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Traditionsladen im Viertel
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Tabak Bollmann schließt nach 83 Jahren

Christiane Mester 06.06.2018 2 Kommentare

Geht in den wohlverdienten Ruhestand: Harry Bollmann bediente die Kundschaft schon als Kind.
Geht in den wohlverdienten Ruhestand: Harry Bollmann bediente die Kundschaft schon als Kind. (Fotos: Walter Gerbracht)

 „Nach 83 Jahren ist nun Schluss“, kündet ein schlichter Zettel im Schaufenster von Tabak Bollmann von der bevorstehenden Geschäftsaufgabe. In den Vitrinen liegen alte Dokumente und Fotos, die von den Anfangsjahren des Geschäfts erzählen. Nicht jeder nimmt sie wahr. So wird mit Wochenbeginn manch einer unerwartet vor verschlossener Türe stehen, während Harry Bollmann zum ersten Mal seit Jahren an einem Montagmorgen ausschlafen kann. Theoretisch, denn erstmal muss noch ausgeräumt werden.

27 Jahre alt war Harry Bollmann, als er in das Geschäft mit Tabakwaren einstieg. Anfang der 1980er-Jahre übernahm er den Laden Vor dem Steintor an der Ecke zur St. Jürgen Straße von seiner Großmutter. Bereits als Kind stand er bei seiner Oma Klara Bollmann hinterm Tresen und hat die Kunden selbständig bedient. „Kindergarten oder Hort, sowas gab es damals nicht. Die Kinder haben sich selbst beschäftigt und ich habe eben im Laden geholfen“, erzählt er von der Nachkriegszeit, wie er sie erlebt hat.

Raths-Apotheke
Traditionsreich und nicht wegzudenken aus Bremen: die Raths-Apotheke auf dem Bremer Marktplatz. Sie ist fast 500 Jahre alt und war in den ersten 100 Jahren ihres Bestehens ohne Konkurrenz. 
 Am Markt 11, 28195 Bremen
Ludwig von Kapff
Das Weinkontor Ludwig von Kapff blickt auf eine lange Geschichte im Bremer Weinhandel zurück: das Traditionsgeschäft feierte 2017 sein 325-jähriges Bestehen. 
Wachmannstraße 16, 28209 Bremen/ Konsul-Smidt-Straße 8 J, 28217 Bremen
 Schreibkultur 
Das Schreibwarengeschäft in der Bremer Innenstadt blickt auf ein 157-jähriges Bestehen zurück, eröffnet wurde der Laden von Georg Adam Dörrbecker in der Sögestraße. 1997 musste der Vertrieb in die Domshof-Passage umziehen, von wo er seit 2015 von der Dortmunder Pro Büro & Kopier GmbH geführt wird. Der Laden muss Ende des Jahres schließen.
Domshof-Passage, 28195 Bremen
Cigarren Niemeyer
Vom einstigen Tabakstandort Bremen ist nicht mehr viel übrig geblieben. Den Einzelhändler Cigarren Niemeyer aber gibt es seit nunmehr eineinhalb Jahrhunderten. Martin Niemeyer eröffnete sein Geschäft 1864 gegenüber der alten Börse, heute wird es in der vierten Generation familiengeführt. 
Domshofpassage 21 A, 28195 Bremen
Fotostrecke: Diese Bremer Traditionsgeschäfte gibt es noch

Im Laden an der Ecke gab es immer schon viel Laufkundschaft, und so hat er früh gelernt mit Menschen umzugehen. Und mehr noch: Kopfrechnen konnte Harry Bollmann lange bevor er in die Schule kam. Dass der Steppke darüber hinaus auch alle gängigen Zigarren- und Zigaretten-Marken auswendig aufsagen konnte, war eine Kompetenz, mit der Harry Bollmann im Schulunterricht allerdings weniger punkten konnte.

Ein Kind im Tabakrauch

Heutzutage wäre das alles geradezu unvorstellbar. Ein Kind im Vorschulalter, das den ganzen Tag in tief hängenden Schwaden von Tabakrauch verbringt und dabei auch noch arbeitet? Das ist eine Szene, wie sie heute als sogenanntes Schock-Bild zur Abschreckung auf der Zigarettenpackung abgebildet ist. „Die bringen übrigens nichts“, wechselt Bollmann an dieser Stelle das Thema und meint: „Wer rauchen will, der raucht.“ Er selbst ist den ganzen Arbeitstag umgeben von hunderten von Todeswarnungen und Sucht anklagenden Fotos. Und das für seinen Teil auf keinen Fall rauchfrei. „Ich sehe das gar nicht mehr, und außerdem schaue ich ja hauptsächlich meine Kunden an und nicht die Regale hinter mir.“ Dass das alles schon am kommenden Montagmorgen Vergangenheit ist, sei ihm noch nicht wirklich bewusst, sagt er.

