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Projekttag zum Thema Antisemitismus
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Das große K-Spiel als Prüfstein

Emma Gasster 06.02.2019 0 Kommentare

Beim Projekttag am Gymnasium an der Hamburger Straße wurde den Schülern auf vielfältige Weise vermittelt, wie Diskriminierung im Alltag wirkt. Ein historisches Beispiel: der Ausschluss von Juden aus den Sportvereinen im April 1933.
Beim Projekttag am Gymnasium an der Hamburger Straße wurde den Schülern auf vielfältige Weise vermittelt, wie Diskriminierung im Alltag wirkt. Ein historisches Beispiel: der Ausschluss von Juden aus den Sportvereinen im April 1933. (Emma Gassler)

An der grünen Wand der Turnhalle lehnt Nr. 33. Noch hat das Mädchen ihren Namen nicht zurück, sie muss sich ihn verdienen. Die Führung hat ihr eine klare Aufgabenstellung gegeben: Bespitzele einen Kameraden. Also behält 33 ihn im Auge, bleibt unauffällig und füllt einen Fragebogen zu seinen Machenschaften aus. Schließlich möchte sie im System aufsteigen, sie möchte Identität und Anerkennung. Doch ein wenig hadert 33 schon mit sich. Möchte sie wirklich nach den Regeln leben, die sie auswendig lernen musste? Auch nach der letzten: „Ein Kamerad fragt nie ‚warum’“?

Der 27. Januar ist ein wichtiger Gedenktag in Deutschland. An diesem Tag im Jahr 1945 befreite die Rote Armee die Gefangenen des Konzentrationslagers Auschwitz. Nicht nur Parlamente nutzen diesen Anlass, um den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken, auch das Gymnasium an der Hamburger Straße hat sich entschieden, die Themen Antisemitismus, Diktatur und Geschichte mit seinen Schülern aufzuarbeiten. Wenn auch nicht direkt am Jahrestag selber, schließlich war es dieses Mal ein Sonntag, sondern erst einen Tag darauf.

„Alle 930 Schüler nehmen am Projekttag teil“, sagt Schulleiterin Claudia Dreyer. Die Schule hat nicht nur einen Referenten angeworben, sondern mehr als zehn verschiedene Projekte mit anderen Schwerpunkten und Zielsetzungen auf den Weg gebracht, jeweils auch mit anderen Kooperationspartnern. Dabei geht es um die Geschichten hinter einzelnen Stolpersteinen, Büchern wie „Der Junge im gestreiften Pyjama“, Filme über das Leben der Juden in der Nazi-Zeit und auch viel um Judenfeindlichkeit heute.

Antisemitismus in der Musik

„Ein Thema ist Antisemitismus in der Musik, wo unter anderem spezifisch auf die letzte Echo-Verleihung eingegangen wird“, sagt Imme Hubig. Sie unterrichtet an der Schule Geschichte und Englisch und hat diesen Projekttag organisiert. Die Verleihung des deutschen Musikpreises sei auch ein Anlass gewesen, warum das Thema im Kollegium hochgekocht sei, erzählt sie. Vergangenes Jahr wurden die Rapper Kollegah und Farid Bang trotz ihrer Texte, die von vielen als antisemitisch empfunden wurden, durch die Akademie ausgezeichnet. Wegen des Vorfalls wird nun der Echo nicht mehr verliehen. Hubig hat es dazu motiviert, aktiv zu werden: „Wir fanden, da muss man mal was tun.“

Wegen der vielen unterschiedlichen Projekte sind die Schüler auf viele Räume verteilt. Die Turnhalle und die angrenzenden Umkleidekabinen werden von den diesjährigen Abiturienten belegt, unter ihnen ist auch Nr. 33, die in Wahrheit Viktoria Baszczok heißt. Sie alle sind Teilnehmer an einem Planspiel: „Das große K“. „Es ist ursprünglich dafür entwickelt worden, Jugendliche dafür zu sensibilisieren, wie das Dritte Reich zustande gekommen ist“, sagt Ralf Brinkhoff, der Spielpädagoge ist und das Projekt leitet.

Funktionieren tut es wie folgt: Ziel jedes Einzelnen ist es, in das sogenannte Kameradschaftszimmer zu kommen. Dort sitzt die Elite des Regimes und entwirft Regeln, einen einheitlichen Gruß und ein Lied. „Alles, um diese Kameradschaft und das Wir-Gefühl zu stärken“, erklärt Brinkhoff. Bis man es durch das Erledigen von Aufgaben in die höchsten Ränge geschafft hat, ist man nur eine Nummer. Je mehr konform sich die Schüler verhalten, desto mehr Identität gewährt ihnen das Regime.

Man hat eine Wahl

Aber man hat eine Wahl. Manche entscheiden sich dazu, auszusteigen und nicht Teil der Unterdrückung zu sein. Auch Viktoria denkt darüber nach, sich dem einen Mädchen anzuschließen, das von Anfang an Aufgaben verweigert hat und allein in die „Opferecke“ verbannt wurde. Das Spiel kann dann zu Ende sein, wenn ein Widerstandskämpfer es ins Kameradschaftszimmer schafft.

„Im Nachhinein wird dann reflektiert. Was ist hier eigentlich abgelaufen? Was hat mich bewogen da mitzumachen?“, sagt Brinkhoff. Viktoria zeigt sich schon jetzt, wo das Spiel noch in vollem Gang ist, überrascht darüber, wie sehr man mitgezogen wird. Auch an ihr selber hätte sie das bemerkt. „Man sagt immer, wir würden das nie so machen. Aber es machen doch alle mit.“

Mehrere Etagen über der Turnhalle, unterm Dach, sitzen Schüler aus der achten Klasse im Stuhlkreis. Ihr heutiges Projekt: „Rent a Jew“. „Der Titel ist sehr provokant, aber die Organisation nennt sich wirklich so“, sagt Schulleiterin Dreyer. Was es mit dem Namen auf sich hat wird klar, wenn man Mascha Schmelring zuhört, die ebenfalls im Stuhlkreis sitzt und sich den Schülern zugewandt hat.

Verschwörungstheorien als Thema

„Viele Menschen in Deutschland haben noch nie einen Juden persönlich kennengelernt,“ sagt sie. Das sei auch gar nicht so einfach, weil man zum einen Juden im Alltag gar nicht unbedingt erkennen würde und zum anderen es einfach nicht so viele von ihnen gebe. Deshalb möchte die Organisation Juden an Schulen vermitteln, im Sinne des Namens vermieten, um den Kindern etwas über jüdisches Leben in Deutschland zu erzählen.

Nebenan ist der Computerraum der Schule, wo die 8a zugange ist. „Wir machen heute Verschwörungstheorien“, sagt Malte Fries. Nur um sich kurz darauf schnell zu korrigieren: „Also wir behandeln Verschwörungstheorien“, stellt der 13-Jährige klar. Seine Klasse recherchiert in Kleingruppen zu unterschiedlichen Geschichten und Mythen, die in der Neuzeit und auch insbesondere mithilfe des Internets Wirbel ausgelöst haben.

Darunter laut Malte: Alle führenden Politiker sind Aliens, das World Trade Center wurde durch heimlich befestigte Sprengsätze zerstört und, passend zum Thema des Projekttages, die jüdische Weltverschwörung. Eine Schülerin stolziert mit einem spitzen Aluhut durchs Zimmer, zur Belustigung der restlichen Klasse. Welche Verschwörungstheorie von ihrer Gruppe behandelt wird? Da ist auch Malte sich nicht ganz sicher.


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...
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