, um die Uferpromenade zu beleben. Auch eine weitere Weserbrücke zur Überseestadt findet sich in seinen Entwürfen.

Der 34-Jährige ist überzeugt von seinen Ideen, die das Quartiersviertel in Woltmershausen lebendiger gestalten. Einen Schwerpunkt setzt Balzer dabei auf Nachhaltigkeit. Sein Konzept beinhaltet eine Kultur des Leihens und Recyclings. Außerdem möchte er mehr grüne Lebensräume im Stadtteil schaffen. „So eine Quartiersentwicklung kann nicht von heute auf morgen entstehen“, sagt er. „Das ist ein Prozess von zehn, zwanzig Jahren. Je langsamer die Entwicklung, desto nachhaltiger. Das ist wichtig“.

„Projekt soll Diskussionen anstoßen“

Der Karl-Engeland-Preis ist nicht die erste Auszeichnung, die Balzer für seine Arbeit erhalten hat. Zuvor wurde er bereits mit einem Preis für die beste Abschlussarbeit der Fakultät von der Hochschule Bremen ausgezeichnet. Eine Umsetzung des Konzepts ist jedoch nicht in Sicht. „Das Projekt soll Diskussionen anstoßen“, sagt Balzer. Nach seiner Masterarbeit arbeitet er nun in einem Architektenbüro im Viertel. Die positive Resonanz über sein Projekt freut den 34-Jährigen nicht nur, sie motiviert ihn auch in seiner Arbeit. Der Master-Absolvent sieht seine Stärke in der Stadtentwicklung. „Das Projekt hat mir großen Spaß gemacht. Ich werde auf jeden Fall an weiteren Wettbewerben teilnehmen“.

Info

Zur Sache: Bestandsaufnahme und Ausblick für Woltmershausen

Auf rund 60 Seiten breitet Roman Balzer in seiner Masterarbeit zahlreiche Ideen für ein künftiges Woltmershausen aus, die erst mal nach viel Urbanität klingen. Eine Uferpromenade mit Sportarena, eine Seebühne, ein Schimmbad, Seilfähre und einen Kajenmarkt. Doch all diese Ideen fußen auf einer umfangreichen Analyse, in der Balzer die spezifischen Probleme des Stadtteils ebenso berücksichtigt, wie er zum Beispiel die großflächigen Verkehrsbeziehungen zwischen Woltmershausen und dem Rest Bremens ins Auge fasst.

Hinsichtlich der Probleme, ist seine Arbeit eindeutig: „Im Innenbereich des Stadtteils wurden zentrale sowie gewachsene industrielle Nutzungen und Versorgungseinrichtungen aufgegeben oder durch qualitativ mindere Zwischen- und Folgenutzungen ersetzt“, heißt es an einer Stelle. Das sich ständig erweiternde Güterverkehrszentrum, der Neustädter Hafen und das Gewerbegebiet am Reedeich floriere zwar, sei aber vom Wohn- und Lebensraum abgeschottet. Oder anders gesagt: Woltmershausen als Stadtteil profitiert eigentlich nicht von dem vor Ort erreichten wirtschaftlichen Erfolg. Dafür könnten aber nach Balzers Vorstellungen zum Beispiel sogenannte Werkhöfe sorgen. „Die Werkhöfe verbinden Nutzungen des verarbeitenden Handwerks geschickt mit Dienstleistungen, Kreativwirtschaft Gewerbe, Bildung/Forschung sowie Wohnen und sorgen somit für eine Vernetzung wie auch partizipative und nachhaltige Stadtentwicklung“, schreibt der Stadtplaner. Einzelne Werkhöfe erhalten dabei handwerkliche Schwerpunkte wie Holz oder Metall, die das Zusammenspiel mit den bestehenden Betrieben fördern sollen.

Ein zweites großes Problem im Stadtteil ist nicht nur laut Balzers Bestandsaufnahme die Verkehrsanbindung. Das ganze Kapitel läuft in seiner Masterarbeit unter dem programmatischen Titel „Barrieren“. „Die Gestaltung des Straßenverlaufs mit seiner lückenhaften Bebauungsstruktur vom Woltmershauser Tunnel bis zur Rablinghauser Landstraße und dem überdimensionierten Straßenraum ist ein primäres Problem in der Entwicklung des Stadtteils“, heißt es gleich zum Einstieg. Sowohl der Verlauf der B75, als auch der Bahndamm am Eingang zum Stadtteil wirkten als Barriere und verhinderten eine Anbindung an die Neustadt und den Neustädter Bahnhof in unmittelbarer Nähe. Balzers Lösung setzt auf mehr Fußgänger und Radverkehr. Ein neuer Uferradweg mit einem Tunnel durch den Bahndamm sorgt für Anschluss an die Radwegroute Richtung Innenstadt. Dazu kommt eine neue Fahrradbrücke zur Überseestadt. Beim Autoverkehr und insbesondere den Lieferverkehren zu den Gewerbegebieten setzt er auf Entlastung durch den Ausbau der A 281. Vor allem betrachtet Balzer aber die Weser als neuen Verkehrsweg. „Ein neuer Fähranleger, Wassertaxi und eine Seilfähre zum Hohentorshafen-Dreieck kom­plettieren das Verkehrskonzept für ein urbanes Woltmershausen“, schreibt Balzer.

Nichts davon ist reale Planung. Es ist die Freiheit eines Absolventen, losgelöst von konkreten Zwängen eine Stadtentwicklung zu skizzieren, wie sie idealerweise aussehen könnte. Aber als Anregung und Diskussionsgrundlage taugt der Entwurf allemal.

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