Harry Bollmann heißt eigentlich Harry Klaus Bollmann und damit genau so wie sein Großvater und wiederum so ähnlich wie sein Vater, Klaus Harry Bollmann. Der Großvater gab im Jahr 1935 seine Unterschrift für die Ladengründung her und der Zwischenname spielte bei den Bollmanns über die Weitergabe an die nächste Generation hinaus, schon damals keine Rolle. Etwas anderes war sehr viel wichtiger. Das Geschäft, das die Großmutter führte, wurde offiziell eingetragen als „Tabakwarengeschäft Harry Bollmann-Ehefrau“.

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„Zu der Zeit war es einer Frau nicht gestattet, einen eigenen Laden unter ihrem Namen zu eröffnen“, berichtet Bollmann. Über die Namensgebung hinaus hatte der Großvater jedoch nicht viel mit dem Laden zu tun. Er arbeitete am Bremer Amtsgericht, und genau das sollte sich einige Jahre nach der Geschäftsgründung noch als hilfreich erweisen. Nach dem Krieg blühten in Bremen wie vielerorts sonst auch, die Schwarzmärkte und das Geschäftsfeld von Klara Bollmann, die Tabakwaren, waren ein besonders wertvolles Tauschgut. Das ging eine gewisse Zeit lang gut, sagt Bollmann. „Eines Tages wurde sie dann aber mal erwischt und landete im Knast.“ Die Haftzeit von drei Tagen saß Klara Bollmann nicht hinter Schloss und Riegel ab. „Meine Oma hatte damals schon offenen Vollzug, die kannten meinen Opa gut und eingekauft haben sie alle bei uns“, sagt Bollmann und schmunzelt. Der Laden zählt zu den ältesten Geschäften im Viertel. „Mir fällt sonst nur noch die Fleischerei Safft ein“, sagt Bollmann.

Jedes neue Zusatzgeschäft brachte einen Staubfänger

Das Tabakwaren-Fachgeschäft lag Gründerin Klara Bollmann sehr am Herzen. Anfangs war sie gar nicht begeistert, als die zweite Frau des Sohnes den Verkauf von Zeitschriften und Magazinen einführen wollte. Sie ließ sich erweichen. Später kam dann Lotto dazu, und es dauerte noch viele Jahre bis es Süßigkeiten, Bücher, Prepaid-Karten und Straßenbahntickets zu kaufen gab. Die wohl größte Veränderung brachte die Erweiterung als Paket-Shop. „Das ist die Zukunft“, meint Bollmann, der an diesem Tag allein in der ersten Stunde nach der Mittagspause sieben Warensendungen scannt, die Personalausweise der Abholer überprüft und Belege ausdruckt. „Tabakläden werden über kurz oder lang sterben“ - da ist Bollmann sicher. „Die Margen sind immer niedriger angesetzt worden und die Printmedien sind rückläufig“, erklärt Bollmann, warum es sich nicht mehr lohnt, einen Laden wie seinen gewinnbringend zu betreiben.

Im Laufe der Jahre hat ihm nahezu jedes Zusatzgeschäft einen neuen Staubfänger an den Tresen gebracht. Bollmann bedient das EC-Karten-Lesegerät, den Handykarten-Drucker, den Hermes-Scanner mit integriertem Drucker, ebenso die BSAG-Station und das Lotto-Terminal. Zu guter Letzt ist da noch der Router, der den kleinen Laden mit dem Rest der Welt verbindet. „Morgens, wenn ich im Dunkeln reinkomme, blinkt der Tresen wie ein Flugzeug-Cockpit.“ In zwei Tagen gehen diese Lichter aus. Ein für alle mal und Harry Bollman startet in den wohlverdienten Ruhestand. Reisen will er, sagt er. „Ansonsten werde ich mich wohl erstmal dran gewöhnen müssen, dass ich so viel Zeit habe.“


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Leserkommentare
Opferanode am 20.10.2019 15:14
@ Bunker
Bei Ihnen weiß ich nicht immer, ob Sie das ernst meinen, was Sie schreiben. Kann ja auch ironisch gemeint sein?
Wenn Sie von ...
alterwaller am 20.10.2019 15:01
INITIATIVEN !!!

Zu hoch, zu flach, zu breit, zu lang. Die Fenster passen nicht zum Umfeld und was ist mit begrünten Dächern ? Da wird ...
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