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Brandbrief der Grundschule Karl-Lerbs-Straße an Senatorin: Lehrer am Limit und unzureichende Förderung
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Eltern fordern besseren Unterricht

Karin Mörtel 23.03.2017 0 Kommentare

SUD Ganztagsgrundschule an der Karl-Lerbs-Straße Schulelternsprechervertreter
Mit dieser bunten Begrüßungsformel heißt die Ganztagsgrundschule an der Karl-Lerbs-Straße Schüler, Eltern und Besucher willkommen. Auch die Schulelternsprecherinnen, Veronika Schlierf (links) und Eila Ngetha-Schneider, sagen „Hallo“ und richten ihren Blick auf die Bildungssenatorin. Denn die Elternschaft hat ihr einen Brandbrief geschickt und klagt darin über zu viele Missstände vor Ort. (Roland Scheitz)

„Als Eltern sind wir alarmiert“, heißt es in dem Schreiben an die Senatorin angesichts der Zahlen, die die Väter und Mütter allein für den Monat Februar in Erfahrung gebracht haben: Demnach waren für 74 Stunden Klassen aufgeteilt worden. Außerdem betreuten pädagogische Fachkräfte die Klassen in 43 Unterrichtsstunden – es hat jedoch kein Unterricht stattgefunden. 28 Stunden Regelunterricht wurde zwar durch Sonderpädagogen vertreten. Dadurch fiel allerdings im Gegenzug die sonderpädagogische Förderung aus, die in diesem Zeitraum eingeplant war.

„Wir wollen nicht länger hinnehmen, dass in einem hohen Maß Unterrichtsstunden ausfallen, auch wenn das seitens der Behörde verschleiert wird“, kritisiert daher Elternsprecherin Veronika Schlierf. Denn eine reine Betreuung reiche bei Weitem nicht aus. „Unter diesen Umständen werden die Kinder möglicherweise mehr verwahrt als unterrichtet“, befürchtet Schlierf. 

Und auch in den vielen Fällen, in denen Klassen aufgrund von Personalausfällen aufgeteilt würden, fände keinesfalls der ursprünglich vorgesehene Unterricht statt, berichtet sie. Zusätzlich wurden in Spitzenzeiten Klassen bis zu 85 Stunden überwiegend durch nicht voll ausgebildete Kräfte der Stadtteilschule unterrichtet, wie Bachelor- oder Masterstudenten.

Darüber hinaus hätten über Monate Fachkräfte für eine Inklusionsklasse gefehlt, die seitens der Behörde an der Schule kurz vor Schuljahresbeginn eingerichteten worden sei. Die Betreuung dieser „W+E-Klasse“, in der Kinder mit Wahrnehmungs- und Entwicklungshemmnissen betreut werden, hätten wiederum andere Sonderpädagoginnen der Schule mit elf Wochenstunden übernommen. Ausfälle der Regel-Förderung seien die Folge gewesen. „Wie kann Inklusion gelingen, wenn es viel zu wenig Personal dafür gibt?“, fragt sich Schlierf angesichts dieser Umstände. Das Ziel, allen Kindern die gleichen Bildungschancen zu eröffnen, sei auf diese Weise gefährdet, erklärt Schlierf.

Die Sorge der Eltern gelte darüber hinaus aber auch den Lehrern und Erziehern an der Schule. „Das Personal dort tut sein Bestes, und wir stehen auch voll hinter dem Kollegium und der Schulleitung“, versichert Veronika Schlierf. Aber wenn die Vertretungsressourcen an allen Ecken und Enden nicht ausreichten, würden die Belastungen für die Lehrer, Erzieher und letztlich auch die Schulleitung in einem nicht zumutbaren Maße ansteigen. „Das führt dann wieder zu weiteren Krankmeldungen, das ist ein Teufelskreis, der schnell beendet werden muss“, fordert die Elternsprecherin Bildungssenatorin Bogedan zum Handeln auf.

In der Bildungsbehörde zeigt Annette Kemp Verständnis für die Sorgen der Eltern: „Aufgrund von Elternteilzeit und Mutterschutz konnten über das bisherige Schuljahr 2016/17 insgesamt 85 Lehrerstunden nicht ,in der üblichen Besetzung‘ gegeben werden. Das ist eine äußerst schwierige Situation“, teilt die Sprecherin der Bildungssenatorin auf Nachfrage mit.

Inzwischen habe sich allerdings die Lage deutlich entspannt, sagt Kemp. Da seit dem 1. März 22 Stunden durch eine Lehrerin aus dem Vertretungspool der Senatorin für Kinder und Bildung sowie 37 Stunden über Kräfte der Stadtteilschule vertreten werden. „Unsere Schulaufsicht ist in engem Kontakt mit der Schulleitung, um Lösungen zu finden, teilweise mit Erfolg“, so die Sprecherin der Bildungssenatorin.

Darüber hinaus sei mittlerweile eine Sonderpädagogin für die „W+E“-Klasse eingestellt worden, was wiederum zu einer Entlastung der anderen Sonderpädagoginnen führe. Allerdings handele es sich keineswegs um ein finanzielles Ressourcenproblem, sondern um das Problem, die Stellen mit Köpfen zu besetzen, betont die Sprecherin. „Es wird fieberhaft an einer Verbesserung der Lehrkräfte-Gewinnung gearbeitet“, teilt Annette Kemp mit.

Schulleiter Manfred Fuhrmann verweist ebenfalls darauf, dass sich die Lage an der Schule bereits deutlich verbessert habe. „Der Februar war ein harter Monat, und wir hatten im ersten Halbjahr einen holprigen Start, aber jetzt läuft es gut“, versichert er.

Die belastende Situation für das Lehrerkollegium habe sich ergeben, weil vier Lehrerinnen zeitgleich in Mutterschutz und Elternzeit waren. „Das ist eine Ausnahmesituation, die man nicht so leicht kompensieren kann“, so Fuhrmann. Denn Ersatz sei schwer zu finden angesichts der Tatsache, dass Vertretungskräften vergleichsweise unattraktive Arbeitsverträge angeboten würden. „Das ist ein allgemeines Problem, das in der Bildungsbehörde grundsätzlich überdacht werden sollte“, findet der Schulleiter.

Ebenfalls politischen Handlungsbedarf sehen die Eltern bei der Situation der Sonderpädagogen: „Völlig inakzeptabel ist, dass der Ausfall durch Krankheit von Sonderpädagogen automatisch zum Ausfall der Förderung führt, da es dafür prinzipiell keine Vertretung gibt“, sagt Elternvertreterin Veronika Schlierf. Werde für dieses Problem keine dauerhafte Lösung gefunden, „so ist der Inklusionsgedanke gefährdet.“

„Unter diesen Umständen werden die Kinder möglicherweise mehr verwahrt als unterrichtet.“ Elternvertreterin Veronika Schlierf