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Die Patientinnenstelle besteht seit 25 Jahren
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Anwältin für Patientinnenrechte

Sigrid Schuer 27.09.2018 0 Kommentare

Seit 25 Jahren unerschrockene Streiterin für Patientinnenrechte: Edeltraut Paul-Bauer.
Seit 25 Jahren unerschrockene Streiterin für Patientinnenrechte: Edeltraut Paul-Bauer. (Scheitz)

Peterswerder. Eine Operation ist oft eine einschneidende Zäsur im Leben vieler Patienten. Verunsichert und oft verängstigt müssen sie ganz auf die Kompetenz des behandelnden oder operierenden Arztes vertrauen. Umso fataler, wenn dann doch der schlimmste aller Fälle eintritt, im Medizinerjargon „ein unerwünschtes Ereignis“. Das heißt: ein Kunstfehler mit weitreichenden Folgen. So wie im Fall des 19-jährigen Kerim Ucar (wir berichteten), dem die Niere und nicht die Milz entfernt wurde.

Die Patientinnenstelle im Gesundheitsladen hat dazu einige vorbeugende Empfehlungen parat. Die Zauberformel heißt: Immer wieder nachfragen, wenn die Tabletten, die gegeben werden sollen, anders als sonst aussehen. Oder nachhaken, wenn man als Patient bei den Erklärungen der Ärzte nur Bahnhof versteht. Und: sofort intervenieren, wenn man als Patient mit dem falschen Namen angesprochen wird, da die Verwechslungsgefahr groß ist. Ganz wichtig: immer Ängste und Schmerzen, die man als Patient hat, ansprechen. Und: keine Angst vor Titeln und weißen Kitteln haben.

„Ärzte üben nun mal eine gefahrengeneigte Tätigkeit aus. Und Reden ist der beste Weg, um in Erfahrung zu bringen, wie Fehler wieder gut gemacht werden können, wenn sie denn einmal geschehen sind“, sagt Edeltraut Paul-Bauer. Sie ist Herz und Seele der Patientinnenstelle im Gesundheitsladen in der Braunschweiger Straße 53b, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen begehen kann. Rund 35 000 Ratsuchende sind in dieser Zeit beraten worden.

Natürlich gibt es aus diesen Jahren besonders krasse Beispiele für haarsträubende Pannen. Ein Patient habe beispielsweise unrechtmäßig 34 000 Euro für nicht korrekte Implantate bezahlen sollen und dann auf Grund der Intervention der Patientinnenstelle letztlich doch nichts bezahlen müssen. Und noch ein krasses Beispiel schildert Paul-Bauer: So seien arme Menschen, die auf Hartz IV angewiesen sind, dazu genötigt worden, Kosten in Höhe von 3 000 Euro selbst zu tragen und dann sei ihnen schließlich der Prozess wegen Erschleichung von Leistungen gemacht worden. Solche Fälle können die Expertin so richtig wütend machen. „Als Pendant zur Ärztekammer bräuchten wir eigentlich eine Versichertenkammer, die auf Augenhöhe agiert“, betont sie.

1993 wurde die Patientinnenstelle im Rahmen der Gesundheitstage gegründet. Schon viele Jahre übt Paul-Bauer, die Betriebswirtin, Juristin und Industriekauffrau in Personalunion ist, ihre Beraterinnen-Tätigkeit ehrenamtlich aus. Besonders ihr juristisches Know-how kommt ihr dabei zugute. Sie hat jedoch mit verschärften Bedingungen zu kämpfen. „Von der Gesundheitsbehörde erhält die Patientinnenstelle verschwindend geringe Sachmittelkosten pro Jahr“, erzählt sie. Für sie fühlt es sich manchmal so an wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel und so betont sie denn auch: „Wir mussten immer kämpfen! Aber wir sind schon stur und haben nicht aufgegeben.“  Um den Betrieb der unabhängigen Patientinnenstelle überhaupt aufrechterhalten zu können, teilt sie sich die Räumlichkeiten mit den Bremer Klinikclowns, Selbsthilfegruppen und dem Bündnis Grundeinkommen.

Für Edeltraut Paul-Bauer war es immer entscheidend, dass die Beratungen persönlich und vor allem unabhängig mit regionaler Kenntnis durchgeführt werden. Beraten werden Patienten, egal ob sie gesetzlich, privat oder überhaupt nicht versichert sind. „Grundziel unserer Beratungstätigkeit ist die Hilfe zur Selbsthilfe“, betont sie. Denn es mache schon einen Unterschied, so die Anwältin für Patientinnenrechte, ob die Ärzte- oder die Pharma-Lobby als finanzierende Instanz hinter einer Beratungsstelle stünden. Ausgesprochen kritisch sieht sie das Faktum, dass ab 2016 die Sanvartis GmbH, ein privates Dienstleistungsunternehmen unter anderem für Pharmafirmen, in einem europaweiten Ausschreibungsverfahren den Zuschlag für die Übenahme der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) erhielt. Nach eigenen Angaben betreibt die Sanvartis das größte medizinische Callcenter Deutschlands. „Aktuell wird durch den Verkauf der Sanvartis GmbH an die der Pharmaindustrie nahestehenden Careforce GmbH die Unabhängigkeit und Neutralität der UPD noch intensiver infrage gestellt“, betont sie.

