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Das neue Gesicht der City

Sigrid Schuer 16.05.2019 3 Kommentare

Ende gut, alles gut? Das City-Gate war in Bremen wohl das umstrittenste Großbauprojekt der vergangenen Jahre. Nun ist es mit Verzögerung eröffnet worden.
Ende gut, alles gut? Das City-Gate war in Bremen wohl das umstrittenste Großbauprojekt der vergangenen Jahre. Nun ist es mit Verzögerung eröffnet worden. (Christina Kuhaupt)

Ist das endlich der große Wurf für die Bremer Innenstadt, die seit Jahren vor sich hin kränkelt? Die in der Bürgerschaft vertretenen Fraktionen zeigen sich jedenfalls durchgehend angetan – ja begeistert – von Daniel Libeskinds Turmbau zu Babel mit gleich vier Türmen und hängenden Gärten. Die Mitglieder des Beirates Mitte, der die Realisierung des Projektes eng begleiten wird, machten da keine Ausnahme. Der amerikanische Stararchitekt präsentierte den Entwurf gemeinsam mit seiner Frau Nina Anfang April für einen urbanen Nutzungsmix inklusive Sky-Café. Die Bremer City soll in den kommenden Jahren ein komplett neues Gesicht bekommen. Und das ist auch in der zu Ende gehenden Legislaturperiode das prägende Thema im Bereich Mitte gewesen. Direkt damit verbunden: die heißen Themen Mobilität und Baustellen. Joachim Lohse, Bremens grüner Senator für Umwelt, Bau und Verkehr, ist ein bekennender Fan der autofreien Stadt.

Landesdenkmalpfleger Georg Skalecki dagegen kann die Libeskind-Euphorie nicht teilen. Anders als der Architekt, der mit der historischen Silhouette der alten Hansestadt mit ihren vielen Kirchtürmen argumentiert, sieht er das harmonische Stadtbild Bremens empfindlich gestört. Genauso wie die Gegner von Libeskinds vier Türmen, die den Investoren, den Schapira-Brüdern, vorwerfen, mit dem 75 000-Quadratmeter-Projekt schnöde Profit-Maximierung betreiben zu wollen. Schon einmal, in den Jahren der Großen Koalition, hat Bremen die Chance verpasst, Libeskinds visionäre Architektur, die unter anderem in Berlin und New York zu besichtigen ist, in die Hansestadt zu holen. Damals setzte die Koalition auf das Pleite-Projekt Space Park, das innerhalb kürzester Zeit Insolvenz anmelden musste. Dabei hätte das „Musicon“, Libes­kinds Entwurf für ein Konzerthaus auf der Bürgerweide, schon rund zehn Jahre vor der Elbphilharmonie realisiert werden können. „Die kühnen Visionen von Libes­kind spielen in einer anderen Liga“, schrieb Markus Peters in seinem Kommentar. Und er bilanzierte: „Im Gegensatz zur Hamburger Elbphilharmonie, die am Ende fast eine Milliarde Euro gekostet hat, zahlt hier nicht der Steuerzahler die Rechnung, sondern der ­Investor.“

Verkehrstechnisch ist die Brillkreuzung ­ohnehin ein Brennpunkt. In den entsprechenden Fachausschüssen des Beirates Mitte war immer wieder über die brandgefährliche ­Situation an dem Verkehrsknotenpunkt ­debattiert worden, an dem es mehrfach zu Unfällen mit Schwerverletzten und zuletzt ­sogar zwei Todesfällen gekommen war. Es ist nur eine Frage der Zeit bis weitere Unfälle ­folgen, zumal sowohl die Martinistraße als auch die Bürgermeister-Smidt-Straße gern von Autoposern als illegale Renn­strecke missbraucht wird. Nun soll die Haltestelle am Brill weiter in Richtung Bürgermeister-Smidt-Straße oder Falkenstraße verlegt werden, um die Verkehrssituation zu entzerren.

City-Gate als fantasieloser Monumentalismus

In einem an den WESER-KURIER gerichteten Leserbrief wurde das von Max Dudler konstruierte, jüngst eingeweihte City-Gate sogar mit dem fantasielosen Monumentalismus des NS-Baumeisters Albert Speer verglichen. Skaleckis Mahnungen gelten auch diesem Projekt: „Wir sind am Anfang eines Stadtumbaus, der radikaler und rücksichtsloser ist als alles, was wir bisher erlebt haben“, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung und verbindet damit die Warnung vor einer „ortlosen und austauschbaren Architektur“. Das Werden des City-Gate in Zeitlupe ließe sich mit „Pleiten, Pech und Pannen“ titeln. Zuerst konnte sich kein Investor für das Areal erwärmen. 2012 wurde dann der Vertrag über das 100-Millionen-Projekt mit Investor Achim Griese unterzeichnet. Nach einer langen Pause und dem ersten Spatenstich im Sommer 2015 rissen dann ein Jahr später die Schlagzeilen nicht ab, als das Bauareal plötzlich absackte und sich sogar die Hochstraße senkte.

