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Literarische Glücksmomente

Sigrid Schuer 03.05.2019 0 Kommentare

Gruppenbild mit vielen Damen: Die überwiegende Mehrheit der an dem Literatur-Festival Beteiligten ist weiblich.
Gruppenbild mit vielen Damen: Die überwiegende Mehrheit der an dem Literatur-Festival Beteiligten ist weiblich. (fotos: Roland Scheitz)

„Das Glück is a Vogerl, gar liab, aber scheu“, heißt es in einem alten Wiener Lied. Denn ehe man sich versieht, ist es davongeflogen. Viele Menschen neigen dazu, Orakel wie Horoskope zu befragen, wie viel Glück die Zukunft denn für sie bereit halten wird. Kein Wunder also, dass sich die Abschlussveranstaltung des Bremen-Norder Literaturfestivals „Gastgeber Sprache“ in ganz unterschiedlichen Texten dem Glück in all seinen Facetten widmete. Und zum Knuspern zwischendurch lagen für das Publikum Glückskekse bereit.

Das Festival war von Ende Februar bis Ende April mit 35 Lesungen in Bremen-Nord an über 20 verschiedenen Orten über die Bühne gegangen. Wie groß die Autorenszene ist, zeigt die hohe Zahl von 50 Beteiligten. In der Krimibibliothek der Zentralbibliothek wurde eine Auswahl der Geschichten beim „Welttag des Buches“ von den Autorinnen und Autoren bemerkenswert professionell vorgetragen. Und so wurden immer wieder Querverbindungen hergestellt, etwa mit einem lauten „Hört her, ihr lieben Leute!“

Coach und Schauspielerin Franziska Mencz hatte die Texte mit den Autorinnen und Autoren szenisch einstudiert. Gelesen wurden Texte von Anne Achner, Knut Addicks, Dietmar Horbach, Rega Kerner, Cornelia Knösel, Gerhard Koopmann, Fernande Kuhlmann-Kirchmeyer, Ursula Pickener, Maren Schmidt, Gabriele Stein, Christa Thiekötter, Jochen Windheuser, Ilse Windhoff und natürlich von Heide Marie Voigt, die gemeinsam mit Martin Renz, dem Leiter der Stadtbibliothek Vegesack, das Festival zum vierten Mal organisiert hat. Hier eine kleine Auswahl der mal amüsanten, dann wieder ernsten und nachdenklichen Geschichten.

Beim Glück geht‘s auch um Liebe

„Toujours l‘amour“: Beim Glück geht es auch immer wieder um die Liebe, die laut Schlagerweisheit von Conny Francis bekanntermaßen „ein seltsames Spiel“ ist. Das würde Carrie Bradshaw, Kolumnistin und Heldin der US-amerikanischen Kultserie „Sex and the city“, wohl sofort unterschreiben. Immer wenn es in ihrer „On/off“-Beziehung mit ­„Mister Big“ wieder einmal nicht so lief, mussten neue, sündhaft teure Luxus-Schuhe her, vorzugsweise von Manolo Blahnik. Dabei soll es ja auch nicht wenige Damen geben, die das seltsame Spiel der Liebe viel pragmatischer angehen, wie die kokette Pariserin Colette etwa, die sich in der gleichnamigen Kurz­geschichte nicht nur „die neuen roten Pumps“ gönnt, sondern gleich das ganze Programm: einen alten Millionärs-Galan, der ihr jeden materiellen Wunsch von den Augen abliest.

Und da ihr Verlobter, der „süße Pierre“, im Bett eher schwächelt, hat sich Colette gleich noch den jungen knackigen Chauffeur Colbert im Brad Pitt-Look fürs Erotische ausgeguckt. Und wie es zu dieser Win-win-Konstellation kam? Tja, Glück muss Frau haben, seufzt Colette, in diesem Fall erwiesen sich die schicken neuen, etwas zu kippeligen roten Pumps als echte Glücksbringer. War sie doch mit ihrem Absatz mitten auf der Straße stecken geblieben und, oh Zufall, der Limousine ihres Millionär-Daddys direkt vor die Räder gefallen. Über so viel Glück kann Busenfreundin Francoise beim gemeinsamen Treffen im Café de Paris nur staunen und vor Neid über so viel Chuzpe erblassen.