Wie bereits im Hauptteil berichtet, hatte sich im Sommer 2017 die Gesundheitsdeputation mit dem Betreiberwechsel befasst. Anlass war der Rückgang der Beratungen von 5 843 Gesprächen 2014 auf 1 517 Gespräche 2016 - sowie ein Minus von 88 Prozent bei den persönlichen Beratungen. Besonders pikant, wenn man die desolate öffentliche Ausstattung der unabhängigen Patientinnenstelle bedenkt: Dagegen wurden die Fördermittel für die Unabhängige Patientenberatung vom Bund von 5,2 auf neun Millionen jährlich erhöht. Ralf Wurzbacher, Journalist bei „Rubikon“, das sich selbst als „Magazin für die kritische Masse“ bezeichnet, spitzte es in seinem im September erschienenen Artikel „Der verkaufte Patient“ so zu: „Unser aller Gesundheit wurde dem Markt geopfert und soll nun zu Grabe getragen werden.“ In dem Artikel wird moniert: „Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland gehört neuerdings einem Dienstleister der Pharmaindustrie. Davor gehörte sie einem Dienstleister der Krankenkassen. Ursprünglich gehörte sie einemal der Zivilgesellschaft und war im besten Sinne 'gemeinnützig'. Nach der Privatisierung wurde sie ein Spielball von Kapitalinteressen.“ Und Edeltraut Paul-Bauer ergänzt: Gewinnorientierung bei einem Gesundheitsdienstleister müsste eigentlich verboten sein. In einer Kleinen Anfrage der Fraktion „Die Linke“ wird moniert: Der „Patientenmonitor 2016“ enthalte „Leistungsdaten der neuen UPD, die die Befürchtungen bestätigen, dass unabhängige Patientenberatung per Callcenter nur unzureichend umgesetzt werden kann, und dass sich dies bereits drastisch negativ bemerkbar macht“.  

Was die Anwältinnen und Anwälte der Patienten, darunter Edeltraut Paul-Bauer als ganz besonders engagierte Verfechterin von Patientenrechten, im vergangenen Vierteljahrhundert erreicht haben? Erst seit 2004 gibt es eine gesetzlich garantierte Beteiligung von Patienten und erst fünf Jahre jung ist das Patientenrechtegesetz. Sie hat stellvertretend für die Patientinnenstelle noch eine ganze Reihe bisher unerfüllter Forderungen, die über das Patientenrechtegesetz hinausreichen, beispielsweise wie diese auf Landesebene: Beteiligung von Patientinnen in allen gesundheitsrelevanten Gremien, Einrichtung einer Gesundheitskonferenz, Etablierung einer Patientenbeauftragten sowie die Verbesserung der Versorgungssituation im ambulanten Bereich. Und auf Bundesebene: Beweiserleichterung / Beweislastumkehr, Verlängerung der Verjährungsfrist für Ansprüche aus der Arzthaftung, Reformierung des Gutachterwesens, Schadensausgleich durch einen Härtefonds, Aufbau und Auswertung eines Medizinregisters sowie die Eingrenzung der sogenannten individuellen Gesundheitsleistungen (Igel).

Die Patientinnenstelle im Gesundheitsladen, Braunschweiger Straße 53, ist wieder ab 15. Oktober besetzt. Edeltraut Paul-Bauer ist zurzeit in Urlaub. Kontakt unter Telefon 49 35 21 oder unter bremen@patientinnenstellen.de. Die Beratungsstelle ist dienstags und freitags von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Im Rahmen der Woche der seelischen Gesundheit hält die Diplom-Sozialarbeiterin Sylvia Wrobel am Mittwoch, 10. Oktober, um 17 Uhr, im Gesundheitsladen einen Vortrag zum Thema „Was ist das: psychische Gesundheit - Annäherungen“. Um Anmeldungen wird unter Telefon 49 35 21 gebeten


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Leserkommentare
werderfan am 23.10.2019 21:15
Ich versuche das mal kurz für die Demokratiefreunde zu erläutern:
1. Der Umweltausschuss des Beirats Blumenthal tagt am nächsten Montag ...
IhrenNamen am 23.10.2019 21:02
Ich bin mal sehr gespannt wie sich das auf die Spendensumme auswirkt.
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