Ein weiteres Großprojekt, das in den nächsten Jahren realisiert werden soll, ist der neue Zentrale Omnibus-Bahnhof (ZOB) auf dem Gelände des Güterbahnhofes. Auch diese Pläne wurden vom Beirat Mitte intensiv erörtert und mit Verbesserungsvorschlägen versehen. Damit soll die seit Jahren höchst unerfreuliche Situation für Reisende beendet werden, die ohne Regenschutz und ohne jeglichen Service am Breitenweg auf ihre Fernreisebusse warten müssen. Diese Pläne sollen ebenso zur Aufwertung des Bahnhofsareals beitragen, wie das neue Beleuchtungskonzept, das von Innensenator Ulrich Mäurer acht Monate vor der Bürgerschaftswahl freigeschaltet wurde und auf große Zustimmung seitens des Beirates Mitte stieß.

Das neue Beleuchtungskonzept soll auch auf der Disco-Meile greifen und für mehr Sicherheit sorgen. Denn Drogenhandel und die oft damit einhergehende Klein- und Gewaltkriminalität ist nachweislich der Kriminalstatistik nicht nur hier, sondern auch im Viertel und im Umfeld des Bahnhofes nach wie vor ein großes Problem. Die Großbaustelle dort sorgte wie die vielen anderen Baustellen in der Innenstadt, besonders im letzten Sommer, für Verdruss bei den Verkehrsteilnehmern, aber auch Einzelhandel und Handelskammer beklagten das Verkehrschaos. Der Beirat Mitte befasste sich aber auch mit den Vorwürfen seitens der Inneren Mission, dass Obdachlose von ihren angestammten Lieblingsplätzen im Bereich der Haltestellen vertrieben werden würden. Inzwischen wurde für sie ein Unterstand vor dem Intercity Hotel am Bahnhof ­geschaffen.

Offene Jugendarbeit unterfinanziert

Indirekt mit dem Großbauvorhaben City-Gate verbunden sind auch die jugendlichen Skater, die im Zuge der Bebauung von ihrem angestammten Platz vertrieben wurden. Die Finanzierungsschwierigkeiten rund um die Skateranlage im Alten Postamt 5 stehen stellvertretend für die chronisch unterfinanzierte offene Jugendarbeit, der die Beiräte Mitte und Östliche Vorstadt bereits seit Jahren entgegenzuwirken versuchen. Zum Eklat kam es im Sommer 2018 als Joachim Musch (Grüne), Sprecher des Bauausschusses des Beirates Mitte, sich echauffierte: „Ich finde das einfach unverschämt. Da ist es doch kein Wunder, wenn die Politik den Bach runtergeht!“ An insgesamt 100 000 Euro hing die Zukunft der Skateranlage, die zusammen mit der des Fab Lab auf der Kippe stand. Nach dem Aufruhr im Beirat Mitte konnte das Vorzeigeprojekt dann doch noch mit einem „Allemann-Manöver“ gerettet werden.

Die Sätze für die Jugendarbeit, die für den sozialen Zusammenhalt so wichtig ist, werden schon seit Jahren immer nur in derselben Höhe fortgeschrieben. Mittlerweile klafft im Etat der offenen Jugendarbeit eine bedrohliche Deckungslücke von mehr als 200 000 Euro. Die beiden Beiräte Mitte und Östliche Vorstadt konstatierten bereits vor einem Jahr, dass in absehbarer Zukunft die Existenz ­einzelner Träger in Gefahr sein dürfte. Daran hat sich bis jetzt nichts geändert. Die Defizite werden derzeit durch ehrenamtliche Arbeit kompensiert.

Indes will der Vorwurf der kritischen Öffentlichkeit nicht abreißen, der Senat verscherbele mit den Filetstücken in der Innenstadt das Bremer Tafelsilber. Gar nicht so weit entfernt von Libeskinds urbanem Nutzungsmix sind die Pläne von Investor Kurt Zech für die City-Galerie. Er verkauft die Mischung aus Einzelhandel, Dienstleistungen und Wohnen als großen Coup. Grundsätzlich geben sich die Beiratsmitglieder wohlwollend, fordern aber eine enge Beteiligung von Beirat und Öffentlichkeit ein. Dass Zech noch kurz vor der ­Bürgerschaftswahl den Vertrag für das Großbau-Projekt, der einen Abriss des Parkhauses Mitte vorsieht, in trockenen Tüchern haben wollte, kam dagegen bei vielen Beiratsmit­gliedern gar nicht gut an, allen voran bei Joachim Musch, dem langjährigen Sprecher des Bauausschusses.

Sie fühlten sich schlichtweg überrumpelt und zum Abnick-Gremium degradiert. Nun hat der Beirat einen detaillierten Beschluss erarbeitet, in dem die einzelnen Schritte der Beteiligung der Öffentlichkeit und des Beirates in ein enges Korsett gegossen sind. Das sicherte Zech zu. Auch eine Quote an bezahlbaren Wohnungen wird in dem Beschluss gefordert. Fazit: Die Zukunft der Innenstadt mit neuem Gesicht hat gerade erst begonnen. Die kommende Legislaturperiode dürfte spannend werden.


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Leserkommentare
kretzschmar am 23.10.2019 15:04
So sieht das aus, 9 Millionen arbeiten im niedrig Lohn Bereich, (Mindestlohn) das sind die zukünftigen Renten Aufstocker. Was eigentlich eine ...
holger_sell am 23.10.2019 14:58
Dann schreiben Sie doch einfach mal nichts.
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