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Schulleiterin Judith Mahlmann spricht über ihren neuen Job am Schulzentrum Neustadt
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„Es fühlt sich an wie nach Hause kommen“

Karin Mörtel 21.09.2017 0 Kommentare

SÜD / Neue Ltg. SZ-Neustadt / Judith Mahlmann
Ist nach drei Jahren Unterbrechung als Direktorin gern an das Schulzentrum Neustadt zurückgekehrt: Judith Mahlmann.  (Walter Gerbracht)

Sie sind nach drei Jahren Unterbrechung als Direktorin an die Schule zurückgekehrt, an der Sie Ihre Lehrerausbildung absolviert haben. Was ist nach den ersten Wochen in Ihrer neuen Funktion Ihr erster Eindruck?

Judith Mahlmann: Es war für mich ein Gefühl wie nach Hause kommen. 2014 ist es mir schwer gefallen, zu gehen. Ich habe es aber nie bereut und in Blumenthal gute Erfahrungen gemacht und viele Dinge gelernt, die ich heute für die Leitung des Schulzentrums brauche. Nun bin ich sehr froh, dass ich im Lehrerkollegium in so viele vertraute Gesichter blicke. Ich fühlte und fühle mich mit den Schülern, den Kollegen und auch mit den vielfältigen Bildungsgängen, die es bei uns gibt, einfach sehr wohl. Und ich muss praktisch nur einmal über die Straße gehen, um in mein neues Büro zu kommen. Besser hätte es für mich nicht laufen können.

Gibt es Reibungspunkte aufgrund der Tatsache, dass Sie früher Lehrerin an der Schule waren und nun plötzlich die Vorgesetzte Ihrer damaligen Kollegen?

Bei mir kommt an, dass der Rollenwechsel unproblematisch war. Ich hoffe jedenfalls, dass es für den Großteil genauso ist, mehr kann ich mir nicht wünschen.

Sie sind für über 1000 Schüler in 15 unterschiedlichen Bildungsgängen verantwortlich. Wie bekommen Sie die alle unter einen Hut?

Die Schülerschaft ist von der Werkstufe bis hin zum Abitur in mehr als 60 Klassen strukturiert. Und wichtig ist in dieser großen Schule, dass ich nicht für jeden einzelnen Schüler verantwortlich bin, sondern dafür, dass insgesamt alles gut organisiert ist und reibungslos läuft. Ich arbeite im erweiterten Schulleitungsteam mit über zehn Kolleginnen und Kollegen sehr gut zusammen. Und ich verstehe mich mehr als Impulssetzerin, damit die Klassen- und Fachlehrer, die ja an erster Stelle bei den Schülern sind, einen guten Unterricht machen können. Ich sehe mich nicht in der Rolle, darüber zu bestimmen, was mit jedem einzelnen Schüler passieren soll. Sondern ich habe das Vertrauen, dass die Kollegen für die Schüler das Beste erreichen.

Kann bei dieser großen Schülerschaft, die so unterschiedliche Bildungsziele verfolgen überhaupt ein Gemeinschaftsgefühl entstehen?

Unser „Sportfest der Begegnung“, das wir kürzlich veranstaltet haben, ist dafür ein gutes Symbol. Dort konnten sich bei Spielen wie Brennball oder dem Menschenkicker völlig verschiedene Schüler kennenlernen, die im Schulalltag nicht viel miteinander zu tun haben. Aber dort hatten sie in völlig gemischten Gruppen einen riesen Spaß und es ging gar nicht mehr ums Gewinnen. Das war schön, mit anzusehen. Wir wissen, dass es große Unterschiede gibt, was Herkunft, Bildungsvoraussetzungen und Ansprüche, die unsere Schüler an sich selber haben, betrifft. Aber das ist für das Kollegium auch so spannend, darauf einzugehen. Hier gibt es in den verschiedenen Sparten der beruflichen Schulen einen Platz für jeden, der zu uns kommen mag.

