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Kunstwerk an der Erlöserkirche
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Graffiti-Weltkugel verzichtet auf Grenzen

Silja Weißer 28.04.2019 0 Kommentare

Muss gar nicht dick auftragen, um zu glänzen: der Graffitikünstler Sven Dankleff an der Erlöserkirche.
Muss gar nicht dick auftragen, um zu glänzen: der Graffitikünstler Sven Dankleff an der Erlöserkirche. (PETRA STUBBE)

Ländernamen und Grenzen. All das gibt es nicht auf der Weltkugel. Seit Freitag prangt sie als Graffiti über dem Eingang der evangelisch-methodistischen Erlöserkirche in Schwachhausen. Das Leben von Gottes Händen getragen, vereint die Menschen auf diesem Erdball, so lässt sich die Aussage des gesprühten Kunstwerks zusammenfassen. Unterschiede aufgrund von Religionszugehörigkeit, Hautfarbe oder Sprache spielen keine Rolle. Eine achtfache Ausführung des Wortes „Willkommen“ unterstreicht wofür die 120 Gemeindemitglieder sich einsetzen: für Weltoffenheit und ein Miteinander ohne Vorurteile.

Knapp eine Woche Arbeit steckt in dem 14 Meter breiten und 3,60 Meter hohen Werk von Sven Dankleff. Der diplomierte Kunsttherapeut perfektioniert seit 25 Jahren sein Können mit Spraydosen. Seit zwölf Jahren fertigt er Auftragsarbeiten in Bremen und Umgebung an und übernimmt Jugendprojekte, bei denen er das Verschönern von Wänden professionell anleitet. Seine eigene Firma „Treibwerk“ gründete er vor sechs Jahren.

Extra gemietete Hebebühne

Doch Profi hin oder her, das regnerische Wetter machte Dankleff einen Strich durch die Rechnung. „Auf feuchtem Untergrund sprühen, das wäre nur Pfusch, das platzt alles ab“, erklärt er. Trotz aller Erfahrung – für den 41-Jährigen stellt die runde Wand des Gebäudekomplexes an der Schwachhauser Heerstraße 179 auch bei guten Wetterbedingungen eine Herausforderung dar, vor der er bislang noch nie stand. Erstmals in seiner Karriere musste eine extra gemietete Hebebühne her, die ihn bis zu acht Metern hoch trägt und beim Arbeiten ein wenig Spielraum nach rechts und links lässt. Dabei stellt sich der steinerne Blumenkübel auf dem Boden als Hindernis in den Weg. Auch mit der schwebenden Plattform lässt sich nicht richtig um die Kurve gucken, um die Höhen der Schriftzüge abzugleichen und die Abstände zur Weltkugel anzupassen. So dirigierte ihn am ersten Abend sein Bruder, projizierte die Vorlage per Beamer auf den Grund und gab ihm mit zentralem Blick aufs Motiv Anweisungen.

Dazu kam die Sorge, bei den vielen fremden Sprachen auch nur einen Buchstaben falsch zu schreiben. Ob Japanisch, Arabisch, Portugiesisch, Litauisch oder persisches Farsi, das habe er alles fünf Mal abgesichert, versichert Dankleff und nickt dabei mit hochgezogenen Augenbrauen. Die Sprachen sind nicht zufällig gewählt, sondern spiegeln wider, aus welchen Nationen größtenteils die Gemeindemitglieder kommen, die sich aktiv engagieren, erläutert Pastorin Susanne Nießner-Brose.

Dankleff reicht es nicht, die Erde auf die Fläche zu bringen, dass man sie als solche wiedererkennt. „Ich achte auf jedes Detail“, betont er und lacht: „Sogar Malle ist mit drauf“. Während der Arbeit begibt sich der Künstler auf eine Metaebene, wie er selbst sagt und erzählt: „Ich war in Gedanken bei Freunden, die in den jeweiligen Ländern wohnen. Da ist mir bewusst geworden, dass es wir alle auf einer Erde wohnen und Grenzen egal sind.“

