Über das Zusammenspiel von Erinnerungen und Schreiben

Für Laura Müller-Hennig klappt das mit dem Schreiben am Besten, wenn sie nicht zuhause ist. Ihre Kreativität kann sie nun auch mit einem Stipendium ausspielen.

Foto: privat

Die Bremer Autorin Laura Müller-Hennig findet Kreativität abseits von zu Hause.

Laura Müller-Hennig sitzt im Café Engel. Die junge Bremer Autorin sitzt gerne hier, in einer Ecke hinter ihrem Laptop, um zu arbeiten. Es ist eines ihrer Lieblingscafés im Viertel. „Ich brauche keine absolute Stille zum Schreiben“, erklärt sie, „nur eine mittlere Ruhe.“ Dann könne sie abschalten und sich konzentrieren. Bisher habe sie nur Kurzgeschichten verfasst, einen Roman zu schreiben stelle für sie eine neue, große Herausforderung dar. Genau das aber wird von ihr gefordert, jetzt, da sie das Bremer Autorenstipendium des Senators für Kultur erhalten hat – gemeinsam mit Annegret Achner, mit der sie sich den Preis teilt. Die beiden Bremer Autorinnen wurden unter 50 Bewerbern ausgewählt. „So viele wie seit vielen Jahren nicht“, wie es auf der Seite des Bremer Literaturkontors heißt, der die Vergabe der Stipendien betreut.

Eingereicht hatte Müller-Hennig ein Exposé und eine zehnseitige Leseprobe zu ihrem Romanprojekt „Die Oma im Baum“. „Der Titel war zuerst da“, erzählt die 34jährige mit dem kecken Kurzhaarschnitt, „Auf das was beim Schreiben herauskommt bin ich selbst gespannt!“ Den Inhalt der noch zu (er-)findenden Geschichte bringt sie aber bereits auf den Punkt: „Es geht um das Aufwachsen eines Kindes in einem Bremer Randstadtteil unter dem Eindruck des Verlustes der Großmutter und einer guten Freundin. Es geht um verstorbene Freunde, um Themen, die mich geprägt haben“.

Müller-Hennig wird ihren Roman aus der Perspektive eines etwa sieben jährigen Mädchens erzählen, wobei sie „konsequent die kindliche Sicht“ wiedergeben will, „aber im Ton eines Erwachsenen“. Die Nicht-Anwesenheit der Großmutter soll sich durch gesamten Roman ziehen. Wenn das Mädchen sich erinnert, hört sich das dann so an: „Da ist noch der von Oma geerbte Lehnsessel, mit seinem seidig dünn gewebten Überzug, der genau an der Stelle durchgewetzt ist, wo die Hände aufliegen, wenn man sitzt. Hier lagen Omas Hände. Die meiner Mutter. Meine. […] Die Möbel sind mit Spinnweben überzogen, als hätten die Spinnen für jedes Stück vergangene Zeit ein Stück Faden gewebt.“ In einem sehr poetischen, fast lyrischen Stil spinnt Müller-Hennig eine Geschichte um ihre Romanfigur, die den Verlust geliebter Menschen auf ihre Art verarbeitet. Die Autorin verbinde „gekonnt kindliche Imaginationskraft mit blitzlichtartigen Erinnerungen“ heißt es zu ihrer eingereichten Textprobe in der Jurybegründung.

Auf einer Lesung wurde Müller-Hennig einmal gefragt, welche ihrer Kurzgeschichten sie wirklich erlebt habe? „Keine und alle“, lautete ihre Antwort, „keine so richtig, aber alle ein wenig.“ Für sie als Autorin sei es „nicht zu vermeiden, dass sich etwas verändere“ in ihren Erzählungen: „Erinnern bedeutet immer, dass es sich schon verändert, während man sich erinnert.“  Außerdem stecke in dem Wort Erinnern „innen“ drin, sinniert Müller-Hennig im Café Engel. Die Autorin kehrt also in erinnerungshaften Erzählsequenzen immer auch ihr Inneres nach außen und verändert es dabei: „Ich kann meine Phantasie nie stoppen und das Bedürfnis, es in etwas anderes zu formen.“

Um die große Form des Romans zu erreichen, mit der sie noch keine Erfahrung habe, möchte Müller-Hennig sich Zeit nehmen: „Wenn ich den Roman wirklich schaffen will, würde ich mir Aufenthalte in Ateliers wünschen.“ Denn das „Finden des kreativen Moments“ erreiche sie besser, wenn sie weit weg von zu Hause sei. Ihre Romanidee sei auch während eines Wochenendes an der Ostsee entstanden. Die junge Autorin hofft für ihre kreativen Schaffensphasen auf Aufenthalte in Künstlerhäusern an der Ostsee oder in Worpswede, denn das mit 2 500 Euro übersichtlich bemessene Bremer Autorenstipendium wird für eine Fertigstellung ihres Romans kaum ausreichen. Zumal Müller-Hennig noch nicht einmal weiß, ob sie das Preisgeld überhaupt wird annehmen dürfen, da sie aus gesundheitlichen Gründen auf Grundsicherung angewiesen ist und es möglicherweise damit verrechnet werden muss. Das wird sich zeigen.

Die junge Autorin freut sich dennoch sehr über das Autorenstipendium und ist dankbar, da es sie in jedem Fall zum Schreiben motiviere. Außerdem erhoffe sie sich Betreuung während des Schreibprozesses, so, wie es sie es in der „Prosa-Werkstatt“ von Michael Wildenhain erfahre. Ebenfalls organisiert vom Bremer Literaturkontor treffe sie sich hier mit fünf weiteren Stipendiaten zum gemeinsamen Austausch über das literarische Schaffen. Die Ergebnisse der Gruppe werden in einer öffentlichen Abschlusslesung am 06. Dezember um 20Uhr im Kukoon präsentiert. Ihr Romanprojekt, „Die Oma im Baum“, wird Müller-Hennig im Rahmen einer „Lesung der Stipendiaten“ im Januar vorstellen.

Ihr schriftstellerisches Wissen und Können gibt Müller-Hennig bereits seit einiger Zeit regelmäßig in einer Schreibwerkstatt für Jugendliche von 14-19 Jahren weiter. Diese vermittelnde Tätigkeit mache ihr viele Dinge bewusst, über die sie sonst nicht gestolpert wäre, sagt sie. Die Diskussion über Formulierungen, Sprachphänomene und Wortwahl bringe sie auch in der eigenen Schreibarbeit deutlich weiter. Neben der Schreibwerkstatt von Colin Böttger im Literaturkontor habe sie außerdem am meisten in der Schreibgruppe des Blaumeier-Ateliers in Bremen-Walle gelernt.

Das sei eine „zufällige, sehr, sehr glückliche Begegnung“ vor vielen Jahren gewesen, von der sie immer noch profitiere: „In der wöchentlichen Schreibgruppe kann ich mich frei entfalten und lerne immer etwas neues dazu.“ Sie freue sich schon auf das Erscheinen eines bestimmten Buchs im kommenden Jahr: Darin werden die Schreibwerkstatt und die Fotogruppe zu denen sie zählt, vorgestellt. Bleibt zu hoffen, dass sich ihre Leserschaft bald über ein Erscheinen der „Oma im Baum“ freuen darf.

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