Gemeinsam jeder für sich

Sechs Autorinnen und Autoren schreiben einen Online-Fortsetzungsroman zum Thema Corona. Jeder für sich und doch gemeinsam. Der Titel des Blogs: „Gregor Samsa sind ich“.

Foto: Roland Scheitz

Autorin Janika Rehak – hier mit Jens Laloire vom Bremer Literaturkontor – und ihre fünf Kolleginnen und Kollegen treffen sich am 3. Dezember zum ersten Mal virtuell. 

Schreiben kann man überall und vor allem ganz für sich allein. Das ist in Pandemiezeiten von Vorteil. Ein Tisch, ein Computer oder Laptop und los geht’s. Corona hin, Corona her, Autorinnen und Autoren gehören zu den Privilegierten, die während des Lockdowns ihren Beruf ausüben können – so denken zumindest viele, weiß Janika Rehak aus eigener Erfahrung. Die Verdenerin arbeitet als freie Autorin, Texterin und Journalistin. „Für uns sind zahlreiche Möglichkeiten weggefallen, die direkt mit unserer Arbeit zu tun haben. Der Austausch mit Leserinnen und Lesern zum Beispiel, Workshops, Lesungen oder Seminare. Dazu haben die Verlage in den vergangenen Monaten oft sehr zögerlich reagiert, sodass neue Projekte kaum vorangekommen oder ganz liegen geblieben sind. Auch wir müssen daher mit finanziellen Einbußen leben.“ Aus dieser Situation heraus ist im Sommer ein besonderes Bremer Projekt entstanden. Sechs Bremer Autorinnen und Autoren setzen sich zusammen und zugleich unabhängig voneinander literarisch mit dem Thema Corona auseinander. Seit Mitte August bloggen Leyla Bektaş, Jörg Isermeyer, Lui Kohlmann, Betty Kolodzy, Florian Reinartz und eben Janika Rehak an dem experimentellen Fortsetzungsroman „Gregor Samsa sind ich“. Ende November erscheinen die letzten Blog-Beiträge. Dazu wird es am Donnerstag, 3. Dezember, um 20 Uhr eine virtuelle Lesung mit allen Beteiligten geben. Eine Premiere für die Autorinnen und Autoren, die sich dann zum ersten Mal – wenn auch nur online – gemeinsam treffen.

„Wir alle sind betroffen, schauen aber aus einer anderen Perspektive auf die Entwicklungen der letzten Zeit“, sagt Janina Rehak. „Corona ist das verbindende Element für eine gemeinsame Geschichte, der sich jeder auf seine eigene Art und Weise nähert.“ Die Idee zum literarischen Social Distancing stammt von der Bremer Autorin Betty Kolodzy. Janika Rehak war sofort Feuer und Flamme. „Ich habe Betty erst im Frühjahr dieses Jahres kennengelernt. Wir hatten zwar schon voneinander gehört, aber noch nie persönlich miteinander zu tun gehabt.“ Gemeinsam gingen sie auf Jens Laloire vom Literaturkontor aus der Villa Ichon zu, der schnell einwilligte, das Projekt finanziell zu fördern. Mit der VHG-Stiftung, der Karin-und-Uwe-Hollweg-Stiftung sowie der Waldemar-Koch-Stiftung gewann das Trio weitere Unterstützer.

„Ich fand den Gedanken reizvoll, einen Schreibprozess live miterleben zu können“, sagt Laloire. „Der Blog ist wie ein Fortsetzungsroman ohne den Anspruch, am Ende ein komplett in sich zusammenhängendes großes Ganzes zu ergeben.“ Es dauerte nicht lange, bis das Kreativteam komplett war. Die Bremer Literaturszene sei klein verglichen mit Hamburg oder Berlin, aber gut organisiert, sagt Rehak. Man kenne sich, auch wenn man sich noch nie begegnet sei. Einige besser, andere weniger. Die Gruppe habe über die Distanz hinweg Stück für Stück zusammengefunden. Getroffen wurde sich nicht einmal virtuell, die komplette Kommunikation und alle Absprachen liefen über E-Mails ab.

Wie die Autorinnen und Autoren das Thema umsetzen, war ihnen frei überlassen. Es gab nur zwei Vorgaben: Die Geschichte sollte in Bremen spielen und einen bestimmten Umfang nicht überschreiten. „Virtuelle Leserinnen und Leser haben meist nicht so viel Geduld und Ausdauer“, sagt Rehak mit einem Augenzwinkern. „Uns war deshalb wichtig, dass die Länge der Texte nicht ausufert.“ Der Titel des Blogs „Gregor Samsa sind ich“ stammt ebenfalls von Ideengeberin Betty Kolodzy. Er ist angelehnt an die Figur aus Frank Kafkas Roman „Die Verwandlung“. Die Erzählung aus dem Jahre 1912 handelt von Gregor Samsa, der eines Tages aufwacht und feststellen muss, dass er sich über Nacht in einen riesigen Käfer verwandelt hat. Anfangs hält er die Verwandlung nur für vorübergehend, langsam jedoch beginnt er seine neue Identität zu akzeptieren und stellt sich den Konsequenzen, mit denen er fortan leben muss. „Im Gegensatz zu Kafkas Geschichte dreht es sich derzeit nicht nur um eine einzelne Person. Jeder von uns muss sich in einem veränderten Alltag neu orientieren“, sagt Rehak. „Letztlich ist die komplette Gesellschaft direkt von der Corona-Pandemie und ihren Auswirkungen betroffen.“

Der erste Blog-Beitrag ging am 24. August online. Den Anfang machte Betty Kolodzy, die ihre Figur im Verlauf verschiedene Alltagssituationen durchlaufen lässt. Leyla Bektaş hat sich als Protagonistin eine Patientin jenseits der 80 ausgesucht. Janika Rehak blickt auf Beziehungsprobleme in Zeiten von Corona. Eine Comic-Heldin fiebert bei Lui Kohlmann dem Ergebnis ihres Corona-Tests entgegen. Wie es einem Schriftsteller im Lockdown geht, darüber schreibt Florian Reinartz. Und Jörg Isermeyer lässt einen Sänger ohne Aufträge auf kreative Abwege geraten. Am Ende wird vieles offenbleiben, denn das Virus ist immer noch da.

Es sei reiner Zufall gewesen, dass sich die Motive nicht wiederholen. Jeder habe einen anderen Fokus gewählt, freut sich Rehak. Viele Beiträge haben außerdem ihre Aktualität behalten, selbst wenn sie bereits ein paar Wochen älter seien. Interessierte können deshalb jederzeit noch einsteigen – auch mittendrin. Denn die Geschichten müssen nicht in einer bestimmten Reihenfolge gelesen werden, sondern funktionieren genauso unabhängig voneinander. „Ein bisschen mehr Cross-over wäre schön gewesen“, sagt die 37-Jährige, „aber eine Überschneidung der Handlungen hätte zusätzliche Absprachen erforderlich gemacht und dazu hat es in der kurzen Planungsphase leider an Zeit gefehlt.“ Außerdem, so ihr Fazit, passe es zum Projekt: Nebeneinander arbeiten, auch wenn man miteinander sein möchte.

Weitere Informationen

Zum Blog und Info-Link zur virtuellen Lesung am 3. Dezember, 20 Uhr, geht es im Internet unter www.wirgregorsamsa.com und unter www.literaturkontor-bremen.de.

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