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Digitaler Kapitalismus
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Das Gold des 21. Jahrhunderts

Christiane Mester 19.10.2018 0 Kommentare

Hält nichts vom Kapitalismus: Buchautor Timo Daum.
Hält nichts vom Kapitalismus: Buchautor Timo Daum. (Walter Gerbracht)

Buntentor. Das Zeitalter der Privatheit ist vorbei, sagt der Berliner Autor Timo Daum und meint, der einzige Ausweg sei die Flucht nach vorn: Unsere Daten sollten der Allgemeinheit zur Verfügung stehen, damit sie nicht allein den Digitalkonzernen, sondern dem Gemeinwohl dienten. Im Kukoon sprach der Autor mit Wirtschafts- und Arbeitssenator Martin Günthner über sein Buch, „Das Kapital sind wir. Zur digitalen Ökonomie“.

„Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts und es sind die Nutzer, die mit ihren Aktivitäten auf den Internetplattformen, den digitalen Kapitalismus am Laufen halten“, sagt Timo Daum. Die Informationen, die bei der Nutzung vermeintlich kostenloser Internetdienste anfallen, werden von den Internetkonzernen vielfach gewinnbringend genutzt. „Wir erzeugen mit unserem Gebrauch einen geldwerten Vorteil, aber wir werden dafür nicht bezahlt“, so Daum weiter. Diese Verwertungslogik mache den Nutzer selbst zum Kapital, erklärte er den Titel seines 2017 erschienen Buches.

Der Autor und Hochschullehrer ist kein Wirtschaftswissenschaftler, sondern Physiker, der lange in der IT-Branche gearbeitet hat, wie er auf dem Podium im Kukoon erzählte. Dementsprechend skizzierte Timo Daum seine Analyse der digitalen Ökonomie, anhand eines technischen Beispiels: GPS. Was ursprünglich vom US-Verteidigungsministerium entwickelt, Mitte der 80er-Jahre für den zivilen Gebrauch geöffnet und im Jahr 2000 in seiner Ortungsgenauigkeit stark verbessert wurde, habe nicht nur Branchen wie die Industrie und die Logistik verändert. „Wir alle benutzen es ganz selbstverständlich auf dem Smartphone, um auf dem kürzesten Weg von A nach B zu kommen.“

Bei dieser originären Nutzung habe sich für den Endnutzer allerdings ein einflussreicher Vermittler dazwischengeschaltet: „Der Kartendienst Google Maps ist mittlerweile zum Synonym geworden für das Navigieren mit GPS“, fährt Daum fort. Ein Grund für diese marktbeherrschende Stellung sei, dass Europa oder auch Deutschland, keine Alternativen hervorgebracht hätten. Das wollte Wirtschaftssenator Martin Günther nicht gelten lassen und grätschte dazwischen: „Die europäische Antwort auf GPS ist Galileo und die Satelliten dafür werden in Bremen gebaut.“

Timo Daum kritisiert die Übermacht der Digitalkonzerne, hält jedoch nichts davon, den technologischen Fortschritt zurückdrehen zu wollen. Die breite Mehrheit der Bevölkerung wolle nicht mehr auf das Internet oder das Smartphone und die damit verbundenen Dienste und Web-Services verzichten. „Wir tauschen Bequemlichkeit gegen Daten“, sagte er. Nichtsdestotrotz störten sich viele Menschen an der Datensammelwut der Internetkonzerne und im Umgang mit dieser Problematik hätten sich nutzerseitig betrachtet, zwei Lager herausgebildet.

„Die einen sind der Ansicht, dass es zu spät ist und nehmen alles hin. Die anderen versuchen sich zu verweigern und melden sich zum Beispiel bei Facebook ab.“ Beide Strategien seien wirkungslos. „Wir leben im Post-Privacy-Zeitalter, es gibt keinen Weg zurück“, stellte Timo Daum seine Sicht auf den Status Quo klar. Er sprach sich dafür aus, die Daten der Internetnutzer der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, damit diese, so Daum wörtlich, dem Gemeinwohl zugute kämen. Wie das im Einzelnen geschehen soll, sagte er nicht.

Die digitalisierte Gesellschaft zeichnet sich vor allem durch die räumliche Entgrenzung aus. „Kann die Politik das überhaupt noch überblicken“, meldete sich eine Frau aus dem Publikum zu Wort. Gefragt nach den Gestaltungsmöglichkeiten einer Landesregierung, antwortete Martin Günthner: „Wir können Facebook in Bremen nicht verbieten, so viel ist klar.“

Timo Daum ging die Sache grundsätzlich an: So lange der Kapitalismus existiere, seien alle Versuche, die negativen Folgen einzuhegen, sinnlos: „Daten-Löschpflicht, Besteuerung oder Zerschlagung der Digitalkonzerne, das ist alles Kosmetik.“ Das System habe sich überlebt und müsse abgeschafft werden.

Weitere Informationen

Das Buch, „Das Kapital sind wir. Zur digitalen Ökonomie“, von Timo Daum, ist 2017 im Verlag Edition Nautilus erschienen, hat 272 Seiten und kostet 18 Euro.