Einen Bremer Stadtteil zum Klingen bringen

Woltmershausen zum Klingen bringen

Das Kulturhaus Pusdorf und die Bremer Philharmoniker stellen in Kooperation mit der Gesellschaft Quartier ein spannendes Musikprojekt auf die Beine. Profis und lokale Musikgruppen spielen gemeinsam.
05.07.2018, 05:44
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Von Elisabeth Nöfer
Woltmershausen zum Klingen bringen

Bei der ersten Probe spielen Schüler aus der Grundschule Rechtenflether Straße auf afrikanischen Trommeln.

Walter Gerbracht

Woltmershausen. Der Stadtteil zum Klingen bringen, das ist das Ziel des musikalischen Großprojekts „Sehnsucht Ankommen“ des Kulturhauses Pusdorf in Kooperation mit den Bremer Philharmonikern. Am Sonntag, 9. September, sollen Musikgruppen aus dem Quartier gemeinsam mit den Orchestermitgliedern an drei verschiedenen Orten im Stadtteil spielen. „Die Idee ist, dass man das Publikum zum Wandern bringt. Dadurch wollen wir den Stadtteil präsentieren“, erklärt Ute Steinecke vom Kulturhaus Pusdorf.

Der Spielmannszug „Da Capo“ des ATS-Buntentor und der TS-Woltmerhausen sowie die Percussiongruppe „GB Rablinghausen“ wollen dem Publikum auf ihrem musikalischen Spaziergang den Weg weisen – vom Wassergarten über die Bühne in der Grundschule Rethenflether Sand zur Oberschule Roter Sand. Auf der dortigen Bühne sollen dann über 150 Musikerinnen und Musiker in der finalen Aufführung spielen. Profis gemeinsam mit Amateuren.

Viele Stile, ein Stück

„Das Thema ‚Sehnsucht Ankommen‘ betrifft jeden von uns, der irgendwohin unterwegs ist, nicht nur Flüchtlinge“, sagt Marko Gartelmann, Leiter der Musikvermittlung bei den Philharmonikern und Mitorganisator des Stadtteilprojekts. „Das musikalische Pendant dazu haben wir in Dvořák‘s Neuer Welt gefunden“. Die Philharmoniker wollen die neunte Sinfonie e-Moll op. 95 von Antonín Dvořák spielen. In dem Stück „Aus der Neuen Welt“ verarbeitete der Komponist die Eindrücke seines dreijährigen Aufenthalts in New York, wohin der Tscheche 1892 migrierte.

Fünfzehn Chöre, Trommelgruppen und Bands orientieren sich ebenfalls an Motiven aus dieser Sinfonie, spielen aber in den unterschiedlichsten Musikstilen. Keine leichte Aufgabe für Peter Friemel, den künstlerischen Leiter und Komponisten, der für jede Gruppe ihre eigenen Noten maßgeschneidert hat. „Ich bin viel in die Gruppen gegangen und hab‘ geguckt, was ist das für eine Stilistik, wo liegt das Interesse“, sagt Friemel. Am Ende sollen „musikalisch alle an einem Strang ziehen“, plant der künstlerische Leiter.

Das Ensemble „Barbat“ interpretiert Dvořák aus persischer Sicht, der Spielmannszug irisch. Es gibt eine afrikanische Trommelgruppe. Und beim Volkschor Woltmershausen wird laut Friemel Barock anklingen.

Dass so diverse Stile und unterschiedliche Level an Können harmonisieren können, wird in der ersten gemeinsamen Probe deutlich: Schüler aus der Grundschule Rechtenflether Straße in der Turnhalle zum Auftakt auf afrikanischen Trommeln, dann setzt das Streichquintett der Philharmoniker ein, mit Anette Behr-König und Anna Schade (Geige), Marie Daniels (Bratsche), Caroline Willwok (Cello) und Eva Schneider-Kadenbach (Bass). Dazu singt ein Kinderchor. Und vor ihnen behält Peter Friemel die Fäden in der Hand, während er mit den Fingern am Keyboard begleitet.

Über ein Jahr dauerten die Vorbereitungen für „Sehnsucht Ankommen“. Die Band „Barbat“ schrieb zum Beispiel die eingegebenen Texte auf Persisch um, ein Komponist der Band fügte noch eigene Teile dazu. „Dass zwei Komponisten ohne Eitelkeiten zusammenarbeiten, das ist selten in der Kunstszene“, betont Peter Friemel. „Alle mussten sich auf einen unbekannten Pfad begeben“, merkt Ute Steinecke vom Kulturhausteam an, um neue Noten zu lernen und mit den anderen Gruppen zusammen zu spielen.

Die Idee eines Stadtteilprojekts, bei dem übrigens auch der Schauspieler Benedikt Vermeer mitmache, sei schon vor rund zwei Jahren entstanden, erzählt Uwe Martin, der Leiter der Bremer Organisation für kulturelle Bildung der Gesellschaft Quartier. Bei den Vorbereitungen für das Musikfestival „Sehnsucht Europa“ des Vereins Stadtkultur Bremen sei die Idee für ein solches Projekt geboren.

Die Gesellschaft Quartier stellte den Kontakt zwischen Marko Gartelmann, Ute Steinecke vom Kulturhaus Pusdorf und Anne Lücking vom Philharmoniker-Freundeskreis „Prophil“ her. Die Planungsrunde arbeitete mit Unterstützung des Beirats Woltmershausen ein Konzept aus und sprach die beteiligten Künstler an. Und dann stießen die Bremer Philharmoniker mit dem Projekt „Sehnsucht Ankommen“ bei der Bundesbeauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf offene Ohren, die dafür Fördergelder aus dem Budget für „Exzellente Orchesterlandschaften“ bewilligt hat.

In der Folge wurden an den drei beteiligten Schulen Musikwerkstätten gegründet. So lernte die neunte Klasse der Oberschule Roter Sand eigens Instrumente, um als Schülerrockband „SOR“ mit dem Bläserquintett einen Blues-Titel spielen zu können. „Es war so schön zu sehen, dass die Kinder so ergriffen sind“, sagt Peter Friemel nach der Probe mit den Philharmonikern, die Yoel Gamzou ­dirigiert. „Deswegen machen wir das Projekt“. Auch den Erwachsenen soll es so gehen, ­wünschen sich die Initiatoren. Außerdem soll das Projekt nachhaltig wirken: Die gewachsenen Beziehungen der Musikszene im Stadtteil könnten neue Projekte in kleinerer Besetzung ermöglichen, hofft Uwe Martin von Quartier.

Weitere Informationen

„Sehnsucht Ankommen“ wird am Sonntag, 9. September, aufgeführt. Treffpunkte für den musikalischen Spaziergang durchs Quartier sind um 15 Uhr im Spiel- und Wassergarten am Westerdeich, um 16 Uhr in der Turnhalle der GS Rechtenflether Straße, Rechtenflether Straße 24, und um 17 Uhr in der Halle der Oberschule Roter Sand, Butjadinger Straße 21. Eintritt frei.

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