„Dusseligkeit kann auch manchmal Glück bringen“, so das Resümee einer weiteren Autorin, der mit ihrem schnittigen Rennrad ein ähnliches Malheur passiert ist, wie der flotten Colette. Also ab zum Notarzt und der ist nicht nur kompetent und sehr nett, sondern auch noch ein Beau, der 15 Jahre jünger als sie ist. Fazit der alleinstehenden Dame: Da geht doch noch was, oder? 

Öde Beziehungsdiskussionen

Vielleicht ist Pragmatismus zumindest in einer offenen Zweierbeziehung durchaus angebracht. Denn Beziehungsdiskussionen können mitunter ganz schön öde sein. Wie in einem weiteren Text, der vorgetragen wurde. Er: „Immer, wenn ich an dich denke, ist es so, als wären wir nie ein Couple gewesen, sondern nur gute Freunde.“ Sie: „Du bist viel zu sehr mit dir selbst beschäftigt und in dich selbst verliebt.“ Und schließlich unvermittelt: „Bist du eigentlich glücklich?“ Er: „Ist doch alles Hokuspokus, der Glauben ans Glück, ist doch alles nur reiner Zufall!“ Sie: „Holzkopf, was hat dich so verbittert?!“

Dass eine junge Liebe durch grundverschiedene Lebensanschauungen erheblich ins Wanken geraten kann, zeigte eine ironische Variation zum Thema „Bauer sucht Frau“. Darin beschimpft die frisch verliebte Lena den Bio-Bauern Lennart: „Nenn‘ mich nicht Liebling, du Tier-Mörder! Ich will dich nie wieder sehen.“ Immerhin seien liebevolle und einfühlsame Schweinchen Glückssymbole.

Aber auch ein düsterer Rachefeldzug der Befreiung von dem Minderwertigkeitskomplex, eine fleischgewordene Enttäuschung zu sein, kann Glücksgefühle auslösen. An die verkorksten Tochter-Mutter-Beziehungen, die die österreichische Provokateurin Elfriede Jelinek in ihren Werken immer wieder lustvoll seziert hat, erinnerte ein expressiver Text. Darin wird ein Mutter-Monster geschildert, das so hart wie matt gebürsteter Edelstahl ist und in dem sich die Tochter nie spiegeln konnte. So schmal und schlank wie eine tödliche Waffe. Schließlich fällt diese Mutter rückwärts die Treppe hinunter und bricht sich das Genick. „Ich werde ein buntes Kleid auf ihrer Beerdigung tragen und tanzen, tanzen!“, jubiliert die Tochter trotzig, die es den Idealvorstellungen der Hassfigur Mutter zeitlebens nicht recht machen konnte.

Schließlich: Auch in einem Lernprozess kann ein Glücksgefühl liegen. So, wie es einer Lehrerin ergangen ist, die in ihrer Klasse zunächst auf Desinteresse an der Sonderschau in der Kunsthalle: „Hans Christian Andersen – Poet mit Feder und Schere“ stieß. Langsam seien die Schülerinnen und Schüler dann aufgetaut, als es hieß: „Ihr seid dran!“ Und da kamen sie zum ­Vorschein, die veritablen Glücksgefühle des Selbermachens von Scherenschnitten und Selberschreibens dazu passender Geschichten. Beflügelt von dem glückbringenden Geist des großen dänischen Dichters.


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Leserkommentare
kretzschmar am 23.10.2019 15:04
So sieht das aus, 9 Millionen arbeiten im niedrig Lohn Bereich, (Mindestlohn) das sind die zukünftigen Renten Aufstocker. Was eigentlich eine ...
holger_sell am 23.10.2019 14:58
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