Die größte Schwierigkeit habe darin bestanden, um die runde Mauer herum zu arbeiten, ohne die Kugel zu verzerren. Aus 80 Prozent der Blickwinkel sei ihm das gelungen, vollständig jedoch nicht, bedauert der Berufssprayer. Damit nicht genug, bilden die Hände ein zentrales Motiv – „der Ritterschlag unter den Sprayern“, wie Dankleff weiß. Mit zehn verschiedenen Tönen, von Hautfarben bis Olivgrün und Braun arbeitet er sich von Farbverlauf zu Farbverlauf zu einer realistischen Darstellung vor. Je feiner die Fadings, so der Fachbegriff für Übergänge, desto plastischer, erklärt der Graffiti-Künstler.

Warum nicht von vornherein ein anderes Bildthema? „Meistens habe ich schon die passende Idee im Kopf, wenn der Auftrag kommt“, erzählt Dankleff. Bis kurz vor Beginn seien noch Hände mit Schmetterlingen als Alternative im Spiel gewesen. Doch die Erde zeige am besten, wofür die Kirche stehe: für Weltoffenheit.

Das betont auch immer wieder Pastorin Nießner-Brose. Schwerpunkt der Arbeit im Haus liege auf der Flüchtlingsarbeit. Ob Sprachkurse, Ausflüge, das internationale Café „Tiramisu“ oder Kirchenasyl und sogar eine muslimische Hochzeit – das Haus kenne keine Ausgrenzungen und Abweisungen. Leider wüssten zu wenige Leute, was sich hinter den weißen Mauern verbirgt, obwohl sich die Kirche seit 1950 in Bremen befindet.

Noch bis vor drei Jahren gab ein Schild am Eingang zumindest einen Hinweis auf den „Treffpunkt Arche“, einem Verein in den Räumen der Erlöserkirche mit einem Angebot an Seminaren, Kursen und Gesprächskreisen. Seit dieser auf finanziellen Gründen geschlossen wurde, sei Vielen nicht bekannt, was es mit dem Gebäude hinter der großen Eiche auf sich hätte, bedauert Nießner-Brose. Viele radelten seit 20 Jahren vorbei, ohne zu wissen, dass es hier eine Kirche gibt. Was und wie etwas an die leere Wand gebracht werden sollte, war lange Zeit nicht klar, nur dass etwas geschehen musste, berichtet sie.

Die Idee, ein leuchtendes Band als digitale Anzeige, auf die Mauer zu bringen, wurde bald verworfen. Zu hip. Zu textlastig. Am Ende stand der Entschluss fest, ein gespraytes Bild mit Symbolcharakter in Auftrag zu geben. Gleich zwei Gemeindemitglieder dachten dabei spontan an Dankleff. Der Achimer und der Sebaldsbrücker Bahnhof tragen dessen Handschrift sowie diverse Mauern und Flächen, die zuvor als Schmierfläche von Wildsprayern missbraucht wurden, wie etwa eine Mauer am Parkplatz eines Supermarktes an der Oberneulander Heerstraße, Ecke Apfelallee. Das jüngste Großprojekt des Graffiti-Künstlers ist eine Arbeit auf dem Werksgelände von Mercedes zur Einführung des neuen Elektroautos. An neuen Aufträgen mangelt es nicht.

Nießner-Brose freut sich, die lokale Spray-Größe für die Kirche gewinnen zu können. „Günstig war der Spaß nicht, aber wir erhoffen uns in Zukunft mehr Aufmerksamkeit“, sagt sie. Die große Weltkugel zieht schon bei ihrer Entstehung die Blicke auf sich. „Viele Leute bleiben stehen und fotografieren das Werk“, beobachtet Dankleff.

Mitte bis Ende der Woche, so hofft er, wird das Graffiti fertig sein. Noch fehlen zwei Finger der Hände und hier und dort einige Feinheiten. Zwei volle Arbeitsstunden, wenn das Wetter mitspielt. Dann allerdings ohne Hebebühne. Die stand nur für die ersten beiden Tage zur Verfügung. Weiter geht es mit einem Metallgerüst, das bis sechs Meter Höhe reicht. Das reicht für den Rest Welt.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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