Ihre Schule trägt die Auszeichnung „Schule ohne Rassismus“ und „Schule mit Courage“ – wie leben Sie das im Schulalltag?

Wer sein Gegenüber durch Begegnungen wie auf dem Sportfest kennenlernt, hat weniger Vorurteile und tritt auch eher für den anderen ein. Und genau das wollen wir unseren Schülern vermitteln. Wir wollen jegliche Art von Diskriminierung und unfairem Verhalten gegen andere unterbinden. Egal, ob der Gegenüber eine andere Hautfarbe oder andere familiäre Voraussetzungen im Leben hat. Ein gutes Beispiels für Courage zeigt für mich deshalb auch die Figur Neville Longbottom aus dem Buch „Harry Potter“. Seine Schulgemeinschaft Gryffindor gewinnt den Hauspokal dafür, dass er sich seinen Freunden in den Weg stellt, weil er nicht richtig findet, was sie vorhaben. Unsere Schüler sollen diese Stärke in sich tragen, zu sagen: Da mache ich nicht mit und ich finde auch nicht gut, wie du das machst. Wenn ich unsere Schüler im Miteinander beobachte, kann ich feststellen, wir haben tolle Schüler, die das so leben.

Reicht also der eine Schulsozialarbeiter, den die Stadt finanziert, für die hohe Schülerzahl aus?

Das ist für mich zum Teil ein anderes Thema. Es gibt bei uns als berufliche Schulen einen hohen Bedarf an Berufsberatung und Unterstützung bei der Suche nach Ausbildungsplätzen. Vor allem kommen heute viele private Probleme unserer Schüler hinzu, bei denen sie Unterstützung brauchen. Natürlich wünsche ich mir wie sicher viele meiner Berufskollegen mehr, ein multiprofessionell aufgestelltes Team bei den Beratungsangeboten. Allerdings kenne ich auch die Haushaltslage des Landes.

Berufliche Bildungsgänge haben sicherlich viele Anknüpfungspunkte, praktische Erfahrung in der Umgebung zu sammeln. Welche Verflechtungen gibt es da mit dem Stadtteil?

Wir sind gut vernetzt mit Betrieben in der Nähe, an denen unsere Schüler ihre Pflichtpraktika absolvieren. Größere Kooperationen hat die Fachrichtung Hauswirtschaft mit der Bremer Heimstiftung. Wir arbeiten eng mit der Werkstatt Bremen zusammen. Viele der Mitarbeiter arbeiten in unserer Werkstufe, wir öffnen die Schule aber auch für deren Qualifizierungskurse, was wir als sehr gelungene Inklusion und Integration behinderter Menschen betrachten. Es gibt enge Kontakte zur Zionsgemeinde, was die sozialen Bildungsgänge angeht, wir sind beim Airbus-Projekt des SOS-Kinderdorfes dabei und vieles mehr. Aber Luft nach oben ist immer.

Wie sieht es mit der Zusammenarbeit mit der Kita auf Ihrem Gelände aus?

Da gibt es einen regen Austausch mit den angehenden Sozialassistenten und Erziehern. Nochmals enger als zuvor wird sicherlich die bestehende Kooperation, wenn erst in ein paar Jahren der Neubau fertig ist. Dort sind dann die Kindergruppen und unsere angehenden Erzieher unter einem Dach vereint – das bietet tolle Möglichkeiten.

Was sind die Kernkompetenzen, die Sie allen Ihren Schülern mit auf den Weg geben möchten?

Das Bewusstsein darüber, wer sie sind, was sie können und was sie wollen. Jenseits der Fachkenntnisse, des Wissens und der Fertigkeiten geht es immer darum, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Ich möchte, dass alle wissen, dass ihnen die Welt offen steht, aber auch, welcher Ausschnitt davon für sie der richtige ist, um voran zu kommen. Und dass Durchhaltevermögen sich auszahlt und sie auch später noch weiter lernen und einen anderen Weg einschlagen können, wenn ihnen etwas fehlt.

Das Gespräch führte Karin Mörtel.